Kolumbien: Clara träumt

Clara_3_ausgeschnittenClara* erlebte jahrelang sexuelle Ausbeutung und innerfamiliäre Gewalt. Heute ist sie Kleinunternehmerin, Tierschützerin und Sozialpromotorin zur Unterstützung von Personen, die sich prostituieren.

Schnittvorlagen, schneiden, Maß nehmen, ein paar Streifen Stoff, nähen und – fertig! Das Ergebnis: eine Jacke. Clara ist Designerin und Schneiderin für Tierbekleidung. Ihre Produkte sind exklusiv und ihr Kleinunternehmen ein voller Erfolg. „Clara träumt“ ist der Name ihres Unternehmens, das sie vor knapp drei Jahren, nach vollendeter Ausbildung im Berufsausbildungszentrum der Adoratrices und mit Unterstützung des Projekts gegründet hat. Ihr Leben findet aber nicht nur zwischen Stoffen, Scheren und Nähmaschinen statt. Regelmäßig leitet sie Workshops und Seminare zur Prävention von sexuell übertragbaren Krankheiten, zu verantwortungsbewusstem sexuellen Verhalten sowie Diskriminierung und Stigmatisierung. Dank der Förderung von Führungspersönlichkeiten im Rahmen des Projekts, arbeitet sie inzwischen als Sozialpromotorin für die Belange von Frauen in der Gemeindeverwaltung von Bogotá.

Auch Hunde träumen von Clara
Auch Hunde träumen von Clara.

Das Leben der heute 56-jährigen verlief allerdings nicht immer so reibungslos. Clara weiß sehr genau, was Gewalt, Aggression und Missbrauch bedeuten. „Mein ganzes Leben ist von der Prostitution geprägt“ sagt sie. Aufgezogen wurde Clara von einer Bekannten. Ihre leibliche Mutter hat sie im Alter von sieben Monaten verlassen. Seit sie herausfand, dass sich ihre Mutter prostituierte, ist sie sich sicher, viele Dinge plötzlich besser verstehen zu können.

Ihre Kindheit und Jugend hat sie nie gelebt. Schon als junges Mädchen arbeitete sie als Kindermädchen, Haushaltshilfe und schließlich, seit sie 14 Jahre alt war – weit entfernt von ihrer Heimatstadt Cali und den wenigen Verwandten – in verschiedenen Bordellen. Zwei Jahre später dann, geriet sie vom Regen in die Traufe. Abseits der Rotlichtmilieus, aus denen sie ihr erster Ehemann Mario* rausgeholt hat, lernte sie eine ganz neue Art von Demütigung kennen. 15 Jahre lang blieb sie bei Mario, während er sie missbrauchte, schlug und immer wieder als Hure beschimpfte. Als sie die Gewalt nicht mehr ertragen konnte, trennte sie sich von ihm und begann, sich mit einem neuen Mann, ein neues Zuhause und ein neues Leben aufzubauen, in der festen Überzeugung, dass diesmal alles besser würde. Ihre Hoffnungen erfüllten sich nicht, aber diese Beziehung hatte trotzdem etwas Gutes: zwei wundervolle Kinder. Schließlich blieb sie allein mit ihren Kindern und arbeitete erneut als Haushaltshilfe, Kellnerin, Altenpflegerin. Sie nutzte praktisch jede Möglichkeite, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Trotzdem kehrte sie nach 30 Jahren in die Prostitution zurück, weil ihre wirtschaftliche Situation erdrückend war und ihre Kinder Hunger hatten…

