Bei Nacht und Nebel

In Rathmannsdorf muss das Pflegeheim St. Joseph in letzter Minute vor der Elbeflut evakuiert werden. Zwei besonnene Mitarbeiterinnen behalten den Überblick. Sie berichten unserer Kommunikatorin Alex Bohn von der Evakuierung. Von Alex  Bohn

Rathmannsdorf Altenpflegeheim
Das Altenpflegeheim St. Joseph in Rathmannsdorf

Das Foyer des Altenpflegeheims St. Joseph in Rathmannsdorf bei Bad Schandau ist lichtdurchflutet. Einige Bewohnerinnen sitzen auf der Terrasse und genießen bei hochsommerlichen Temperaturen ein kühlendes Fußbad. In der Küche wird das Mittagessen vorbereitet, Geschirr klappert und es duftet nach frischer Tomatensoße. Nichts an dieser beschaulichen Szenerie erinnert daran, dass hier vor zwei Wochen eine Evakuierung stattfand. Stattfinden musste, denn St. Joseph drohte durch das Elbhochwasser abgeschnitten zu werden. „Niemand hat geahnt, dass wir hier rausmüssen“, sagt Kerstin Marx, die stellvertretende Pflegedienstleitung, „der Bürgermeister hatte uns bis zuletzt versichert, dass wir keinen Grund zur Sorge hätten.“60 Bewohner leben im Pflegeheim St. Joseph, dessen Träger der Caritasverband für das Bistum Dresden Meißen e.V. ist. Die meisten von ihnen leiden an unterschiedlich stark ausgeprägten Demenzerkrankungen. Die Hälfte von ihnen ist mobil, die andere teilt sich in Menschen, die im Rollstuhl sitzen und denen das Essen gereicht werden muss sowie schwerst Pflegebedürftige, die auf eine Komplettversorgung angewiesen sind. Um das Wohl der Bewohner/innen kümmert sich ein gut eingespieltes Team aus 41 Pflegemitarbeitern, Mitarbeitern im Betreuungsbereich, der Küche und Hauswirtschaft und der Verwaltung und der Heimleiterin Roswitha Hofmann. Das Heim wurde 2003 in Rathmannsdorf neu gebaut und liegt unweit der Elbe in Hanglage. Es galt auch deswegen als nicht gefährdet, weil an seiner Rückseite eine Treppe aus dem Elbtal hinausführt. Über 298 Stufen geht es nach oben – ein langer Weg zwar, aber nicht hochwassergefährdet.Doch am Abend des fünften Juni sah plötzlich alles ganz anders aus. Eine der betreuenden Ärztinnen, die von Außerhalb kam, stellte die entscheidende Frage: „Wieso seid ihr eigentlich noch nicht evakuiert?“ Kerstin Marx und ihre Kollegin Monika Mai, die in St. Joseph die Leitung übernommen hatten, weil Roswitha Hofmann verreist war, waren überrascht. Von anderen Evakuierungen hörten sie zum ersten Mal. Kurz darauf stand der Krisenstab vor der Tür: „Sind Sie zu einer Evakuierung bereit?“, lautete die Frage nun. Im ersten Moment waren Kerstin Marx und Monika Mai schockiert. Wie sich herausstellte, war nicht der Bürgermeister verantwortlich für die Bewertung der Gefahrenlage, sondern der Krisenstab.

Jetzt galt es, schnell zu handeln, denn die einzige Straße, die nach St. Joseph führte war für PKWs nicht mehr befahrbar. Um 21:50 Uhr traf der Krisenstab die Entscheidung, St. Joseph zu evakuieren. Kurze Zeit später fuhren Bundeswehr-LKWs mit hohem Radstand vor. „Das klingt vielleicht komisch, aber es sah aus wie im Krieg“, sagt Frau Mai. Und ihre Kollegin ergänzt: „Die Nacht war ausgesprochen kühl, Nebel stieg auf. Die Soldaten hatten die Ladeflächen der LKW´s mit Matratzen ausgelegt, um die Bewohner transportieren zu können, eine Behelfslösung, die unheimlich aussah.“ Trotz der Ausnahmesituation handelten Kerstin Marx und Monika Mai besonnen. Mit einer Notfall-Telefonliste, deren Einsatz sie bereits in Notfallübungen erprobt hatten, telefonierten die beiden die gesamte Belegschaft herbei. „Alle kamen“, sagt Monika Mai stolz, „selbst die, die selbst vom Hochwasser betroffen waren.“

„Also fahren wir alle miteinander“

Während die einen Wäschepakete und Kleidung für die einzelnen zusammenstellten – in gelben Müllbeuteln, die den Bewohner/innen dann auf den Schoß gelegt wurden  – brachten die anderen sie ins Foyer. Wer noch selbstständig gehen konnte, nahm auf den Stühlen und Sesseln Platz, die anderen wurden in Pflegerollstühlen gefahren. Kerstin Marx sagt: „Es war ausgesprochen still. Keiner der Bewohner war unruhig, als hätten sie gewusst, dass etwas Außergewöhnliches passiert.“ Einige der Pflegemitarbeiterinnen stimmten ein Lied an, das in St. Joseph oft und gern gesungen wird „Also fahren wir alle miteinander“, und die Bewohner/innen sangen mit.

