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Die Flut verläuft in drei Phasen

Die Stadt Grimma in Sachsen ist vom Muldehochwasser stark betroffen. Vor Ort berichtet Pfarrer Gregor Hansel, dessen St.Trinitatis-Kirche ebenfalls überspült wurde, von seinen Erfahrungen mit der Flut. Von Alex Bohn

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Pfarrer Gregor Hansel

Caritas: Sie sind Pfarrer in der St.Trinitatis Kirche, die vom Muldehochwasser genauso betroffen war, wie die Gemeinde selbst. Wie ist es Ihnen ergangen?

Gregor Hansel: Es gab mehrere Warnstufen, per SMS und am Ende auch mit Lautsprecherwagen, die durch die Stadt gefahren sind und die Bürger aufgefordert haben, die Stadt zu verlassen.  Ich habe den Nachbarn geholfen, ihre Wohnungen soweit wie möglich zu sichern und auch hier in der Kirche und dem Pfarramt soviel wie möglich vor dem Wasser in Sicherheit gebracht. Erst hatte es so ausgesehen, als würde Grimma nicht so stark betroffen werden. Aber in der Nacht vom dritten auf den vierten Juni wurde dann doch evakuiert.

Caritas: Wohin sind Sie gegangen?

Gregor Hansel: Meine Wohnung liegt im ersten Obergeschoss und ich hatte mich entschieden, zu bleiben. Aber viele Menschen sind mit Sack und Pack gegangen – in Notunterkünfte wie beispielsweise die Turnhalle. Die Flut überspülte alle Keller und Erdgeschosse – in der Kirche stand das Wasser 40 Zentimeter hoch und die Straßen waren nur mit dem Boot passierbar. Glücklicherweise war ich mit Lebensmitteln und Wasser versorgt.

Caritas: Und wie ging es für Sie weiter?

Gregor Hansel: Bereits am Dienstag um 15 Uhr war die Kirche wieder zugänglich. Bei uns haben sich schnell viele Helfer gemeldet, nur Gerät brauchten wir, denn alles was wir im Keller eingelagert hatten, war durch das Wasser zerstört worden. Zu uns kam auch ein Hausmeisterteam der Caritas, unter Leitung von Herrn Voigtländer. Die haben uns mit Werkzeugen, einer Pumpe sowie einem Trockner geholfen und konnten dann weiterziehen, um an deren Bedürftigen vor Ort unter die Arme zu greifen.

Caritas: Nach offiziellen Schätzungen der Stadt beläuft sich die Schadenssumme in Grimma auf über 134 Millionen Euro. Können Sie persönlich die Schäden der Flut schon beziffern?

Gregor Hansel: Viele andere sind deutlich stärker betroffen. Wir hatten Glück im Unglück und konnten sogar die Kirchenbänke retten. Im Gemeindesaal im ersten Obergeschoss haben wir uns provisorisch eingerichtet, um den Gottesdienst feiern zu können. Die Schäden in der Kirche werden momentan auf 120.000 Euro geschätzt – leider ist neben den Schäden an den Fußböden und Kellern auch unsere Orgel durch das Wasser und die Trocknung in Mitleidenschaft gezogen worden. Ich hoffe sehr, dass wir Weihnachten in der Kirche feiern können.

Caritas: Die katholische Gemeinde hier vor Ort ist klein, Grimma gehört zur Diaspora. Wie sieht Ihre Arbeit nach der Flut aus?

Gregor Hansel: Es ist meine erste Flut hier – ich habe auch schon gehört, dass ich jetzt ein richtiger Grimmaer Pfarrer bin. In der Hochwassersituation begegnet man sich anders. Ich gehe durch den Ort und helfe dort, wo Hilfe gebraucht wird. Informationen laufen in der Begegnungsstätte „Alte Feuerwache“ zusammen, die von der Diakonie betrieben wird. Dort erfahre auch ich, wo Soforthilfe nötig ist. Und kann mich dann entsprechend auf den Weg machen.

Caritas: Was brauchen die Menschen im Moment am dringendsten?

Trockner steht neben der Kirchenbank
Gregor Hansel in der Kirche St Trinitatis: Warten, bis die Wände wieder trocken sind.

