Kolumbien: Sexarbeit – Ein Beruf ohne Arbeitsschutz

_MG_1860.jpgUnsere Kollegin Lucia setzt sich mit den Arbeitsbedingungen für Prostituierte in Kolumbien auseinander. Der Forderung nach einer Anerkennung der Sexarbeit als reguläre Arbeit steht auch hier entgegen, dass nur wenige diesen Beruf aus freier Entscheidung gewählt haben. Denn allem Anschein nach ist fast immer Armut die Grundvoraussetzung  für Sexarbeit.

Als ich die Arbeit der Adoratrices in Bogotá vor knapp drei Jahren persönlich kennenlernte, hatte ich nur wage Vorstellungen über das Ausmaß der Prostitution in Lateinamerika. Wie viele andere auch befürwortete ich die aktuellen Forderungen der sogenannten „Sexualarbeiterinnen“, unter arbeitsrechtlich normierten Bedingungen wie Sozialversicherung, Arbeitsschutz und geregelten Arbeitszeiten ihrer Tätigkeit nachzugehen zu können. Diese Meinung vertrete ich immer noch.

Allerdings ist mir inzwischen klar geworden, dass diese Perspektive für die meisten der Betroffenen ein Trugschluss ist, da die wenigsten Frauen und Mädchen, die sich prostituieren, diesen Weg freiwillig gewählt haben. Prostitution geht fast immer auch – direkt oder indirekt – mit Zwang, Gewalt und Demütigung einher. Die Anerkennung von „Sexualarbeit“ verfestigt diese Strukturen und kommt langfristig denjenigen, die sie ausüben, am wenigsten zugute, weil sie deren Ursachen kaschiert und Alternativen untergräbt. Weshalb sonst ist es eine Tätigkeit, deren Grundvoraussetzung allem Anschein nach Armut ist?

1 1 .- Las Hermanas Oliva (instructora) y Rosaura (directora delGenau dort setzt die Arbeit der ursprünglich aus Spanien stammenden Religiösen Gemeinschaft der Adoratrices an: den Frauen und Mädchen eine berufliche Alternative zu bieten, vor allem im Bereich der Textilverarbeitung. Und dies ist zweifellos eine Sisyphusarbeit, denn die von Armut geprägten Lebensbedingungen und nicht selten auch der Drogenkonsum führen dazu, dass vor allem die jüngeren Frauen aufgrund fehlenden Einkommens während des Ausbildungsprozesses und auch danach noch immer wieder in die Prostitution zurückkehren. Umso beeindruckender erscheint es, mit welcher Überzeugung und Hingabe die mehrheitlich betagten Schwestern die Frauen in Bordellen und Rotlichtmilieus aufsuchen und sie trotz aller Rückschläge immer wieder bei diesem Prozess unterstützen, wobei die psychosoziale Begleitung der Frauen und ihrer Familien, die von Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen geleistet wird, eine entscheidende Rolle spielt. Es sind keine überkommenen Moralvorstellungen, welche die Schwestern in ihrer Arbeit bestärken, sondern die Würde der Frauen.

Einer der größten Erfolge, den wir in der Projektarbeit mit den Adoratrices in den vergangenen zwei Jahren erreicht haben, ist ihre Einbindung in ein Netzwerk verschiedener Einrichtungen, die sich mit der Problematik und ihren Folgen befassen, und das als Plattform zur öffentlichen Einflussnahme und politischen Lobbyarbeit dient. Denn obwohl die Arbeit der Adoratrices bereits tausenden Frauen und Mädchen einen Ausstieg aus der Prostitution ermöglicht hat, bleibt sie ohne strukturelle Veränderungen und die Beteiligung der Betroffenen ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn im Zuge der Binnenmigration, die in Kolumbien durch die Zwangsvertreibungen noch verschärft wird, kommen tagtäglich junge Frauen ohne Ausbildung auf der Suche nach Arbeit in die Städte, von denen ein guter Teil in der Prostitution landet…

Mit den kommenden Blogbeiträgen, die ich in Zusammenarbeit mit den Frauen, dem Fachpersonal und den Schwestern schreiben werde, wollen wir einen Eindruck davon vermitteln, was Prostitution für die Betroffenen und ihre Familien bedeutet und welchen Einfluss die Arbeit der Adoratrices auf das Leben dieser Frauen hat.

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