Trotzdem hängt Kerstin Marx und Monika Mai die Evakuierung nach. „Die Soldaten, die unsere zum Teil schwer hilfsbedürftigen Bewohner auf die Lastwagen heben mussten, hatten natürlich wenig Ahnung davon, worauf man bei einem Krankentransport achten muss,“ sagt Kerstin Marx. „Das waren junge Männer, ganz lieb, aber auch unsicher“, ergänzt Monika Mai. Eine ordnungsgemäße Sicherung der Bewohner/innen auf den LKWs war ebenfalls nicht möglich, aber je zwei Mitarbeiter des Heims begleiteten jede Fahrt, sahen nach den Bewohnern und sorgten so dafür, dass sie auch in dieser Ausnahmesituation vertraute Gesichter um sich hatten.

Erstaunlicherweise ging alles gut. 56 Menschen wurden auf andere Krankenhäuser und Pflegeheime verteilt, vier wurden von ihren Angehörigen noch in der Nacht abgeholt – eine Option, die Monika Mai noch in der Nacht angeboten hatte. Nach sechs Tagen kehrten alle Bewohner unversehrt zurück „selbst unsere drei Hundertjährigen“, wie Kerstin Marx erzählt. Dass es so glimpflich gehen würde, hatten die beiden nicht erwartet. „Die LKWs fuhren ja nur bis zur nächsten befahrbaren Straße, „ sagt Monika Mai, „und dort mussten die Bewohner eine ganze Weile  in der kalten Nacht warten – wir hatten befürchtet, jemand könnte sich eine Lungenentzündung zuziehen.“ Und auch die Unterbringung in der Evakuierung war nicht immer ideal. Die Pflegeheime sind nur mit so viel Betten ausgestattet, wie es Bewohner/innen gibt – also werden die Gäste aus St. Joseph nicht selten auf Feldbetten untergebracht. Ein schwieriger Zustand für die schwerst Pflegebedürftigen, die ständig umgelagert werden müssen, um sich nicht wundzuliegen. „Aber da kann man niemandem einen Vorwurf machen“, sagen die beiden einhellig, „bei uns wäre die Situation ja genauso.“

Besonders schwierig war die Situation auch für die Leiterin von St. Joseph, Roswitha Hofmann. Bedingt durch die Rückreise konnte sie erst vier Tage später zu ihrem Team zurückkehren. „Es war auch für mich eine Ausnahmesituation“, sagt sie. Aber sie ist stolz und glücklich zu sehen, wie eng ihre Belegschaft zusammengestanden ist und wie reibungslos die Zusammenarbeit selbst unter extremen Bedingungen funktioniert hat.

In Bad Schandau laufen die Aufräumarbeiten nach der Flut auf Hochtouren

Die Region ist nach den Hochwassern aus 2002, 2006 und 2010 krisenerprobt; trotzdem ist der Schaden, den die Wassermassen und der Schlamm aus der Elbe und der Kirnitzsch angerichtet haben, gewaltig. Und noch lange sind nicht alle 11.000 Menschen zurückgekehrt, die die Region verlassen mussten, weil ihre Sicherheit nicht garantiert werden konnte. In St. Joseph in Rathmannsdorf hingegen bleibt  von dieser Flut 2013 vorerst nichts als eine Menge Rechnungen – von den Heimen und Krankenhäusern, die die Bewohner/innen während der Evakuierung aufgenommen haben – und die Entscheidung, dass bei künftigen Fluten ab einem bestimmten Pegelstand evakuiert wird und nicht abgewartet. Für die Bewohner stellte sich die Normalität in St. Joseph bereits am 10. Juni ein, dem Tag, an dem alle zurückkehrten. „Als die Bewohner den Fahrstuhl im Foyer erblickten, (mit dem sie zu ihren Zimmern fahren, Anm.d.Red.) war für sie alles wieder wie immer, “ sagt Monika Mai. Den Begrüßungs-Grießbrei und den frisch gebrühten Tee nahmen die Bewohner dann schon wieder zu sich als wäre nichts gewesen. „Da kamen schon wieder die ganz normalen Fragen ‚Warum gibt´s jetzt keinen Kaffee? ‘ ‚Wo ist die Milch‘?“, sagt Kerstin Marx. „Der Alltag hatte uns wieder.“

 

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