Deutschland: Symbiosis in Vechta

Symbiosis, Marienkriche Ahaus. Foto Stefan Teplan„Weit weg ist näher, als du denkst“. 16 Caritasverbände verbinden die Caritas-Jahreskampagne 2014 mit der Kunstaktion „Symbiosis“ – eine Aktion, die erklärungsbedürftig ist: Das Ausstellungsstück besteht aus zwei Kalaschnikows, die von den Freiburger Künstlern Matthias Rettner und Peter Zizka für den Gebrauch als Waffe unschädlich gemacht, an den Läufen ineinander verschweißt und weiß gefärbt wurden.

Schon bei der Auftaktveranstaltung im Januar 2014 in Mainz bedurfte es der Einführung von Dr. Oliver Müller, dem Leiter von Caritas international, um die verwunderten Fragen mehrerer Angestellter des Caritasverbands der Diözese Mainz beantworten zu können, wieso denn im Foyer ihres Caritas-Zentrums plötzlich ein Gewehr hängt. 300 solcher Gewehre, so erfuhren sie, entzogen die Künstler dem tödlichen Kreislauf aus dem einstigen Bürgerkriegsland Burundi nach langwierigen Verhandlungen mit der dortigen Regierung, um mit den geschaffenen Kunst-Exponaten die weltweiten Waffenexporte zu thematisieren und mit dem Erlös der Aktionen die Friedensarbeit von Caritas international in Burundi zu unterstützen.

Jeden Monat stellt ein anderer Verband die Exponate aus und beleuchtet mit Vorträgen, Diskussionen und Gottesdiensten wieso “weit weg näher ist, also man denkt”. Im Februar 2014 setzte der Landes-Caritasverband (LCV) Oldenburg die Aktion fort. Zur Auftaktveranstaltung waren in den Vortragssaal des Geschäftszentrums in Vechta nicht nur Caritas-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, sondern alle Bürgerinnen und Bürger und Presse-Vertreter geladen. Das Exponat steht noch mit einem dicken Leinentuch verhüllt vor dem Rednerpult. Erst hören, dann sehen: Man will wohl auch hier nicht das Publikum ohne vorherige Erklärung mit dem Anblick einer Waffe schocken. Erst sollen mehrere Referenten darauf vorbereiten. Dr. Gerhard Tepe, Geschäftsführer des LCV Oldenburg, der in Vechta studierende George Mutalemwa und ich als Vertreter von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbands. Dr. Tepe erklärt in seiner einführenden Ansprache, dass man die Veranstaltung dazu benutzen wolle, sich intensiver mit dem Thema Gewalt, deren Entstehung und Folgen auseinanderzusetzen. Daher trage sie den Titel: „Aus heiterem Himmel – warum Menschen ihre Heimat verlassen“. Vorsichtshalber kündigt er schon mal an, dass im Anschluss an die Reden eine Kalschnikow aus Burundi enthüllt werden wird. „Es ist“, sagt Tepe, „schon ein merkwürdiges, ein schreckliches Gefühl bei dem Wissen über diese Waffe, dass damit vermutlich unzählige Menschen getötet wurden.” Und diese Waffe wurde wahrscheinlich nicht in Burundi hergestellt! Nach welchen Kriterien werden Waffen exportiert? Auch Deutschland ist ein großer Waffenexporteur! Wie sieht es hier mit der Verantwortung aus? Aus den Augen, aus dem Sinn?

Dr. Gerhard Tepe, George Mutalemwa und Stefan Teplan halten gemeinsam die zu "Symbiosis" verschmolzenen Gewehre
Dr. Gerhard Tepe, George Mutalemwa und Stefan Teplan halten gemeinsam die zu “Symbiosis” verschmolzenen Gewehre

George Mutalemwa erzählt von der Gewalt in seiner Heimat Tansania. Zwar sei das Land alles in allem ein friedliches Land, nach wie vor würden dort aber pro Jahr 500 überwiegend ältere Frauen als Hexen getötet, weil sie rote Augen hätten. Sterbe eine junge Person und sei eine solche Frau in der Nähe, werde ihr die Schuld für den Tod gegeben. Viele Menschen flüchteten aufgrund herrschender Gewalt in die Nachbarländer: „Wir müssen Ungerechtigkeit, Korruption und das Phänomen der Ignoranz bekämpfen. Dann werden die Menschen ihre Heimat nicht mehr aufgrund von Gewalt verlassen.” Als Mitarbeiter von Caritas international habe ich über diesen Kampf viel zu erzählen. Ich berichte am aktuellen Beispiel der Flüchtlingsströme aus Syrien, wie Konflikte und Krisen unsere mehr und mehr beschäftigen. „Gewalt“, erkläre ich, „ ist ein Thema, das Caritas international als Hilfsorganisation – leider – zunehmend beschäftigt. Denn zunehmend wird unser Arbeitsumfeld nicht nur von Naturkatastrophen bestimmt, sondern auch von Konflikten und Kriegen. Vor allem wird der Alltag vieler unserer Partner-Organisationen entscheidend davon beherrscht. Für viele Regionen sind diese Konflikte und Kriege aber auch das bestimmende Entwicklungshindernis schlechthin, wie dies bereits vor zwei Jahren ausdrücklich im Weltentwicklungsbericht der Weltbank festgestellt wurde. Hat sich doch die ,Qualität‘ der bewaffneten Konflikte seit Jahren dahingehend verändert, dass nicht – wie in einem klassischen Zwei-Fronten-Krieg – Armeen gegeneinander antreten, sondern bewusst und oft systematisch Zivilisten – meist gerade die Schwächsten – die alten Menschen, Frauen und Kinder – angegriffen, verletzt, getötet oder zur Flucht gezwungen werden. Denken Sie an den Krieg gegen das eigen Volk in Syrien, der ein enormes Flüchtlingsdrama ausgelöst hat. Denken Sie an die systematischen Vergewaltigungen während des Bosnien-Krieges in den 90er Jahren oder heute noch im Kongo. Denken Sie an die zahllosen Zivilisten (darunter auch immer wieder Mitarbeitende von Hilfsorganisationen und Journalisten) die in Afghanistan oder im Irak umkamen.“

Nun enthüllen Dr. Tepe und ich das Kunst-Exponat – die Gewehre, die niemanden mehr verletzen können. Und es zeigt sich, dass auch nach mehr als zwei Stunden gehaltener Reden immer noch viele Fragen offen geblieben sind: Es entsteht eine rege Diskussion mit dem Publikum, die zeigt, dass das, was in Syrien, im Kongo, in Tansania so weit weg scheint, den Menschen hier in Vechta plötzlich sehr nahe ist und sie stark beschäftigt.

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Dossier zum Thema Waffenhandel und der Kunstausstellung Symbiosis

Alle Termine der Ausstellung

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