Indonesien: Sri Mulyo – Der Bogenschütze

(MY) Jeder Mensch hat einen Traum. Auch Sri Mulyo. Seit seiner Geburt leidet er an Polio. Als Teenager wurde er sehr schüchtern, hatte wenig Selbstvertrauen – denn die Menschen zweifeln an seinen Fähigkeiten. Aber er gab seinen Traum nicht auf: Mulyo wollte Verteidiger der Menschenrechte werden. Und Bogenschütze.

Er wuchs in dem Dorf Klaten auf, umgeben von Reisfeldern. Hier lernte er, dass die Natur jedem Menschen viel gibt. Er genoss die Schönheit der Umwelt rund um das Dorf, lebte zusammen mit seiner Familie, die er liebt. Das half ihm dabei, eher die positive denn die negative Seite der Ereignisse zu betrachten, die er erlebt hatte. Da er in einer sehr einfachen Familie geboren wurde, konnte er nur die Sekundarschule absolvieren, und machte dann seinen Abschluss auf der Technikschule in Klaten. Anschließend arbeitete Mulyo zwei Jahre lang in einer Elektronikfirma in Bandung. „Die Arbeit hat mir keine Freude bereitet – und die Atmosphäre dort war nicht besonders zuvorkommend. Also habe ich mich entschlossen, wieder nach Hause zurückzukehren.“

In Klaten trat er einer Organisation für Menschen mit Behinderung bei, der PPCK. Hier war er täglich zugange, mit Workshops, Treffen, Lobbyarbeit und Aktivitäten für den Lebensunterhalt. Er realisierte, dass diese Arbeit eine Herausforderung war – nicht nur in Bezug auf „Behinderungen“. „Da ging es im Grunde um Menschenrechte, die sehr eng mit anderen Themenfeldern wie Politik, Ökonomie, Kultur, Bildung und sozialen Belangen verknüpft sind. Dieses Feld ist für mich nicht nur interessant, weil ich selber mit einer Behinderung lebe“, sagt Mulyo. „Mir wurde hier bewusst, wie wenig die Gesellschaft darüber Bescheid weiß, wie wenig Informationen und Wissen es über Behinderungen gibt.“

Die Erdbeben, welche die Provinz Yogyakarta 2006 erschüttert haben, forderten auch in Klaten viele Verwundete, Zerstörung und Verlust. Damals trat Mulyo der Organisation Karina KAS bei, einer Caritas Diözese, die gemeindebasierte Programme zum Wiederaufbau insbesondere für Menschen mit Behinderungen unterstützten. Jahre später wurde er nach Sukoharjo geschickt, um dort entsprechende Projekte zu unterstützen. „Die Rechtshilfe hier ist ein sehr abwechslungsreicher Bereich und sehr interessant. Mit wenigen Ressourcen können wir hier viel erreichen. Die Lokalregierung hat zwei Kioske und zwei Grundstücke kostenlos bereitgestellt, auf denen die Menschen mit Behinderung eigenständig für ihren Lebensunterhalt sorgen“, erklärt Mulyo. Er hat den Dorfbewohner/innen die Fischzucht beigebracht, und wie man organischen Kompost einsetzt – damit sie ihre Nachbarn mit Behinderungen darin unterstützen können. Dieses Projekt wurde für Mulyo wegen des Aspektes der Integration eine Herausforderung: „Mit der Arbeit veränderte sich das Nachbarschaftsverhältnis – es entstanden familienähnliche Beziehungen“, erzählt er und strahlt.

Kürzlich nahm Mulyo an den ASEAN Para Games in Solo teil. Hier treffen sich Vertreter/innen von Sportgruppen mit Behinderungen aus ganz Südostasien – es finden Wettkämpfe in verschiedenen Disziplinen statt. „Ich nahm beim Bogenschießen teil – aber leider konnte ich keine Medaille gewinnen. Sechs Monate lang hatte ich mich intensiv auf den Wettkampf vorbereitet. Den Bogen und die Pfeile habe ich teilweise von meinem eigenen Geld gekauft, manches davon musste ich mir aber auch leihen. Unterstützung bekam ich zunächst keine. In allerletzter Minute bot mir dann die Regierung an, einen neuen Bogen zu benutzen, der ihnen gehörte. Doch das war zu spät, denn ich muss mich auf den neuen Bogen ja erst einstellen.“

Für Mulyo ist Bogenschießen ein einmaliger Sport – geradezu eine Herzenssache. Benötigt wird Ausdauer und Konzentration. Am Ende wissen die Athleten  nicht, wer gewonnen hat, erst wenn die Jury das Ergebnis verkündet. 36 Pfeile müssen ins Ziel geschossen werden. Die Zeit, bis das Ergebnis bekannt gegeben wird, fühlt sich für Mulyo so ähnlich an wie der Besuch beim Arzt, wenn man auf gute oder schlechte Nachrichten wartet. Im kommenden Jahr will Mulyo an den nationalen Para Games teilnehmen, und auch die ASEAN Games will er nicht missen.

Mulyo will die Goldmedaille im Bogenschießen holen. Auf was er in seinem Leben zielt, hat er längst entschieden: Als Sozialarbeiter und Menschenrechtsaktivist für Menschen mit Behinderungen hat Sri Mulyo seinen Weg gefunden.

Michael Yudha

 

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