12. Mai 2014   | Neuer Kommentar

Eine ehemalige Kindersoldatin findet ihren Weg zurück

IMG_3909

Kindersoldaten und Kindersoldatinnen werden ihrer Kindheit beraubt und müssen erleben, wie nach und nach gegen jedes ihrer fundamentalen Rechte verstoßen wird. Wenn sie schließlich den Truppen und bewaffneten Gruppierungen entkommen können, leiden sie unter schweren körperlichen und seelischen Schäden. Besonders hart ist das Leben als Kindersoldat für die Mädchen.

Mwanvita war 12 Jahre alt, als sie 2010 von den Rebellen der „Demokratischen Streitkräfte für die Befreiung Ruandas“ (FDLR) verschleppt wurde. Im Urwald lernte sie mit einem Maschinengewehr, Typ AK-47, umzugehen. Sie beteuert immer wieder, sie habe damit nur auf Feinde geschossen, um sich zu verteidigen. Doch Mwanvita wurde mehr als nur eine Soldatin. Zwei Jahre lang kochte sie für ihren Kommandanten, für ihren „Mann“…

Sie ist bereit, mir ihre Geschichte zu erzählen: „Ich habe gesehen, wie unser Haus abbrannte und wie meine Mutter von den Soldaten der FDLR vergewaltigt und mein Vater von ihnen umgebracht wurde“, beginnt sie. „Ich war plötzlich ganz allein und ohne jeden Schutz.“ Der Frage nach ihrer Rolle als Sexsklavin weicht sie aus, versucht schließlich aber doch darüber zu sprechen. Voller Wut und Scham bricht es aus ihr heraus: „Ich kann es einfach nicht vergessen…!“ Sie gibt keine weiteren Erklärungen und fügt stattdessen lakonisch hinzu, sie habe eben das getan, was die Rebellen von ihr verlangt hätten.

2012, nach ihrer geglückten Flucht, findet Mwanvita Schutz im Übergangszentrum für ehemalige Kindersoldaten der Caritas Goma in Masisi, etwa 85 Kilometer von Goma entfernt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. „Als sie hier ankam, war Mwanvita sehr depressiv“, erklärt Jean Baptiste Gahigiro, der Leiter des Zentrums. „Während die anderen spielten, saß sie allein und traurig in der Ecke.“

Die Begeisterungsfähigkeit kehrt langsam zurück

Im Übergangszentrum erfährt Mwanvita, dass die anderen Kinder ebenso schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben wie sie. Auch andere Mädchen hier wurden sexuell missbraucht: Kindersoldaten, Mädchen und Jungen, die zu Kriegsopfern wurden und deren Eltern ums Leben kamen – Kindersoldaten, deren Eltern alles verloren haben und die kein Geld mehr haben, um sie zur Schule zu schicken. Schritt für Schritt aber wird Mwanvita weniger von der schrecklichen Erinnerung beherrscht und sie lernt wieder, Freude und Begeisterung zu empfinden.

Mwanvita mit einer Bekannten in ihrem Dorf Bwabwo, etwa hundert Kilometer von Goma entfernt.

Mwanvita mit einer Bekannten in ihrem Dorf Bwabwo, etwa hundert Kilometer von Goma entfernt.

Als sie das Übergangszentrum nach drei Monaten verlässt, so wie die anderen Kinder auch, ist für Mwanvita klar, dass sie wieder zur Schule gehen wird. Sie besucht jetzt die zweite Klasse der Sekundarschule. Das Schulgeld für sie zahlt die Caritas Goma.

Seit 2004 finanziert Caritas international das Projekt zur Entwaffnung und Wiedereingliederung von ehemaligen Kindersoldaten der Caritas Goma. Vier Übergangszentren für den wirksamen Schutz von Minderjährigen unterhält die Caritas im Osten Kongos. Dank der Hilfsangebote und der Unterstützung aus Deutschland finden viele ehemalige Kindersoldaten und Kindersoldatinnen den Weg zurück in die Gesellschaft. In den Zentren werden die Jüngeren auf ihre Rückkehr in die Schule vorbereitet, so dass sie einen qualifizierten Schulabschluss erreichen können. Die Älteren der ehemaligen Kindersoldaten, die bereits aus dem Schulalter heraus sind, erhalten Unterstützung, damit sie in Zukunft aus eigener Kraft ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Seit Beginn des Projektes im Jahr 2004 konnte die Caritas Goma mit der finanziellen Unterstützung von Caritas international 6.882 ehemalige Kindersoldaten bei ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft begleiten. Die meisten von ihnen, 6.641 Minderjährige, konnten wieder in ihre Familien reintegriert werden.

Ort des Vertrauens

Dennoch: Vor allem für die Mädchen unter den Kindersoldaten ist es extrem schwierig, die bewaffneten Gruppierungen zu verlassen. Denn die Offiziere, die sie als Sexsklavinnen missbrauchen, halten sie abgeschottet in den Wäldern gefangen. Gelingt ihnen dennoch die Flucht und können sie sich bis in ihre Heimatdörfer durchschlagen, werden sie meistens von ihren Familien verstoßen. Aus diesem Grund leistet die Caritas Goma mehr als nur humanitäre Hilfe für die ehemaligen Kindersoldaten, da die Wiedereingliederung in ihre Familien nur gelingen kann, wenn die jeweiligen Dorfgemeinschaften miteinbezogen werden.

Dank der Vermittlung der Caritas-Fachkräfte vom Übergangszentrum Masisi wird Mwanvita von ihren Angehörigen wieder aufgenommen. „Ich habe das Glück, eine Gemeinschaft zu haben, die mich nicht zurückgewiesen hat“, freut sie sich.

In einem Land, in dem Kindersoldatinnen vergewaltigt und misshandelt werden bis sie ausgelaugt und erschöpft zurück bleiben, ist das Übergangszentrum ein Ort des Vertrauens für sie. Die Betreuerinnen und Betreuer der Caritas sind speziell geschult, das Vertrauen der Minderjährigen zu gewinnen. Sie begegnen ihnen auf Augenhöhe und begleiten sie auf ihrem Weg von der Entwaffnung über die Demobilisierung bis hin zur Wiedereingliederung in ihre Familien. In den vielen Einzelgesprächen mit ihren Schutzbefohlenen können die Fachkräfte zudem rechtzeitig schwere Traumata erkennen und die Betroffenen an das Zentrum für psychosoziale Begleitung und Betreuung der Caritas Goma verweisen.

-1786294753_20141002171508_305x305_Fit_1_0_15-6


Afrika, Arbeitsfelder, Archiv, Globale Nachbarn, Konflikte und Krisen, Rechte für Kinder, Regionen, Serie

Über Taylor Kakala

Taylor Kakala Taylor Toeka Kakala ist freier Journalist. Außerdem ist er gleichzeitig Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Goma in der Demokratischen Republik Kongo. Er ist dort verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit und koordiniert die Zusammenarbeit der Demobilisierungszentren für ehemalige Kindersoldaten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.