Gregor Hansel: Die Flut verläuft in drei Phasen, die jeweils unterschiedliche Bedürfnisse mit sich bringen. In der ersten Phase des akuten Flutgeschehens überwiegen Schock und Verunsicherung. Hier in Grimma gab es allerdings Unterschiede: Viele, die die Flut 2002 bereits mitgemacht haben, waren sehr gefasst. Sie wussten was kommt. Aber manche waren auch da schon in Sorge, weil sie beispielsweise ihre Kredite von damals noch nicht abgezahlt haben und wussten, dass es sie jetzt vielleicht wieder erwischt. In dieser ersten Phase haben Stadt und Gemeinde durch ihre gute Planung und Kommunikation für Beruhigung gesorgt.

Caritas: Die zweite Phase beginnt nach dem Ablauf des Wassers?

Gregor Hansel: Ja, das ist die aktive Phase. Da konnten auch wir hier in der Gemeinde helfen, indem wir Fluthelfer weitervermittelt haben, die bei den Aufräumarbeiten geholfen haben, indem wir Pumpen, Sauger, Trockner und anderes Werkzeug weitergeben konnten. Für die Betroffenen ist gut, dass sie handlungsfähig sind und nicht ohnmächtig. Es geht schlicht darum, aufzuräumen. Auch an dieser Stelle hat das Zusammenspiel von Stadt und Gemeinde gut funktioniert. Die Feuerwehr pumpte Keller aus, Container für den Hausrat und Müll wurden sofort gestellt; ein Baggerfahrer räumte zwölf Stunden am Tag die Straßen frei. Keine leichte Aufgabe, denn schließlich kam aus den Häusern ständig Müll nach. Ich bin sicher, dass es den Leuten gut getan hat, dass so schnell gesäubert wurde.

Caritas: Und wie ist die Situation jetzt?

Gregor Hansel: Die dritte Phase beginnt. Das heißt, die schnellen Arbeiten sind abgeschlossen, man sieht kein Wasser mehr, muss sich aber gedulden, bis die Gebäude soweit getrocknet sind, dass die Instandsetzung überhaupt beginnen kann. Jetzt muss man überlegen, wie es überhaupt weitergehen soll und da steigt für die Menschen die Belastung, schließlich sind viele existenziell bedroht. Die dritte Phase ist auch die schwierigste.

Caritas: Wie können Sie da konkret helfen?

Gregor Hansel: Das Leiden der Betroffenen zeichnet sich ja recht klar ab. Gerade was die Finanzierung des Wiederaufbaus angeht, ist die Verunsicherung groß. Ich kann in der ersten Ausreichung Familien mit maximal 500 Euro unterstützen. Diese Hilfe wird sehr dankend angenommen. Aber auch die Unterstützung für die Gewerbetreibenden ist sehr wichtig. Manche Läden haben ihren Betrieb wieder aufgenommen, aber viele sind noch nicht so weit und brauchen auch finanzielle Unterstützung.

Caritas: Wenn man durch Grimma geht, hat man das Gefühl, dass die Menschen sehr bemüht sind, so schnell wie möglich wieder in einen Zustand der Normalität zu finden.

Gregor Hansel: Ja, aber gleichzeitig ist allen bewusst, dass das Spendenaufkommen in diesem Jahr deutlich geringer ausfallen wird als 2002. Und das, obwohl die Schäden größer sind. In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung vor, dass man sich auf diese Flut noch besser hätte vorbereiten können – basierend auf den Erfahrungen aus 2002. Das ist eine äußerst schwierige Lage.

Caritas: Gibt es auch Betroffenen, die auf sie zukommen und sie um psychosoziale Betreuung bitten?

Gregor Hansel: Das ergibt sich nur bei Leuten, die man auch vor der Flut kannte. Aber wenn ich als Bote der guten Nachricht komme, um Spenden zu verteilen, ergeben sich aus dieser Situation dann auch Gespräche. Da merke ich, dass die Leute gern berichten wollen und dass es sie erleichtert. Dass ich so Beistand leisten kann für Menschen, die ich sonst nicht erreichen würde, ist eine gute Sache.

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