Portrait

Wir bleiben!

Unsere Kommunikatorin Alex Bohn war in Lorenzkirch, dem tiefstgelegenen Ort in Sachen (Landkreis Meißen). Das Elbzeilendorf mit wertvollen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden ist von der Elbeflut schwer getroffen. Alex Bohn tifft Karin und Willi Brehl in Lorenzkirch und erfährt, wie das Ehepaar der Elbeflut trotzt – und dabei auch auf die Hilfe der Caritas zählt:

Frau Karin Brehl sitzt vor ihrem ausgeräumten Haus in Lorenzkirch
Frau Karin Brehl sitzt vor ihrem ausgeräumten Haus in Lorenzkirch

Karin und Willi Brehl fällt selbst in der Not noch eine lustige Geschichte ein. „Unser Kälbchen wurde mit dem Panzer gerettet“, sagt Karin Brehl, die auf einem weißen Plastikgartenstuhl unter der Markise ihres Behelfs-Zuhauses sitzt, „ein junger Soldat nahm es auf und sagte: ‚Ich habe ein Kalb, einen Hund, ein paar Hasen und noch anderes Getier geladen.’ Ich fand das herrlich.“

Das Kalb wohnt nun vorläufig auf dem Hof von Bekannten, Familie Brehl aber harrt in ihrem zerstörten Gehöft in Lorenzkirch aus, einer kleinen Dorfzeile bei Riesa im Landkreis Meißen. Die beiden sind gebürtige Rheinländer, aber sie leben seit über zwanzig Jahren in Lorenzkirch, „weil wir die Menschen hier so nett finden“, wie Willi Brehl sagt. Obwohl ihr Hof bereits in der Elbeflut von 2002 zerstört wurde und sie nun zum zweiten Mal fast vor dem Nichts stehen, sind sie entschlossen zu bleiben. Ihren rheinischen Frohsinn jedenfalls konnte ihnen auch diese Flut nicht nehmen.

Dabei ist das gesamte Erdgeschoss ihres Hauses und der beiden Mietparteien, mit denen sie sich das Gehöft teilen, zerstört. Nicht nur die Inneneinrichtung ist betroffen, zum Teil sind auch die Wände abrissreif.  Von ihren 42 Hühnern haben nur zwölf überlebt. „Die verhalten sich leider nicht instinktiv schlau“, sagt Karin Brehl, „sondern panisch.“ Aber die Puten, die Kaninchen und der Hofkater Sir Henry haben es geschafft. Familie Brehl hat sich inzwischen in einem Provisorium eingerichtet. Der ehemalige „Partyraum“, in dem sie gern und oft mit Freunden zusammengesessen haben, ist nun ihr Schlafzimmer. Das Bett ist eine Möbelspende, genau wie der Kühlschrank und die zwei Schränke, in denen sie das Nötigste unterbringen konnten. Noch ist die Stromversorgung unterbrochen, aber der Notstrom reicht an heißen Tagen sogar für einen Standventilator, der unter der Markise für eine leichte Brise sorgt.

Der Sog zog alles weg

Während ihre eigenen Wohnräume noch verwüstet aussehen, ist bei den Mietern besenrein aufgeräumt, die Trocknungsgeräte laufen. „Die zwei Wohnungen werden als erstes gemacht“, sagt Willi Brehl, „das ist uns wichtig.“ Direkt nach der Überflutung hatten beide Mietparteien sich bang erkundigt, ob die Brehls aufgeben würden. Dass sie gebraucht werden, bestärkt Karin und Willi Brehl nur darin, zu bleiben.

Ihnen selbst standen vor und während der Flut Freunde und Familie bei. Mit ihren Freunden schleppten sie Sandsäcke und – als klar war, dass die Flut sie doch erreichen würde – Möbel. Schwere Stücke, die sie nicht in den ersten Stock bringen konnten, sicherten sie auf Böcken. Nur hatten sie nicht damit gerechnet, dass die Wassermassen selbst im Hausinneren einen enormen Sog entwickelten – bis auf eine schwere Vitrine aus Massivholz, die auf eisernen Böcken gelagert war, wurden alle Möbel ins Wasser gerissen.

„Bei der letzten Flut waren wir elf Jahre jünger“

Schon am zweiten Juni, dem Tag, an dem die Flut das Gehöft der Familie Brehl erwischte, reist ihr jüngster Sohn an, aus Hanau. Weil die Straßen bereits gesperrt sind, watet er die letzten Kilometer bis zum Haus seiner Eltern. Am Sonntag, dem neunten Juni, folgen die beiden großen Söhne, die in Neuss leben. Auch sie finden auf abenteuerlichen Wegen nach Hause: Die letzten Kilometer legen sie mit dem Kanu zurück. Gemeinsam erledigt die Familie die ersten schweren Aufräumarbeiten. „Bei der letzten Flut waren wir elf Jahre jünger“, sagt Willi Kehl, „jetzt bin ich 64 und gehe in Rente. Da merke ich schon, dass die Kraft ein bisschen fehlt.“

drei Männer Räumen Möbel in einen Hof
Zusammen mit den Caritas Helfern waren Parterrewohnung und Scheune schnell leergeräumt. Nun können die Bauschäden behoben werden.

