Die Woche des Hochwassers – Tagebuch eines Betroffenen

Was sich dieser Tage in Deutschland und einigen Nachbarländern abspielt, erinnert viele zurecht an die schreckliche Flut von 2002. Mancherorts mögen die Auswirkungen des aktuellen Hochwassers vielleicht sogar noch schlimmer sein, insbesondere die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern hat es schwer erwischt. Andreas Zube, der als Geschäftsführer des Caritasverbands für Ostthüringen e.V. Betroffener und Helfender zugleich ist, schildert in seinem Tagebuch eindruckvoll, wie er die erste Woche des Hochwassers erlebt hat.

Tag 0: Sontag auf Montag, Nachts
Selten war ein Nacht so laut. Alle Nachbarn sind wach. Hysterie liegt in der Luft. „Es wird doch nicht wirklich …?“ Wir haben keine Informationen: keine Polizei, keine Feuerwehr, kein THW, niemand sorgt für Aufklärung.

Wie hunderte Andere bringe ich mein Auto in Sicherheit. Am Abend haben wir ein paar kümmerliche Sandsäcke vor die Kellerfenster gelegt.

Später sitze ich auf meinem Balkon und sehe entgeistert wie das Wasser langsam die Straße herauf kommt. Irgendwann muß es doch Halt machen!

Tag 1: Montag
Morgens:
Egal, aus welchem Fenster ich schaue: Wasser, Wasser, Wasser! Ich packe meinen Rucksack: Unterwäsche, Seife, Zahnbürste, Schuhe und eine lange Hose. Strom und Warmwasser sind längst ausgefallen. In kurzer Hose und Badelatschen wate ich durch kniehohes Wasser in Richtung Büro.

Ein erster Rundruf in unseren Einrichtungen: unsere Wohnungsloseneinrichtung „Haus Emmaus“ steht komplett unter Wasser. Der ambulante Pflegedienst kann nicht alle Patienten erreichen und organisiert telefonisch Nachbarschaftshilfe vor Ort. Eine kleinere Einrichtung im Altenburger Land ist eher leicht betroffen. Die Stimmen wirken angespannt, aber geerdet.

Auf dem Anrufbeantworter ein Anruf der Stadtverwaltung: „Ob wir helfen können?“ – im Hintergrund hört man Sirenen. Spontan melde ich zurück, dass wir in Lusan eine Notunterkunft für mind. 50 Personen bereitstellen können. Wie sich später herausstellt, wird das Angebot (Gott sei Dank) nicht benötigt.

Vormittags:
Mein Büro wird zur Krisenzentrale. Kurz hintereinander gehen die Anrufe meiner Mitarbeiter ein. Wir reden wenig und besprechen viel. Auch die Einrichtungen kommunizieren. Langsam gewinne ich Sicherheit. Der Verband funktioniert, fast alle sind zum Dienst erschienen. Nur die, die nicht rauskonnten fehlen. Alle Patienten und Klienten sind versorgt. Es regt sich ein Anflug von Stolz. Irgendwann mache ich „Katzenwäsche“.

Nachmittags:
Krise! Der ambulante Pflegedienst muß evakuiert werden. Eine halbe Stunde später stapelt sich im Nachbarbüro die Medizin unserer Patienten. Eine Schwester bestückt die Dosimeds, auf dem Parkplatz stehen unsere gelben Smarts. Irgendwann demnächst wird der Höchstpegel erwartet. Keiner weiß was genaues.

Abends:
Gegen 21.00 Uhr mache ich Schluss. Um mich herum ist es zunehmend ruhiger geworden. Ich schlafe auf dem Fußboden meines Büros.

Tag 2: Dienstag
Morgen:
Entwarnung. Keine weiteren Einrichtungen abgesoffen. Alle unsere betroffenen Einrichtungen sind arbeitsfähig und haben auf Notbetrieb umgestellt. Eine erste Schätzung ergibt 70.000 bis 80.000 EUR Verlust. Aber kein Mensch ist zu Schaden gekommen. Glück gehabt!

Es ist Zeit umzuschalten. Not sehen und handeln! Telefonate mit den Geschäftsführungen des Jobcenters Gera und der kommunalen Beschäftigungsgesellschaft. Wir vertrauen einander, Verträge machen wir später. Schon morgen wollen wir Hilfetrupps und Anlaufstellen für betroffene Bürger in den Stadtteilen Geras organisiert haben.

Tagsüber:
Telefonate mit den nicht betroffenen Einrichtungen. Wo sind zusätzliche Ressourcen? Was können wir aufschieben? Wie können wir helfen? Erste Ideen entstehen.

Ich versuche mich mit meinen Kollegen in Thüringen und Sachsen zu vernetzen. Sachsen hat das Chaos noch vor sich. Viel mehr wie Glück wünschen kann ich nicht.

Abends:
Nach über 36 Stunden bin ich erstmals wieder zuhause. Bei mir in der Straße ist das Wasser weg. Nein nicht ganz, im Keller steht es noch 1,50 Meter hoch. Meine Nachbarn beschweren sich, dass ich nicht helfen würde. Viel tun können wir aber eigentlich nicht. Bis in die Dämmerung rede ich mit meiner Frau. Wir schildern uns unsere Erlebnisse.

Tag 3: Mittwoch
Vormittag:

Freiwilligen-Helfertrupp in Gera. (Foto: Caritas Gera)
Freiwilligen-Helfertrupp in Gera. (Foto: Caritas Gera)

Die Hilfen laufen an. Die Anlaufstelle in unserer Begegnungsstätte „CaTee“ in Debschwitz öffnet. Erste Hilfetrupps aus SGB II-Hilfeempfängern sind im Stadtteil und andernorts unterwegs. Ich organisere Handzettel, Sozialberatung und seelsorgerische Betreuung.

