Deutschland: Symbiosis in Ahaus und Singen

Singen, Symbiosis. Foto Stefan TeplanWas haben Ahaus im nordrhein-westfälischen Münsterland, ganz im Norden Deutschlands an der holländischen Grenze und Singen in der Nähe des Bodensees ganz im Süden nahe der Schweiz gemeinsam – die Kunstaktion “Symbiosis” verbindet sie. Die Caritas-Jahreskampagne 2014 erinnert daran, dass alle Menschen globale Nachbarn sind. 

Sowohl der Caritasverband für die Dekanate Ahaus und Vreden sowie der Caritasverband Singen-Hegau haben mich gebeten, ihre Aktionen rund um die Kunstaktion Symbiosis und die Caritas-Jahreskampagne zu begleiten. In Ahaus hat die engagierte Mitarbeiterin Christel Mers von der Gemeinde-Caritas sich richtig viel vorgenommen: Es erwartet uns ein Zwei-Tagesprogramm, in dem man sich der Kampagne sehr intensiv annimmt, mit Vorträgen und Diskussionen in einem Gottesdienst, an einer Schule, in dem im Caritas-Zentrum Ahaus angesiedelten „Café Fair“ und im Verband selbst. Nach einer bis in den späten Abend andauernden Diskussion vor Pressevertretern und Caritas-Mitarbeitenden im Café Fair geht es am nächsten Morgen sehr früh weiter.

Peter Merzbach, Vorstand im Caritasverband, holt mich um 6.30 Uhr mit seinem Wagen ab: Um 7.00 Uhr müssen wir im Früh-Gottesdienst in der Kirche Mariä Himmelfahrt zur Stelle sein. Dort werden an prominenter Stelle die zum Kunstobjekt umfunktionierten weißen Kalaschnikows, deren Läufe ineinander verschweißt nie wieder einen Schuss abgeben werden, einen Monat lang ausgestellt. Der mit rund 700 Menschen gut besuchte Früh-Gottesdienst soll in die Veranstaltung einführen. Weil auch zahlreiche Mädchen und Jungen der Canisius-Schule Ahaus an der Messe teilnehmen, werde ich gebeten, kindgerecht zu sprechen. Ich greife das Wort aus der vorhergehenden Schriftlesung auf, das in den 80er Jahren von der Friedensbewegung viel strapazierte Bibelwort des Propheten Micha: „Sie werden Schwerter zu Pflugscharen machen“. „Was soll das heißen“, richte ich mich an die Kinder, und erkläre, dass damals Kriege noch mit Schwertern geführt wurden. Und dass man, wenn man sie zu Pflugscharen umarbeitet, aus etwas Zerstörerischem, mit dem man Menschen töten kann, etwas Nützliches macht, das den Menschen dient. Heute würde man vielleicht sagen: “Macht Gewehre oder Atombomben zu Pflugscharen – oder zu Kunstobjekten”, und deute auf die Gewehre, die direkt neben dem Altar vor einem großen steinerne Kruzifix an einer Stellwand aufgebaut sind. Die Kinder erfahren, warum auch ein Kunstobjekt etwas Nützliches sein kann: Es soll uns zum Nachdenken bringen und möglichst helfen, die Welt besser zu machen.

Im Café Fair diskutieren Pressevertreter und Caritas-Mitarbeitende bis in den späten Abend hinein.
Im Café Fair diskutieren Pressevertreter und Caritas-Mitarbeitende bis in den späten Abend hinein.

