Jordanien: Wie ein gelöschtes Feuer

(LL) So traurig, ernst und betrüblich alle Beiträge bisher waren; immer gab es irgendwo einen Hoffnungsschimmer, ein Kinderlachen, eine Sehnsucht, einen letzten Funken Energie. Irgendwas war da immer. Das wird auch heute so sein, denke ich. Guten Mutes mache ich mich zu  Nuhad und ihrer Familie auf. 

Manchmal verlischt auch der letzte Funken Hoffnung

Nuhad ist 65, heißt mich freundlich, mit dünner Stimme willkommen. Sie führt mich in ihr Zimmer, das sie seit einem Jahr zu acht bewohnen. Sie, ihr Bruder, ihr Sohn, die Schwiegertochter, Enkelkinder. Als ich eintrete, muss ich mich erst orientieren. Statt einer Rückwand hat das Zimmer ein großes Rolltor zur Straße hin, ähnlich dem verbeulten Tor einer Hinterhofwerkstatt. Es schließt nicht sauber ab, am Boden sind Decken und Kissen gestapelt, damit es nicht so zieht. Gleich neben der Zimmertüre kauert eine Frau an der Wand. Sie ist um die dreißig. Sie nimmt mich nicht wahr, wippt vor und zurück, kaut mit offenem Mund vor sich hin. Einige Meter weiter hockt ein Kind und starrt in den Fernseher. An der Decke surrt eine Neonröhre.

Nuhad bittet mich, auf einer dünnen Matte am Boden Platz zu nehmen. Sie sitzt mir gegenüber, ein graues Tuch auf dem Kopf. Sie hockt da, auf dem blanken Beton, ihr Gesicht ist ausgemergelt, müde. Fotografiert werden möchte sie nicht. Nuhads Sohn verdient im Libanon ein bisschen was als Gelegenheitsarbeiter. Sie berichtet von der Flucht aus Homs. Sie habe dort noch Verwandte, wisse aber nicht, wie es ihnen geht. Ob ihr Haus noch stehe? „Keine Ahnung“. Ob sie Kontakt habe mit ihren Angehörigen? „Ja, aber das klappt nur selten.“ Die Witwe versucht wohl, die Familie irgendwie zusammenzuhalten, doch sie wirkt auf mich wie ein ausgeleiertes Gummiband, hat alle Elastizität verloren.

Häufig erwacht der Gesprächspartner zu neuem Leben, wenn man ihn über die Kinder, die Enkel befragt. Also versuche ich das. Was die denn so den ganzen Tag machten? „Herumsitzen. Fernsehen. Aber meistens sitzen sie hier herum.“ In der Tat, der fünfjährige Sohn starrt immer noch in den Fernseher, die Tochter, etwa 10, flackt auf einem Kissen, spielt mit den Haaren. Sonst regungslos. Ich probiere es anders. Ob die Enkelkinder denn einen Ort hier in der Gegend besonders gerne haben, ob sie etwas „Besonderes an sich haben“? Nuhad denkt einen Moment nach. „Ja, es gibt etwas Ungewöhnliches.“ Ich atme auf. Bis die Großmutter meine Frage beantwortet. „Sie machen nachts wieder ins Bett. Seit dem Krieg.“ Die Kinder gehen nicht in die Schule. „Sie waren mal dort, aber dann gab es Streitereien zwischen jordanischen und syrischen Kindern. Jetzt geht sie nicht mehr hin. Jetzt sind sie den ganzen Tag hier.“

Ich stoße an meine Grenzen. Ich sehe diese zerbrechliche, zu früh gealterte Frau, die früher bestimmt einmal sehr schön gewesen ist. Neben mir die apathische Schwiegertochter, die paralysierten Kinder. Ich fühle mich wie an einer Feuerstelle, die mit Wasser übergossen wurde. Da ist kein Feuer mehr, keine Glut, keine Wärme, kein Rauch. Da ist nichts mehr. Der Krieg hat aus dieser Familie lebendige Tote gemacht.

Ich verabschiede mich, gehe nach draußen und bin froh, dass die Sonne scheint.

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