Obwohl sie nur unregelmäßig im Rotlichtmilieu von Bogotá anzutreffen war, war es genau der Ort, an dem sie von der Arbeit der Adoratrices erfuhr, die sie das erste mal vor acht Jahren aufsuchte. Eine Begegnung, mit der für Clara schließlich doch noch ein neues Leben begann. Noch nie zuvor hatte sie etwas gelernt, eine Ausbildung absolviert: „Sogar in diesem Bereich wurden meine Rechte verletzt, weil ich nie die Möglichkeit erhalten habe, etwas zu lernen.“ Sie entschied sich für eine Ausbildung in industrieller Konfektion und Näherei, absolvierte ihr Praktikum in der Textilfabrik der Adoratrices und erklärt, dass sie dort vor allem Qualität gelernt hat, was ihr heutzutage von großem Nutzen ist. Clara begann, orthopädische Kopfkissen zu nähen, wechselte dann zu ökologischen Stofftaschen und fand schließlich genau das richtige für sich: Tierbekleidung – der Start als Kleinunternehmerin.

Ihre Ausdauer, ihr Pflichtbewusstsein und ihre Solidarität waren ausschlaggebend dafür, dass Clara ihm Rahmen des Projekts als Führungspersönlichkeit ausgewählt wurde. Ziel dieser Initiative ist es, Frauen, die sich prostituiert haben, vor allem im Bereich Menschenrechte und Gewaltprävention fortzubilden, ihnen auf persönlicher Ebene Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten und sie dazu anzuregen, als Multiplikatoren, anderen Personen in der gleichen Situation zu helfen, Alternativen zur Prostitution zu finden.

Clara kennt die oft schwierige Situation der Frauen in Bogotá aus eigener Erfahrung. Als Sozialpromotorin klärt sie Frauen über ihre Rechte auf und hilft ihnen, ihre Rechte einzufordern.

Clara ist fest davon überzeugt: „Einer der Gründe, weshalb man unsere Rechte verletzt, ist, dass wir diese gar nicht kennen.“ Deshalb hat sie sich zum Ziel gesetzt, v. a. andere Frauen über ihre Rechte aufzuklären, ihnen klarzumachen, dass sie nicht weniger wert sind als jeder andere Bürger auch. Sie sagt ihnen, dass sie sich emanzipieren, befreien müssen, dass sie lernen müssen, „Es reicht!“ zu sagen. “Oft sind wir es selbst, die es erlauben, dass man uns so behandelt, weil wir klein beigeben. Man kann auch mit wenig gut leben. Das ist nicht immer leicht, aber zweifellos die bessere Alternative.“

Im vergangenen Jahr vertrat Clara die Einrichtung der Adoratrices offiziell beim „Ersten Treffen der in ihren Rechten verletzten Bevölkerungen“ in Cartagena in Kolumbien. Und das ist nicht das einzige Erfolgerlebnis, dass sie als Führungspersönlichkeit zu verzeichnen hat. Sie selbst empfindet ihr Leben inzwischen als einen Traum, derart, dass sie einfach alles, was sie sich vornimmt, auch schafft. Ihr Dank gilt den Adoratrices, weil sie es waren, die ihr die vielleicht einzige Chance ihres Lebens gegeben und ihr Selbstbewusstsein beigebracht haben. Heute sind die Schwestern Teil ihrer Familie und aus dieser nicht mehr wegzudenken. Mit ihrer Unterstützung hat Clara nicht nur gelernt, professionell zu nähen, sie ist, wie sie selbst sagt, auch Gott näher gekommen. Und das war wichtig für sie. Jetzt ist sie mit sich selbst im Reinen, im Frieden mit den Leuten, mit ihren Kindern. Leben bedeutet für sie lernen und sie nutzt jede Gelegenheit, um sich weiterzubilden. Sie weiß, dass die Dinge, die sie lernt, nicht nur ihr selbst nutzen, sondern all den anderen Frauen auch, den 80-Jährigen von San Bernardo und Santa Fe und den 14- bis 15-Jährigen im „Patio Bonito“. Mit ihren eigenen Erfahrungen und ihrem Beispiel will sie anderen Frauen helfen, sich aus dem Gefängnis der Prostitution zu befreien.

*Name geändert

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