Ich fordere zum Nachdenken darüber auf, was so eine Waffe alles anrichten kann, was die ausgestellte Waffe wohl schon angerichtet hat in Burundi, erzähle von den Kindersoldaten, die dort eingesetzt wurden und heute noch zum Beispiel im Kongo zwangsrekrutiert werden. Beklemmende Stille, als ich erzähle, dass wir in Deutschland daran vielleicht gar nicht so unschuldig sind. Nicht nur weil Deutschland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist, sondern weil wahrscheinlich fast jeder der Anwesenden, auch viele der Kinder, den Grund für die Rebellenkämpfe im Kongo in der Tasche hat: ein Smartphone. Ich erkläre den Zusammenhang zwischen den blutigen Kriegen und der Kontrolle der Coltan-Minen im Kongo. Die nun fast zwei Jahrzehnte andauernden Kämpfe, erkläre ich weiter, drehen sich zum großen Teil nämlich um die Ausbeutung und Kontrolle eines Rohstoffs, ohne den es keine Handys und keine Computer gäbe. Coltan, genauer genommen das darin enthaltene Tantal, wird für die Produktion leistungsstarker Chips und Kondensatoren benötigt. Zahlreiche Söldnertruppen kontrollieren die verschiedenen Minen. Die ausländischen Konzerne, die das Coltan abbauen, müssen mit den Gruppen kooperieren, um von Söldnern und Rebellen Schutz zu erhalten. Auch die kongolesische Politik ist am Abbau beteiligt und hat ihre eigenen Milizen. Diese aber sind nicht in der Lage, die Kontrolle über die Rebellentruppen zu erlangen. Der Profit aus dem Coltanabbau schürt wiederum den Krieg. „In jedem Handy steckt ein Stück des Kongokriegs” und „an jedem Handy klebt ein bisschen Blut”, zitiere ich Pressestimmen. Ich berichte weiter, wie die Caritas ehemaligen Kindersoldaten hilft, ein neues Leben nach ihren traumatischen Erfahrungen aufzubauen und wozu die Caritas-Kampagne 2014 aufruft, und zwar was wir als Verbraucher, unter anderem auch als Handy-Nutzer, tun können, damit wir uns nicht am Leid der Menschen in anderen Teilen der Welt beteiligen.

In einer Realschule in Ahaus treffe ich in einer über zwei Unterrichtsstunden gehenden Diskussion mit Schülerinnen und Schülern auf ebenso großes Interesse und viel Hintergrundwissen; die Schüler(innen) hatten sich im Unterricht bereits bestens auf den Stoff vorbereitet, wissen viel über Geschichte und Geographie des Landes Burundi, über deutsche Waffenexporte, können sogar die Firma mit Namen nennen, die die meisten Kleinwaffen für Exporte ins Ausland herstellt.

Wie in Ahaus haben auch in Singen engagierte Mitarbeiter(innen) des Caritasverbands in Zusammenarbeit mit der Pfarrei St. Peter und Paul einen Gottesdienst vorbereitet. Und auch dort ist die Waffe direkt neben dem Altar ausgestellt. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz voll. Als besonderes Highlight spricht dort auch Matthias Rettner, einer der beiden „Symbiosis“-Künstler. Und auch hier empfinde ich beklemmende Stille und Betroffenheit der Gottesdienst-Besucher, als erklärt wird, wie viele unserer Konsumgewohnheiten Menschen in den ärmeren Ländern der Welt schaden und warum „weit weg näher ist, als wir alle denken”. Wie stark Matthias Rettner, die örtliche Caritas und Caritas international das Interesse der Menschen in Singen am Kampagnen-Thema und an „Symbiosis“ geweckt haben, zeigt sich auch hier nach dem Gottesdienst, als zum Büffet in einem Seitengang der Kirche eingeladen wird: Nach unseren Referaten werden Rettner und ich derart von den Menschen belagert und mit Fragen gelöchert, dass eineinhalb Stunden nicht daran zu denken ist, sich auch nur einen einzigen Mini-Happen vom Büffet zu holen. „Einen schöneren Beweis“, scherze ich nicht ohne Ernst, als ich gegen 22.00 Uhr hungrig die Veranstaltung verlasse, „kann es nicht dafür geben, wie sehr die Caritas-Kampagne die Menschen anspricht.“

-1083141721_20122111112657_305x400_Fit_1_0_3-6

Dossier zum Thema Waffenhandel und der Kunstausstellung Symbiosis

Alle Termine der Ausstellung

Print Friendly, PDF & Email
Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.