Deutschland: Mode ohne schlechtes Gewissen – Teil 1

GOTS SiegelIch mag Mode. Ich kleide mich gern. Geht das ohne schlechtes Gewissen? Ich sage: Ja! Welche Alternativen gibt es? Auf welche Kriterien muss ich beim Kauf achten? Wem kann ich vertrauen? Diese Fragen werde ich versuchen zu beantworten. Ein Wegweiser durch alternative Bekleidungs- und Konsummöglichkeiten. Im ersten Teil widme ich mich Siegeln und Initiativen, sowie ökofairen Modelabels.

Siegel und Initiativen   Eine Möglichkeit ist beim Kauf von Textilien und Bekleidung auf Siegel und Initiativen zu achten. Diese können einen Hinweis darauf geben, wie das Stück produziert wurde. Hört sich einfach an – ist es aber nicht. Denn zur Zeit gibt es ungefähr 120 solcher Siegel. Jedes hat einen individuellen Schwerpunkt und sehr unterschiedlich festgelegte Standards und Stärken. Ein kritischer Blick und das Hinterfragen der Glaubwürdigkeit gehören leider dazu. Meist werden entweder ökologische oder soziale Kriterien geprüft und nicht die gesamte Produktionskette.

Produktionsstationen von Kleidern (c) http://www.ci-romero.de/

Eine schöne Grafik mit Hintergrund-Informationen zu den einzelnen Produktionsstationen findet sich auf der Seite der Christlichen Initiative Romero. (Klick aufs Bild)

Im ökologischen Bereich werden Kriterien im Zusammenhang mit dem Thema Umwelt aufgestellt und überprüft. Zentrale Fragen sind: Ist genmanipuliertes Saatgut verboten? Handelt es sich um biologische oder faire Baumwolle beziehungsweise wie hoch ist ihr Anteil? Ist die Produktion ressourcenschonend? Werden Agrarchemikalien, wie Pestizide eingesetzt? Wie ist der Umgang mit Schadstoffen?

Sozial Kriterien beziehen sich auf die Arbeitsbedingungen. Wichtige Ansatzpunkte und Fragen sind hier: Werden die Kernarbeitsnormen der International Labour Organisation (ILO) berücksichtigt? Werden existenzsichernde Löhne gezahlt? Sind unabhängige lokale Beschwerdestellen vorhanden? Gibt es Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für das Management und die Arbeiter(innen)?

Eine zentrale Frage, die sowohl für ökologische als auch für soziale Siegel und Initiativen zu beachten ist, ist die Frage nach der Unabhängigkeit und der Transparenz. Handelt es sich um ein unternehmensnahes Siegel, das nur durch interne Kontrollsysteme (Audits) überprüft wird und eigene Standards festlegt? Oder um eines, das mit unabhängigen Instanzen zusammenarbeitet und gemeinsam Standards erarbeitet und Ergebnisse veröffentlicht? Während erstere oft nur ein Minimum an Standards einhalten und mit sehr niedrigen Grenzwerten arbeiten und daher kritisch zu betrachten sind, ist die Glaubwürdigkeit aufgrund hoher Standards und hoher Grenzwerte sowie transparenter Arbeit bei letzteren gewährt.

Auch ich finde es immer wieder schwer, den Durchblick zu behalten. Bei unternehmensnahen Siegeln und Initiativen bin ich skeptisch. Lieber sind mir unabhängige Labels oder Initiativen von verschiedenen Akteuren, so genannte Multi-Stakeholder-Initiativen, die gemeinsam Standards aufstellen und sich gegenseitig überprüfen. Wert auf hohe Standards und transparente Arbeitsweise legen besonders folgende als glaubwürdig und empfehlenswert einzustufende Siegel und Initiativen: Global Organic Textile Standard, IVN Best, Fairtrade und die Fair Wear Foundation.

GOTS SiegelDer Global Organic Textil Standard, kurz GOTS, hat einen ökologischen Schwerpunkt: Gefordert wird die Verwendung von Fasern aus kontrolliert biologischem Anbau (70%). Die restlichen 30% können aus Regenerat- bzw. Synthetik-Fasern bestehen, wenn diese aus ökologischer Sicht verbessert und zertifiziert sind. Außerdem müssen Umweltkriterien entlang der Produktionskette eingehalten werden sowie die ILO- Kernarbeitsnormen. Es ist im ökologischen Bereich ein hochwertiges Siegel, das eine steigende Anzahl an zertifizierten Produkten aufweisen kann und daher auch immer häufiger vorzufinden ist.

IVN Best Siegel

 

Das IVN Best ist das Siegel mit den höchsten ökologischen Standards – es werden 100% Naturfasern aus 100% kontrolliert biologischer Landwirtschaft/Tierhaltung gefordert. Das Siegel ist wesentlich seltener vorzufinden.

 

 

FHW SiegelDie Fair Wear Foundation (FWF) ist ein unabhängige Non-Profit-Organisation und Multi-Stakeholder-Initiative, die die Einkaufspraktiken und sozialen Standards ihrer Stakeholder zertifiziert. Es werden Schulungen angeboten, die ILO- Kernarbeitsnormen sowie existenzsichernde Löhne gefordert und auf eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Akteur(innen) geachtet. Eine empfehlenswerte Initiative mit hohen sozialen Standards.

