Besuch bei der Caritas Tansania (II)

(IN) Caritas international unterstützt in der Erzdiözese Arusha in Tansania die  Förderung von Kindern mit Behinderung.  Menschen mit Behinderung sind für das nomadische Volk der Massai eine Herausforderung. Oft werden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Kinder und Jugendliche mit Einschränkungen werden von ihren Familien versteckt. Auf meiner Reise besuchte ich u.a. das Behindertenzentrum der Erzdiözese Arusha. Das Projekt fördert die Sensibilisierung der Bevölkerung für die Akzeptanz der Menschen mit Behinderung. Gerne teile ich mit euch meine Erlebnisse und Eindrücke. (Teil 2)

Tanz mit den Massai

Montag 07.10.2013: Irene gehört zum Volk der Massai. Sie ist für zwei Wochen mit ihrem Sohn im Reha-Zentrum der Erzdiözese Arusha. Mehrfach sind wir uns heute über den Weg gelaufen. Bei jedem Treffen begegnet mir Irene reserviert und unsicher. Mein Lächeln wird nicht erwidert. Vermutlich, weiß sie nicht, wie sie diesem Weißen mit Fotoapparat und Video-Kamera begegnen soll.

Irene wartet mit ihrer Tochter auf die Physiotherapie (Foto: Ingmar Neumann)
Irene wartet mit ihrer Tochter auf die Physiotherapie (Foto: Ingmar Neumann)

Doch heute Mittag hat sich Irene innerhalb weniger Minuten komplett verändert. Die Angestellten und Patienten des Zentrums haben sich für Ihre Gäste aus Deutschland etwas Besonderes einfallen lassen. Als Dank für die Unterstützung führen sie traditionelle Tänze und Gesänge auf. Mit einem Schlag befinde ich mich in einem Strudel der Emotionen. Das Stampfen und Singen der Frauen, das wilde Schnauben der Männer – Energie pur. Geschenke werden überreicht, wir werden in die roten Umhänge der Massai gehüllt und aufgefordert mitzusingen. Irene ist mittendrin. Ihr Blick ist nun offen, sie stampft, klatscht und singt. Stolz strahlt sie mich an. Hier ist Irene zuhause. Ich dagegen fühle mich etwas unsicher aber auch überwältigt und fasziniert sprachlos.

Bei Lemono zum Tee

Lemono (Foto: Ingmar Neumann)
Lemono (Foto: Ingmar Neumann)

Dienstag 08.10.2013: Große Weite, holprige Straßen, unwegsames Gelände, das sich nur mit einem Allrad bewältigen lässt. Wir fahren in die umliegenden Dörfer von Arusha um einzelne Patienten des Caritas-Zentrums in Monduli zu besuchen. Vor 45 Minuten sind wir von der Hauptstraße abgefahren. Jetzt heißt es aussteigen und zu Fuß weiter. Unsere kleine Gruppe schlägt sich in der Mittagssonne durch die Steppe bis zu einer mittelgroßen Burma (Siedlung einer Massai Familie, bestehend aus mehreren Rundhütten). Wir sind mehr als 30 Minuten zu Fuß unterwegs, bis wir von der Familie des kleinen Lemono in Empfang genommen werden. Was für mich eine abenteuerliche Steppen-Wanderung ist, ist für Menschen mit Einschränkungen ein unüberwindbares Hindernis. Lemono ist fünf Jahre alt und spastisch gelähmt. Er ist auf seinen Rollstuhl angewiesen. Die Reifen sind mal wieder platt. Kein Wunder – das Gelände ist gespickt mit Dornen und spitzen Steinen. Solange Lemono noch getragen werden kann, schafft es die Familie ihn bis zur Bushaltestelle an der Hauptstraße zu tragen. Im Schnitt nehmen sie hierfür 2 Stunden Weg auf sich. Im Augenblick beherrschen die Suche nach Nahrung und Wasser das Leben der Familie. Am Ende der Regenzeit leiden alle an Hunger und Durst. Lemonos Mutter läuft morgens um 3 Uhr los, um Wasser zu holen. Gegen 11 Uhr ist sie wieder zurück. Die Caritas-Kolleginnen untersuchen Lemono und dokumentieren die Ergebnisse in seiner Patienten-Akte. Es wird deutlich, dass der Rollstuhl in der Werkstatt des Zentrums angepasst werden muss und Lemonos Mutter zusammen mit den Physiotherapeutinnen dringend Übungen mit ihrem Sohn lernen sollte. Lemono erhält einen Termin in drei Wochen. Bisher hat die Familie jeden Termin ungenutzt verstreichen lassen. Hunger, Durst und die Sorge um die anderen Kinder machen es für Lemonos Mutter unmöglich sich auf den Weg nach Monduli zu machen. Als wir uns verabschieden wollen, lässt Lemonos Onkel einen Korb mit Tassen und zwei (alten) Thermoskannen bringen. Binnen kurzem werden die Tassen verteilt und mit heißem Chai-Tee gefüllt. Mir ist danach dankend abzulehnen und meinen europäischen Magen zu schonen, doch ich weiß, dass dies nicht möglich ist. Die Massai teilen kostbarstes Wasser für das sie heute in aller Frühe zur nächsten Wasserstelle gelaufen sind. Ich lasse mir den Tee schmecken.

