Indonesien: Kampf gegen sexuelle Gewalt

(MY) Silvia war schweigsam – immer noch. Sie wollte mit niemandem sprechen und schloss sich im Schlafzimmer ein. Die Tür öffnete sie nur, wenn sie von einer der Schwestern zum Essen gerufen wurde – oder wenn Waschzeit war. Zusammen mit anderen Kindern, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden waren, wohnte sie mehrere Monate in einem Kloster der Steyler Missionsschwestern. Silvia wurde von ihrem eigenen Vater vergewaltigt. Und das regelmäßig, immer wenn ihre Mutter mit dem Gemüseverkauf auf dem Markt im Dorf beschäftigt war. Silvia hatte zu große Angst, ihrer Mutter davon zu erzählen – denn ihr Vater hatte ihr gedroht, sie mit einem Messer umzubringen, wenn sie irgendjemanden davon wissen ließe.

Zudem: wenn Silvia ihrer Mutter davon erzählen würde, wäre die ohnehin nur wütend auf sie. Das Mädchen wusste von anderen sexuellen Übergriffen dieser Art in ihrem Dorf. Eine ihrer besten Freundinnen bekam Schläge von ihrer Mutter und vom Vater, als ein Freund der Mutter erzählte, dass der Vater sie bereits mehrmals sexuell missbraucht hatte.

Der sexuelle Missbrauch an Silvia ist nicht der einzige Fall dieser Art, den die Caritas Maumere derzeit betreut. Es gibt in Maumere viele weitere Mädchen mit Erfahrungen wie denen von Silvia, die dringend Hilfe benötigen.

„Uns wird sehr häufig von gewalttätigen Übergriffen berichtet, von Misshandlung von Frauen, von Kinder und über häusliche Gewalt. Wir sind einigen dieser Fälle nachgegangen, denn wir haben nur sehr begrenzte Ressourcen“, erklärt uns Heny Hungan, als wir das Projekt in Maumere besuchten. Heny ist die Koordinatorin für rechtliche Unterstützung und medizinische Versorgung des Projektes, das u.a. von TRUK-F (Tim Relawan Untuk Kemanusiaan Flores“ – Flores’ Volunteers for Humanity) ins Leben gerufen wurde.  Zusammen mit der Caritas Maumere versucht sie, für Opfer häuslicher Gewalt die bestmögliche Hilfe zu gewährleisten.

Als eine Organisation der Caritas Maumere leistete TRUK-F humanitäre Hilfe, als die Gewalt in der ehemaligen indonesischen Provinz Timor systematisch zunahm. Hunderttausende von Menschen wurden hier intern vertrieben, als es nach den Wahlen (2007) zu Morden und Vergewaltigungen kam, Häuser abgebrannt wurden und Infrastruktur zerstört wurde. Später konzentrierten TRUK-F und Caritas Maumere ihre Arbeit darauf, Opfer von Gewalt rechtlich zu vertreten und zu unterstützten. Das sind vorwiegend Frauen oder Kinder auf Flores Island, wo die Zahl der Gewaltverbrechen besonders hoch ist. Caritas international unterstützt hier seit 2008 Unterkünfte und Frauenhäuser, in denen die Misshandelten einen sicheren Ort des Aufenthaltes finden. Die Frauen werden hier medizinisch versorgt. Wichtig ist vor allem die professionelle Traumaarbeit, um ihnen bei der Bewältigung des Erlebten zu helfen. Darüber hinaus erhalten sie eine rechtliche Beratung und Begleitung. Trainingskurse für die betroffenen Frauen und Mädchen sowie eine öffentliche Kampagne zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen gehören zur Arbeit der Caritas Maumere, die zudem Informationsmaterial über häusliche Gewalt und über Kinderhandel erstellt.

Stolpersteine

Einfach ist diese Aufgabe nicht. „Häufig wird unser Team von der Familie wie ein Feind betrachtet. Als wir unsere Kampagne von Tür zu Tür trugen, begegneten uns  insbesondere die Männer mit sehr viel Ablehnung, erzählt Dafrosa Keytimu. „Sätze wie ‚Halten sie sich aus unseren Familienangelegenheiten raus‘, hörten wir immer wieder.“ Dafrosa reist im Rahmen der Kampagne gegen häusliche Gewalt gemeinsam mit ihren freiwilligen Helferinnen von Dorf zu Dorf. Männer waren nur selten im Team dabei.