Auch im Altenburger Land sind wir mit einem Hilfetrupp unterwegs. „In Gößnitz sieht es aus wie nach dem Krieg“, erzählt man mir.

Caritas international meldet sich und möchte valide Informationen. Viel kann ich nocht nicht sagen. Erste Hilfeanfragen und Hilfsangebote gehen in der Geschäftsstelle ein.

Nachmittag:
Internet! Seit Montag morgen waren wir abgeschnitten, weil unser Kommunkationszentrum mit dem Wasser im „Haus Emmaus“ abgesoffen ist. Über unseren externen Administrator haben wir endlich eine Zwischenlösung in Schmölln gefunden. Ein echter Motivationsschub.

Der Mail-Eingang quillt über. Dass Innenministerium möchte einen Lagebericht, dass Sozialministerium auch. Mein Dachverband sowieso. Ich liefere, so gut ich kann. Schließlich müssen Entscheidungen vorbereitet werden. Erstmals sehe ich das Ausmaß der Katastrophe bei Youtube.

Abends:
Ich gehe durch die Innenstadt auf der Suche nach einem Imbiß. In einem Eiscafé sitzen die Menschen und lachen. Es ist ein herrlicher Sommertag. Für die meisten.

Tag 4: Donnerstag
Unser Sozialrestaurant in Gera versorgt jetzt neben dem Regelbetrieb eine Behinderteneinrichtung mit Mittagessen. Es ensteht die Idee, Lunchpakete für die Helfertrupps draußen zuzubereiten.

Im Altenburger Land sind jetzt auch mehrere Hilfetrupps unterwegs. Gut so.

Im Mailfach eine persönliche Nachricht der Sozialministerin: sie bedankt sich und wünscht alles Gute. Es hilft.

Wir empfangen zunehmend Anfragen von auswärtigen befreundeten Einrichtungen, ob Sie uns helfen kommen sollen. Darf man so etwas ablehnen? Wir sind am Rand unserer Kapazitäten und sollen uns nun noch um diese Logistik kümmern?

Tag 5: Freitag

Müllberge im Stadtteil Gera-Zwötzen
Müllberge im Stadtteil Gera-Zwötzen, im Hintergrund die Caritas-Einrichtung „Haus Emmaus“, die ebenfalls stark getroffen wurde (Foto: OTZ Gera)

Ich besuche unsere betroffenen Einrichtungen. Im „Haus Emmaus“ steht nach wie vor Grundwasser. Der Modergeruch ist schwer zu ertragen. Wir können nicht abpumpen, denn dann wäre die Statik des Hauses gefährdet. Strom gibt es frühestens am nächsten Montag. Wir stehen im Garten und scherzen: „Wir brauchen Regen, sonst gehen die Pflanzen kaputt!“

Wir schalten eine Beratungshotline und eine Seelsorgehotline.

Ein neuer Hilfstrupp hilft bei den Aufräumarbeiten in einer gewerblichen Großgärtnerei. Jetzt sind auch Freiwillige aus der Pfarrei mit dabei. Ob dieser Betrieb jemals wieder auf die Beine kommt?

Die Caritas in Erfurt fragt an, ob wir Geld brauchen? Jaaa! Zwei Stunden später erhebt Caritasdirektor und Domkapitular Heller sein Wort und ruft alle Thüringer zu großzügigen Spenden auf – Danke.

Die Hilfsangebote auswärtiger Partner häufen sich. Jugendgruppen aus ganz Deutschland – organisiert durch den BDKJ – möchten helfen. Sie brauchen nur (!) Unterkunft und Verpflegung. Wir entscheiden uns dafür und bilden in der Geschäftsführung ein Koordinierungsteam. Ich veranlasse den Einbau zusätzlicher Duschen in unserem S.C.H.A.T.Z.haus in Lusan und melde zurück, dass jeder willkommen ist. Ab Montag können sie anreisen.

Ein Mitarbeiter fährt nach Thieschitz und Milbitz – zwei extrem stark betroffenen Dörfer am Rande der Stadt Gera. Ab Montag werden im Tierheim und einem großen Reiterhof helfen.

Ich spreche mit den Pfarrern in Greiz, Gera und Altenburg/ Schölln und erbitte von Pfarreien konkreten Hilfebedarf für die von auswärts anrückenden Helfertrupps.

Tag 6: Samstag
Ich bin im Büro. Nebenan sitzt meine Kollegin. Wir arbeiten den Posteingang einer ganz normalen Geschäftstellen-Woche ab. Wie banal manch ein Vorgang auf einmal erscheint!
Später werden wir zusammen einen Kaffee trinken und uns gegenseitig Bilder von zuhause zeigen.

Meine Frau ruft an. Zuhause haben wieder Strom.

Tag 7: Sonntag
Der Bischof will kommen. Er möchte sich ein persönliches Bild machen und den Menschen Mut zusprechen. Eigentlich ein Pflichttermin für den Chef der Caritas. Ich werde zuhause bleiben und mich ausruhen. Der Bischof wird es verstehen. Wahrscheinlich werde ich am Montag dringlicher gebraucht

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Ein Gedanke zu „Die Woche des Hochwassers – Tagebuch eines Betroffenen“

  1. Wir möchten gerne als Klasse kommen und mitanpacken, wohin können wir uns wenden? Im Vorfeld organisieren wir hier einen Spendenlauf um auch Geld spenden zu können. Allerdings würden wir auch einen Bus mieten um dort vor Ort zu helfen.

    Können Sie uns da weitervermitteln?
    Lg, F.Nunninger

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