In die Reihen der Helfer gehört auch der Caritas Ortsverband Dresden, der im Flutgebiet schon von Beginn an aktiv war und als erste Sofortmaßnahmen Aufräumdienste geleistet und Trockner verteilt hat, Nothilfe gibt und psychosoziale Unterstützung anbietet. Für Familie Brehl in Lorenzkirch hat man die jährliche Mitarbeiter-Wallfahrt kurzerhand umgewidmet in einen Fluthelfer-Einsatz. “Wir haben uns für eine Hilfsaktion entschieden, um ganz bewusst ein Zeichen der Solidarität mit den Betroffenen zu setzen”, sagt Caritasdirektor Matthias Mitzscherlich.

Genug zu tun gibt es auch zwei Wochen nach der Flut noch: Karin und Willi Brehl hatten eben erst begonnen, ihr Erdgeschoss neu zu gestalten. Davon zeugt die blitzeblanke Badewanne, die in der Ruine des Badezimmers steht. „Die Rigips-Wände sind hinüber“, sagt Willi Brehl, „das muss alles rausgerissen werden.“ Und das tun die Caritas-Mitarbeiter. In wenigen Stunden reißen sie nicht nur die betroffenen Mauern im Erdgeschoss ein, sondern räumen auch noch eine komplette Scheune aus, in denen sich Baumaterialien und das Kinderspielzeug der zahlreichen Enkel gestapelt hat.

Als auch die Scheune besenrein ist, serviert Karin Brehl Bockwurst, Brötchen und Kaffee. Alle sitzen vor dem „Partyraum“, an einem langen Tisch, auf den weißen Gartenstühlen aus Plastik. Willi Brehl erzählt aus seinem bewegten Leben, von seiner Zeit als Messdiener und als Gemüsehändler, der mit einem Pferdekarren auf den Markt fuhr. Für einen Moment stellt sich fast so etwas wie Normalität ein. Die Sonne scheint, im Storchennest schnäbeln zwei Störche. Dann scheppert es laut. Von dem riesigen Haufen zerstörter Möbel, die sich im Garten türmen, ist ein kaputter Schaukelstuhl heruntergefallen. Bis zur Normalität ist es eben doch noch ein langer Weg.

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2 Gedanken zu „Wir bleiben!“

  1. Hallo Ihr tollen Helfer !

    Ich sitze auf vielen Sachspenden ( knapp ein Sprinter voll) in BONN. Der Hausmeister macht Theater von wegen Brandschutz und derjenige, der die Sachen holen wollte (Flutopferhilfe Köln) meldet sich nicht . Ich wollte helfen, und brauch jetzt selber Hilfe. Es handelt sich um Möbel-Kleinteile, Klamotten, Kinderspielzeuge, Geschirr, Bücher etc. BITTE SAGT MIR, WAS ICH MACHEN KANN ( hab keine Transport Möglichkeit) Danke schon mal! Zu finden unter: https://www.facebook.com/groups/hochwasserhilfe/

    Dieser Hilferuf ereilte mich. Wir brauchen so dringend wie möglich Transportmöglichkeiten!

    Freundl. Gruß und Danke!!!
    Heike Stopp

    1. Liebe Heike Stopp,
      wir können von Freiburg aus natürlich keinen Transport organisieren. Bitte wenden Sie sich mit Ihrer Sachspende an folgende Anlaufstellen: Der Caritasverband Passau organsiert zusammen mit “Mamas helfen” eine Sachspenden-Ausgabe für die Flutopfer. Hinweise zu Sachspendenannahmen und -ausgabe finden Sie unter http://www.caritasverband-passau.de

      Auch in Halle hat der Caritasverband eine zentrale Sammelstelle für Sachspenden eingerichtet. Dort kann alles abgegeben werden, was von der Flut betroffenen Menschen in der Region helfen kann: Hausrat, Möbel, Kleidung, Kindersachen etc. Weitere Informationen unter http://www.bistum-magdeburg.de/front_content.php?idart=22034

      Des Weiteren gibt es eine Online-Sachspendenbörse. Die Plattform http://fluthilfe.regio-boerse.de/ biete die Möglichkeit, Sachspenden für die Flutopfer anzubieten bzw. nach Sachspenden zu suchen.

      Wir hoffen, das hilft weiter…

      Danke und alles Gute!

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