Libanon: Andrang bei Caritas

(LL) Unweit der syrischen Grenze, nordwestlich von Beirut, liegt die Region Baalbek. Tausende Flüchtlinge haben sich hier niedergelassen. Viele von ihnen registrieren sich bei Caritas, damit sie Hilfsgüter erhalten, die sie dringen benötigen. Caritas Sozialarbeiterin Bernadette organisiert die Registrierung und die Verteilung der Güter.

Nahrungsmittel, Hygieneprodukte, Babywindeln, Kochgeschirr: Vielen fehlt es am Notwendigsten.

Als Bernadette durch den Hausgang zu ihrem Büro möchte, ruft ihr die Nachbarin zu: „Heute rennen sie Dir die Bude ein“. Und in der Tat: vor dem Büro sitzen auf den Stufen rund 50 Personen, meist Frauen, die darauf warten, sich bei Caritas registrieren lassen zu können. Als sie die Sozialarbeiterin sehen, beginnen alle gleichzeitig zu sprechen, jeder möchte etwas von ihr, noch bevor sie in ihrem Büro ist.

Sie bleibt ruhig, antwortet entschieden und verteilt kleine weiße Papierzettel mit Nummern, so geht es der Reihe nach. Nur eine Frau schlüpft durch die Menge: sie ist im neunten Monat schwanger und kann nicht so lange stehen. Sie fragt, ob sie ein paar Dinge fürs Baby haben könnte und geht strahlend einem neuen Strampelanzug davon. Später am Vormittag kommen zwei Frauen, gebürtig aus Zabadani, einer seit Monaten umkämpften Stadt in Syrien. Die ganze Familie ist etwa vor zwei Wochen nach Baalbek gekommen. Um über die Grenze zu gelangen, mussten sie die syrischen Soldaten bestechen, sonst hätte das Militär die Großfamilie nicht rübergelassen. Eine der beiden, die sich nicht fotografieren lassen wollen, beginnt von den letzten Monaten in Zabadani zu berichten. Von den Bombardierungen. Den bewaffneten Männern, die kleine Kinder mit dem Gewehr bedrohen. Sie hat Tränen in den Augen. Dann schaltet sich auch ihr Cousine ein, sie will scheinbar von einer Granate berichten, die ganz in ihrer Nähe eingeschlagen ist. Aber ohne Dolmetscher ist das nicht zu verstehen. Sie versucht es mit Gesten. Zeigt immer wieder, dass etwas von oben kam und aufgeschlagen ist und etwas, dass dann neben ihr hochgegangen ist. Je öfter sie versucht, die dramatische Situation zu beschreiben, desto bizarrer und komischer wird ihre Pantomime. Und schließlich bricht sie in schallendes Gelächter aus. Wahrscheinlich kann man solche Erlebnisse nicht anders bewältigen.

Bei der Registrierung bei Caritas wird kontrolliert, wann jemand über die Grenze gekommen ist, woher die Personen stammen, wer alles zur Familie gehört. „Wir müssen das machen, damit die Hilfe wirklich bei den Richtigen ankommt“, erklärt Bernadette. Sobald wir können, gehen wir die Familie besuchen und klären ab, was sie brauchen. Lebensmittel oder Decken, Kleidung oder Windeln. Das können sie dann bei uns im Zentrum abholen. „Im Moment ist der Bedarf so groß, dass wir kaum nachkommen, die Familien zu besuchen. Es werden immer immer mehr!“, seufzt Bernadette. Ein Tag in der Registrierungsstelle der Caritas zeichnet eine Landkarte des Krieges in Syrien. Geschichten, die sich ähneln, Geschichten von Angst, Gewalt und Ohnmacht. Und doch gibt jedes einzelne Schicksal diesem Krieg ein ganz individuelles Gesicht.

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