Georgien: Viel Armut und ziemlich viel Hoffnung

Heute fuhren wir nach Gori, das etwa 80 Kilometer nordwestlich von Tiflis liegt. Da die 30.000 Einwohner zählende Stadt im Grenzgebiet zu Südossetien liegt, wurde sie 2008 zum Kriegsschauplatz. Damals flohen 30.000 Georgier aus Südossetien, wo sie seit Generationen als Bauern ein einfaches aber gutes Auskommen gehabt hatten.

Elis ist 60 Jahre alt und unterrichtete 35 Jahre lang als Grundschullehrerin als der Krieg 2008 ihr bescheidene aber gute Existenz zerstörte. Heute arbeitet sie auf dem Feld und verkauft Salat auf dem Markt.
Elis (rechts im Bild) ist 60 Jahre alt und unterrichtete 35 Jahre lang als Grundschullehrerin bis der Krieg 2008 ihre bescheidene aber gute Existenz zerstörte. Heute arbeitet sie auf dem Feld und verkauft Salat auf dem Markt.

Schon etliche Kilometer bevor wir Gori erreichten, sahen wir die Siedlungen für die intern Vertriebenen, die nach dem Krieg von 2008 mit internationaler Hilfe gebaut wurden. Häuschen an Häuschen reiht sich schachbrettartig aneinander und das über riesige Flächen. Hier leben auf engstem Raum bis zu 5.000 Menschen. Als diese georgischen Familien aus Südossetien fliehen mussten, ließen sie ihre bäuerlichen Existenzen hinter sich. Es fehlten ihnen alle Qualifikationen, um ihren Lebensunterhalt außerhalb der Landwirtschaft zu verdienen. Und die kleinen Gärtchen vor und hinter ihren neuen Häuschen reichen bei weitem nicht aus, um dort den Grundbedarf an Nahrungsmitteln für eine Familie anzubauen. Die Caritas Georgien organisierte Kurse und Qualifizierungsmaßnahmen für die Vertriebenen, aber ein Großteil der Familien lebt noch immer in äußerst prekären Verhältnissen und in einem Teufelskreise aus Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholmissbrauch und Perspektivlosigkeit.

Hausbesuch in Gori mit Olena, der Koordinatorin der Häuslichen Krankenpflege in Gori
Hausbesuch in Gori mit Olena, der Koordinatorin der Häuslichen Krankenpflege in Gori

Wir begleiteten unsere Caritas-Kolleginnen von der Häuslichen Krankenpflege in Gori bei einigen Hausbesuchen. Viele ihrer Klienten sind Kriegsopfer. Es sind ältere Menschen, die in den Vertriebenensiedlungen zurück geblieben und chronisch krank sind. Es sind Familien, deren Häuser von südossetischen Milizen in Vergeltungsaktionen geplündert und in Brand gesteckt wurden. Menschen, die angesichts der schwierigen Wirtschaftslage in Georgien auch auf lange Sicht keine Chance haben werden, ihre kriegszerstörten Häuser wieder aufzubauen. Sie können nur davon träumen, dass sie noch einmal einen Lebensstandard oberhalb der Armutsgrenze erreichen werden.

Zu den Klienten der Häuslichen Krankenpflege der Caritas gehören aber auch viele ganz normale Familien, die durch die Krankheit eines Angehörigen in Not geraten sind. Ein Vater von drei minderjährigen Kindern beispielsweise, der wegen einer chronischen Knochenkrankheit seit 14 Jahren arbeitslos und dessen Frau inzwischen ebenfalls erwerbsunfähig ist. Eine junge Frau, die seit anderthalb Jahren von ihrer Familie getrennt lebt, weil sie ihre 70jährige Mutter versorgt, die nach zwei Schlaganfällen Pflegefall geworden ist.

Eine Klientin der Caritas Hauskrankenpflege in Gori
Eine Klientin der Caritas Hauskrankenpflege in Gori

Es waren bedrückende Begegnungen, aber die Kolleg(inn)en aus Deutschland sind aus ihrem Arbeitsalltag auch gewohnt, Menschen in existenziell bedrohlichen Situationen zu begleiten und zu unterstützen. Insofern ergaben sich am Rande sehr viele Gespräche mit den georgischen Kolleginnen, über die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit, über den immer unzureichenden Umfang staatlicher Hilfen, über unterschiedliche Unterstützungsangebote wie Tageszentren, stationäre Einrichtungen und häusliche Pflegedienste für ältere und chronisch kranke Menschen und ihre Angehörigen. In diesem Bereich gewinnt die Ausbildung von Pflegekräften, pflegenden Angehörigen und Freiwilligen immer mehr an Bedeutung. Und das gleichermaßen in Georgien und in Deutschland.

Vor diesem Hintergrund war es ein besonderes Erlebnis für unsere georgischen Kolleg(inn)en, als wir heute im Landratsamt von Gori mit dem Leiter der Abteilung Soziales und der Stellvertretenden Landrätin ins Gespräch kamen. Die Vertreter der staatlichen Behörden zeigten so viel Offenheit und ehrliches Interesse an den Erfahrungen der Caritas-Mitarbeitenden aus Deutschland, dass aus einem Höflichkeitsbesuch fast ein Arbeitstreffen wurde. Mehr als eine Stunde lang standen insbesondere Irmgard Wirthmüller aus dem Caritas-Zentrum Dachau, Christine Streich-Karas vom Caritasverband Gießen und Gudrun Schemel vom Caritasverband Lörrach den Verantwortlichen im Landratsamt Rede und Antwort über die unterschiedlichen Angebote für pflegebedürftige ältere Menschen und ihre Angehörigen sowie den Umfang staatlicher Finanzierung dieser Dienste.

Die nächsten zwei Tage werden wir unsere georgischen Kolleg(inn)en in der Caritas Kinder- und Jugendhilfe kennen lernen… Wir sind schon sehr gespannt!

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Autor: Christine Decker

Christine Decker ist Referentin in der Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international. Als Verantwortliche für verbandsinterne Kommunikation leitet sie die fachlichen Austauschreisen von Kolleg/innen aus dem In- und Ausland.

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