 

Fairtrade

Fairtrade certified CottonFairtrade ist das wohl bekannteste Siegel. Die Standards werden von Fairtrade International festgelegt. Nur das Fairtrade Certified Cotton bezieht sich auf den Anbau und die Förderung biologischer Baumwolle.

 

Wer weiter lesen möchte und Informationen zu den vielen, hier nicht aufgeführten Siegeln und Initiativen sucht, sollte auf die Seite des Portals Grüne Mode schauen. Dort findet sich auch ein Glossar mit grundlegenden Begriffen. Über das Portal kann auch das Booklet “Wearfair” erworben werden. Dieses fasst alles zum Thema übersichtlich auf Papier zusammen – sehr zu empfehlen.

Öko-faire Labels   Zugegeben, nachhaltige(re) Modeunternehmen sind noch ein Nische. Das heißt aber nicht, dass es keine gute Auswahl gibt – und die ist weder langweilig noch einseitig. Einen schönen Artikel mit vielen Labeltipps gab es letztes Frühjahr von der Zeit.

Wenn ich etwas Bestimmtes suche, schaue ich oft erstmal auf der Seite von Get Changed nach. Das schweizer Netzwerk ist ein Blog- und Mode/Label-Finder zugleich. Es können bestimmte Kleidungsstücke gesucht werden, um im nächsten Schritt entweder Labels oder Partnerstores angezeigt zu bekommen. Oftmals gibt es auch einen Online-Versand, so dass auch entlegenere Orte erreicht werden.

Kleine Labels beachten   Siegel und Initiativen gibt es nicht umsonst: Die Mindeststandards müssen eingehalten werden und die Labels müssen dafür bezahlen, dass sie damit werben können. Viele junge und kleine Unternehmen und Labels können sich diese Zertifizierung nicht leisten. Es ist auch so schon schwer genug, gegen die Moderiesen zu bestehen. Daher sollte nicht alles, was nicht zertifiziert ist, als schlecht aufgefasst werden. Oft produzieren junge Modemacher selbst in kleinen Ateliers, arbeiten mit lokalen Produzenten zusammen und bauen auf ein persönliches Netzwerk an Lieferanten – für mich definitiv eine nachhaltigere Methode. Deshalb gilt: Im Zweifel nachfragen. Wer nichts zu verbergen hat, wird gerne Rede und Antwort stehen – und freut sich über das Interesse.

If you gonna do it, do it right.

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2 Gedanken zu „Deutschland: Mode ohne schlechtes Gewissen – Teil 1“

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Überblick!
    Ich hätte zwei Fragen:
    1. Sind die zertifizierten Produkte wesentlich teurer als “normale”?
    2. In welchen Geschäften findet man zertifizierte Kleidung?

    1. Hallo Jan,
      ich freue mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Zu deinen Fragen.

      “Sind die zertifizierten Produkte wesentlich teurer als “normale”?”

      Das kommt darauf an was für dich “normale” Bekleidung ist. Vergleicht man öko-faire zertifizierte Bekleidung mit Diskounter Produkten (KIK, H&M, Zara etc.) wird sie dir sicherlich etwas teurer oder auch teuer erscheinen. Wird sie jedoch mit Marken Produkten verglichen, würde ich sagen befindet sie sich auf einen ähnlichen Preisniveau. Ein Beispiel: Eine Discounter-Jeans kostet im Extremfall zwischen 10€-40€. Eine Marken Jeans sit wahrscheinlich ab 80€ aufwärts zu erwerben. Ökofaire Jeans von beispielsweise Kuyichi, Nudie Jeans oder auch Hess Natur gibt es auch ab 90/100€. Und die Verarbeitung, das heißt die Qualität der Produktion und Materialien sollte wesentlich besser als bei den Diskountern sein. Das heißt man zahlt mehr als bei Diskountern, bekommt aber auch mehr und länger, muss kein schlechtes Gefühl dabei haben – und das rechtfertigt meines Erachtens den Preis.

      “In welchen Geschäften findet man zertifizierte Kleidung?”

      Einen guten Überblick über Läden, die zertifizierte Bekleidung anbieten erhälst du auf der Seite von http://www.getchanged.de. Dort gibt es übrigens auch einen schönen Artikel zur Jeans: http://www.getchanged.net/de/magazin/good-guides/good-jeans-guides-47.html?page=/

      Auf getchanged gibt es den fair-fashion-finder. Eine Suchmaschine in der du entweder gezielt nach Produkten suchen kannst oder dir die Läden in deiner Stadt die zertifizierte Bekleidung anbieten. Weltläden oder Läden des Fairen Handels bieten auch immer zertifizierte Produkte an. Oder man sucht speziell nach einer Marke. Auf deren Seiten finden sich immer angaben zu eignen Läden oder Läden, die die Produkte vertreiben.Oder auf korrekte Klamotten schauen: http://korrekte-klamotten.de/mitglieder

      Einige interessante Marken werden auch in diesem Zeit-Artikel vorgestellt:
      http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-05/faire-mode

      Ich hoffe du wirst fündig!

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