In Flores Island spielen patriarchale Strukturen noch in allen Bereichen der Gesellschaft eine große Rolle und haben auf alle Bereiche des Lebens großen Einfluss. Männer haben in der Familie das Sagen, sie betrachten Frauen oft als ihr Eigentum, das auch verkauft werden kann – auf alle Fälle sollen die Frauen ‚folgsam‘ sein, da sie den Männern ‚gehören‘. „Um auch Männer als Unterstützer für die Kampagne zu gewinnen, binden wir die Priester als Aktivisten in die Kampagnenarbeit ein. Einige von ihnen sprechen nun in ihrer Montagspredigt über Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Wir haben auch einen Dokumentarfilm über Frauen erstellt, der die Kampagne gegen häusliche Gewalt zeigt.“
Caritas Maumere sammelt zum einen die Berichte über Fälle von häuslicher Gewalt, die den ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen der Pfarrgemeinden zu Ohren kommen. Des Weiteren wertet Caritas Berichte und Daten der Polizei und anderer Institutionen aus. Nach einer ersten Beratung der Opfer werden die Fälle in einer eigenen Kartei nach folgender  Chronologie  dokumentiert: Geheimhaltungsstatus, Einfühlung, Ermächtigung der Betroffenen. Die Fälle werden einzeln von einem Team ausgewertet, um sie einordnen und die Auswirkungen auf das Opfer abschätzen zu können. Und wenn die Betroffenen sich der Reichweite ihrer Gewalterfahrung bewusst sind, werden mit ihnen gemeinsam Lösungswege ausgearbeitet, zum Beispiel, ob gerichtlich oder außergerichtlich vorgegangen wird. Caritas Maumere unterstützt dann den von den Opfern oder den Familienangehörigen gewählten Weg.

Im Falle von Silvia wurde die Sache vor Gericht gebracht. Nachdem Caritas Maumere die Gerichtsverhandlungen begleitet hatte, verurteilte  der Richter den Vater zu elf Jahren Gefängnis. Silvia gewann zwar das Verfahren, doch den Vorfall konnte sie nicht vergessen. Noch immer ist sie mit dem unerwünschten Baby überlastet. Zuerst wollte sie es abtreiben, doch das Team von Maumere vertritt hier eher eine pro-life als eine pro-choice Position – eine lebenserhaltende anstelle einer freien Wahlentscheidung. „Das ist keine einfache Aufgabe, doch wir tun unser Bestes, um die Opfer davon zu überzeugen und zu ermutigen, ihr Leben weiter zu führen. Oft sprechen wir mit Familienangehörigen um darüber einig zu werden, wer die Sorgepflicht und Verantwortung für das Kind übernimmt. Viele Familienmitglieder erklären sich bereit, das Kind zu adoptieren. Dann müssen wir den rechtlichen Status des Kindes klären“, erläutert Schwester Eustochia, die Koordinatorin von TRUK-F. Auch betreuen die Schwestern so genannte unerwünschte Kinder, die niemand adoptieren will,  in ihrem Kloster und teilen sich die Verantwortung mit anderen Stiftungen, die für Waisen sorgen.

Yayasan Nativity ist eines der Waisenheime, das ich während meiner Reise in Maumere besuchte. Trotz seiner begrenzten Möglichkeiten managen die drei Frauen, die sich hier der Betreuung der Kinder verschrieben haben, mehr als 20 Kleinkinder unter fünf Jahren. „Derzeit haben wir einfach zu wenig Kinderkleidung“ sagte mir eine der Betreuerinnen.

 

Sehr oft finden sich die Opfer von Gewalt in einem Dilemma. So konnte Silvia nach der Geburt ihres Kindes nicht länger bei ihren Eltern wohnen, sie zog zu der Großmutter. Einige betroffene Frauen leben dann bei einer Tante oder werden gar gezwungen, auf eine andere Insel zu ziehen – auch um dem Gefühl der Schande zu entgehen. Vergewaltigungen sind für die Opfer sehr beschämend, und unglücklicherweise sehen andere Familienmitglieder sie oft als Fluch oder Schande.

„Die Begleitung von Opfern häuslicher Gewalt ist ein Muss, doch unabhängig davon brauchen wir Programme und Kampagnen, um die Menschen über die Würde und Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu sensibilisieren,“ betont Emman Embu, der Programmmanager des Projektes gegen Häusliche Gewalt der Caritas Maumere.

Silvia wird eines Tages ihrem Vater vielleicht verzeihen – doch die Gewalterfahrung wird sie ihr Leben lang kaum vergessen können.

Euer Michael Yudha

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