Deutschland: Mit Upcycling alte Wertarbeit neu entdecken

Sakko-RucksackDas Jahr 2013 lieferte im Bezug auf Textilien viele negative Schlagzeilen und traurige Unfälle. Die textile Lieferkette ist zu einem globalen Netzwerk mit vielen Akteuren geworden – aus der lange nicht jeder als Gewinner hervorgeht. Es sind besonders die Masse und die Geschwindigkeit des Konsums, die zum Auslöser problematischer Produktionsbedingungen werden.

Verletzungen internationaler Arbeitsrechte sowie Umwelt- und Gesundheitsschäden sind die Folge. Dies ist jedoch nicht nur ein Problem für die Produzenten/innen der Niedriglohnländern des globalen Südens sondern kann auch durch die oftmals noch hohe Schadstoffbelastung der Kleidung zum Risiken für Konsumenten/innen und Natur in den Auftragsländern des globalen Nordens werden.

Logo VergissmeinnichtDie Schattenseiten der Textilindustrie sind somit kein Problem, das man mit Distanz sehen kann sondern eines, das uns direkt betrifft und auf das wir persönlich einwirken können. Einen alternativen Konsum und Produktionsansatz verfolgt das Upcycling Projekt *Vergissmeinnicht* – zentrale Ziele sind Entschleunigung und Wertschöpfung.

Upcycling ist keine neue Methode, seit je her haben Menschen bei Ressourcenknappheit Materialien kreativ wieder verarbeitet – in Zeiten des Überflusses ist dieser Ansatz jedoch in den Hintergrund getreten. Vor einigen Jahren wurde er gezielt aufgegriffen, und damals noch als kurzweiliger Trend bezeichnet, mittlerweile jedoch von der Fachwelt als langfristige Methode verstanden. Upcycling, meint das Verändern, Umgestalten und Transformieren von Alttextilien oder sonstigen Restmaterialien in neue, meist einzigartige Modelle. Vorhandene Ressourcen wie gebrauchte Bekleidung, Heimtextilien oder textile Flächen werden aufgetrennt, dekonstruiert, neu zusammengesetzt und verschieden miteinander kombiniert. Abfallreduzierung und Ressourcenbewusstsein sind dabei ein wichtiger Nebeneffekt. Zusätzlich sind die mehrfach getragenen und gewaschenen Materialien weniger schadstoffbelastet.

Upcycling kann auch als Ansatz zur Bewusstseinsbildung genutzt werden: Die Fertigung von Hand schafft ein Bewusstsein für das Produkt und für die Arbeitsstunden, die in ihm enthalten sind. Eigenschaften wie Einzigartigkeit von upgecycelten Produkten können dabei dem Wunsch des Einzelnen nach Individualität und Ausdrucksmöglichkeit besonders stark unterstützen. Dieser Wunsch ist Teil der ästhetischen und zugehörigkeitsstiftenden Eigenschaften der Mode. Mode auf diese Weise zu nutzen beruht auf alten Traditionen, die heute wieder relevanter werden und damals die zentrale Funktion von Bekleidung als Schutzkleid abgelöst haben.

Der Wandel der Funktion von Kleidung: Von Schutz zu Selbstdarstellung

Die Ausdrucksmöglichkeiten und der Spaß am Ästhetischen soll niemand abgesprochen werden. Doch es geht  auch darum, schonender mit Materialien umzugehen und ein Bewusstsein für die globalen Auswirkungen der Textilindustrie zu schaffen. Dies sind auch Ziele von Vergissmeinnicht. Im Rahmen dieses Upcycling-Projektes treffen sich wöchentlich junge Erwachsene in der Kleiderkammer des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, um gemeinsam ehrenamtlich zu schneidern. Sie setzen ein persönliches Zeichen gegen den Verschwendungswahn und engagieren sich gleichzeitig sozial.

Aus alten Hemden werden dabei Kopfkissenbezüge genäht oder zwei Kleidungsstücke werden zu einem neuen kombiniert. Nicht selten werden dabei mehrere Stunden benötigt um aus einem Herrensakko einen Rucksack zu schneidern. Trotz Zeitintensität und erforderlicher Geduld spricht die Arbeit durch die Affinität zu Mode und Kreativität viele junge Frauen an. Durch das Projekt wechseln sie die Perspektive von der Konsumentin zur Produzentin. Die selbst gefertigte Bekleidung erhält einen Mehrwert und die Schneiderinnen werden für die Thematik der Textilherstellung sensibilisiert, die sie ins Verhältnis zum Massenkonsum setzen können.

Sakko und Tasche
Aus einem alten Sakko werden bei vergissmeinnicht flotte Taschen oder Rucksäcke

Unter dem von den jungen Frauen entwickeltem Label „vergissmeinnicht“ werden die Accessoires und Bekleidungsstücke verkauft. Der Erlös fließt in soziale Projekte zurück. Die Botschaft wird während der Tätigkeit transportiert: die Herstellung eines hochwertigen Kleidungsstückes benötigt viel Zeit und qualitatives Material. Das Projekt vereint auf diese Weise einen Bildungsanspruch, soziales Engagement sowie die Förderung des kreativen Handwerks.

Und was sind die positiven Auswirkungen auf die Produzenten/innen der Niedriglohnländer?

Boykott hilft den Menschen im globalen Süden nicht. Sie würden ihre Einnahmequellen verlieren und sich in einer schlechteren Situation wiederfinden. Jedoch bin ich der Meinung, dass wir mit kritischem Konsum, dem gezielten Auswählen des Händlers, der Marke, der Qualität ein moralisches und ökonomisches Zeichen setzen können. Der Verbraucher ist, neben Politik und Wirtschaft, ein wichtiger regulierender Akteur. Wer versteht, wie zeitintensiv und aufwendig die Herstellung eines Kleidungsstückes ist, der bedenkt beim nächsten Einkauf vielleicht die Wahl und entscheidet sich für nachhaltig(er) produzierte Bekleidung. Diese ist in der Anschaffung eventuell etwas teurer, dafür qualitativ hochwertiger und weniger Schadstoff belastend für Mensch und Umwelt. Außerdem leistet es einen Beitrag dafür, dass die Produzenten/innen ein menschenwürdigeres Leben führen können. Würden mehr Konsumenten/innen dies beachten, würde der konventionelle Textilhändler diesen Forderungen sicherlich mehr Beachtung schenken. Es fängt immer klein an.

Worauf man beim Kauf achten sollte, welche Siegel und Zertifikate es gibt sowie über Tipps und Informationen zu nachhaltiger(er) Mode schreibe ich beim nächsten Mal.

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