Haiti: Murat hat Angst

Ingmar Neumann, unser Mitarbeiter von Caritas international, der im März nach Haiti reiste, um verschiedene Projekte, die er betreut, zu besuchen, wird erneut mit den widersprüchlichsten Erlebnissen konfrontiert. In seinen Tagebucheinträgen lässt er uns daran teilhaben.An diesem Nachmittag tauchen in meinem Hotel in Léogâne plötzlich zwei UN-Soldaten auf. Sie kommen aus Tunesien und suchen ein Zimmer. Kritisch wird das Hotel beäugt, das angebotene Zimmer kontrolliert. Schließlich bekommt der einheimische Fahrer den Auftrag das Gepäck zu holen.
Abends bei einem Bier kommen wir ins Gespräch. Baba erzählt, dass sie nun seit 14 Tagen in Haiti sind und bei der UN-Polizei ihren Dienst tun. Sie sind tunesische Polizisten und sollen hier ein Jahr lang mitarbeiten. Der erste Einsatzort war in Port-au-Prince. Vor zwei Tagen wurden sie nach Léogâne abgeordnet. Was mir Baba weiter erzählt, entspricht in keinstem Fall meinen Erwartungen. Es geht um Angst, Unsicherheit und Einsamkeit. Die Uniformen strahlen Autorität und Sicherheit aus. Die Tunesier fühlen sich jedoch ganz anders. Zu fremd ist diese Welt. Zu wenig entspricht das Leben hier ihren Erwartungen. Aus dem UN-Quartier in Léogâne sind die beiden heute geflüchtet. Die Nacht dort wird ihnen mit jeweils 90 US Dollar berechnet. Ein stolzer Preis – das Doppelzimmer in unserem Hotel kostet dagegen „nur“ 85 US Dollar. Dazu haben sie sich im UN-Quartier nicht sicher gefühlt. Als einzige Tunesier kommen sie sich in der Kaserne verloren vor. Die Landsleute, vertraute Verhaltensweisen – Sicherheit – fehlen. Der Rest des tunesischen Kontingents ist verteilt, viele sind in Port-au-Prince stationiert. Murat hat große Angst. Er will zurück nach Port-au-Prince. Seit zwei Tagen hat er nicht gegessen und nicht geschlafen. Baba versucht seinen Freund zu stärken, ihm zu helfen, aber es gelingt nicht. Murat vermutet überall Gefahren, er weiß nicht, wem er vertrauen soll, was er bedenkenlos essen kann. Die Spannung ist Murat anzumerken. Er weiß nicht, wie er das hier schaffen soll. Der Job ist hart: 45 Tage am Stück Patrouillen fahren: Präsenz zeigen, verhindern, dass bewaffnete Banden allabendlich in den Zeltsiedlungen plündern und vergewaltigen. In dieser Zeit gibt es keinen freien Tag. Danach haben sich die Soldaten acht freie Tage erarbeitet. Baba träumt davon, an diesen freien Tagen nach Kuba zu fliegen, Miami zu erkunden oder in der Dominikanischen Republik zu relaxen. Murat will einfach nur weg. Sofort.

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Autor: Ingmar Neumann

Ingmar Neumann ist bei Caritas international für den Bereich Stiftungskooperationen und Unternehmenspartnerschaften zuständig.

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