Lerangwa

Vor zweieinhalb Stunden haben wir heute, am Mittwoch den 09.10.2013, Arusha verlassen. Jetzt kommen wir in Lerangwa an. Ein kleiner Ort am Fuße des Kilimandscharo. Wir werden bereits erwartet. Etwa 50 Kinder stehen vor ihrer Vorschule und empfangen uns mit Liedern und rhythmischem Klatschen. Gemeinsam ziehen wir in das Schulgebäude. Jeder will dabei einmal durch meine Kamera schauen oder meine Hand halten. In wenigen Minuten beginnt der Unterricht. In zwei Gruppen lernen die Kinder die Zahlen, Buchstaben und vor Allem Kisuaheli. Die Landessprache Tansanias ist für diese Massai-Kinder in dieser Region eine Fremdsprache.

Vorschule in Lerangwa (Foto: Ingmar Neumann)
Vorschule in Lerangwa (Foto: Ingmar Neumann)

In ihren Familien sprechen sie Kimaasai. Seit dem es die Vorschule im Ort gibt schaffen es die meisten Kinder die Grundschule abzuschließen und eine weiterführende Schule zu besuchen. Aktuell besuchen vier Jugendliche des Ortes sogar die Universität Die Väter des Elternkomitees berichten diese Zahlen mit Stolz. Sie selbst konnten keine Schule besuchen bzw. sie sind in der Grundschule gescheitert .Bis zu 80 Kinder pro Klasse werden hier unterrichtet. Die Lehrer sprechen die Amtssprache Kisuaheli. Wer diese Sprache nicht als Grundlage „mitbringt“ hat es schwer.

Der Unterricht in der Vorschule beeindruckt mich. Selbst in der „Vorführsituation“ für die Gäste aus Deutschland läuft der Morgenkreis konzentriert und ruhig. Mit Zählreimen und großen Stoffzahlen werden die Zahlen geübt. Alle Lernmaterialien in der Vorschule wurden von den Erziehern und Eltern selbst hergestellt. Verwendet werden hierfür nur lokale Materialien wie Samenkapseln, gesammelte Kronkorken oder selbstgenähte Puppen. Die Eltern haben Verantwortung übernommen für die Vorschule ihrer Kinder – das macht dieses Projekt so erfolgreich. Schnell ist die Zeit des Abschieds gekommen. Zwei Stunden Autofahrt über Stock und Stein liegen vor uns. Leider müssen wir heute Abend schon wieder zurück. Die Menschen, das Land, die vielen Begegnungen haben mich tief berührt.

 

 

 

 

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