26. März 2013   | Neuer Kommentar

Japan: Spielen, Bastlen, draußen sein – endlich!

Am 11. März 2013 jährt sich zum zweiten Mal der Jahres tag der Dreifach-Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall in Japan. Auch zwei Jahre danach sind die Folgen des Desasters noch immer deutlich spürbar. So müssen insbesondere im Umfeld des Reaktors von Fukushima tausende Menschen weiterhin in Behelfsunterkünften leben.

Viele der betroffenen, teilweise traumatisierten Menschen sind auf psycho-soziale Unterstützung angewiesen. Wie geht es den betroffenen Opfern heute? Dürfen die Evakuierten aus dem verstrahlten Gebiet um das havarierte Kernkraftwerk je wieder zurück in ihre Heimat? Die Antworten auf Fragen wie diese geben Mitarbeiter(innen) unserer Partner-Organisationen, die in unserem Blog aus ihrem Arbeitsalltag berichten.

Freizeit, endlich!

Japan_Feuermachen_Atsushi_Naoe„Guck mal, ich habe eine Heuschrecke entdeckt. Oh, sie ist mir entflohen; wohin ist sie nur?” “Ich will einmal ins Freie auf die Schaukel.“ „Ich möchte einmal diesen Baum anfassen.“ Ganz gewöhnliche Kinderdialoge? Nicht für die Kinder aus der Region Fukushima. Was für andere Kinder normal ist – Natur zu erleben und im Freien zu spielen – ist für sie etwas Besonderes. Inzwischen. Seitdem der Kernkraftwerkunfall vom 11. März 2011 ihre Heimat verstrahlt hat, seit Luft und Erde dort dermaßen radioaktiv sind, dass sie nicht mehr ins Freie dürfen. Seit zwei Jahren müssen sie eingesperrt bleiben, in den Kindergärten, in den Schulen, zu Hause – auch wenn draußen die Sonne noch so schön scheint und die früheren Spielplätze noch so einladend wirken, sich einmal unter freiem Himmel wieder richtig im Freien auszutoben.

Darum veranstaltet die Hilfsorganisation AAR Japan und die Deutsch-Japanische Gesellschaft Dortmund, unterstützt von Caritas international, Freizeiten für diese Kinder, in denen sie, in weniger belasteten Regionen, wieder einmal Natur erleben dürfen. Zum Beispiel in der Stadt Nishi-Aizu. Sie liegt in einer landschaftlich herrlichen, mit vielen Naturschönheiten gesegneten Region im äußersten Westen der Präfektur Fukushima, dort wo die radioaktive Belastung mit rund 0,8 Mikrosievert in der Stunde relativ gering ist.

Angeleitet von Experten stellten die Kinder im Workshop Soba-Nudeln selbst her (braungraue Buchweizen-Nudeln, die zur japanischen Küche gehören). Sie bastelten mit Bambus und machten ein Lagerfeuer. Das brachte ihnen ein Mann bei, den die Japaner als den „Weltmeister im Feuermachen“ bezeichnen: Hideki Sekine, der professionell alte japanische Handwerkskünste und Brauchtum erforscht und an zwei Universitäten und einer Kunstakademie doziert.

Hideki Sekine zeigte den Kindern zunächst einmal, was man mit Bambus alles machen kann. Nachdem die Jungen und Mädchen Bambusrohre geschnitten und Löcher in sie gebohrt hatten, entstanden daraus Flöten und Schlaginstrumente, Tassen oder auch Spritzpistolen. Feuer sollten die Kinder ohne moderne technische Hilfsmittel machen, so wie in den Urzeiten: Mit nur einem Stück Holz, einer dünnen Schnur und einem Teller, auf dem kräftig gerieben werden musste, entzündeten sie nach einiger Zeit tatsächlich ein Feuer. Das war nicht nur für die Kinder, sondern auch deren Eltern eine völlig neue Erfahrung. Mehrere Versuche schlugen zwar fehl, aber keiner der Teilnehmenden gab auf. Als dann endlich ein Feuer brannte, brachen alle in Freudenjubel aus.

Die Kinder kosten jeden Moment eine solche Freizeitwoche aus, denn sie wissen ganz genau: Sie werden in Fukushima wieder viele Monate lang eingesperrt bleiben müssen, bis sie sich wieder einmal in einer Wiese wälzen oder einen Baum anfassen dürfen.

Atsushi Naoe/Stefan Teplan

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Archiv, Asien, Rechte für Kinder

Über Monika Hoffmann

Monika Hoffmann ist Referentin bei Caritas international / Online Redaktion

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