Georgien: Gemeinsam Unmögliches möglich machen

Unsere erste Station heute war Martkopi, ein Dorf etwa 30 Kilometer östlich von Tiflis. Dort hat die Caritas vor wenigen Monaten die erste inklusive Wohngruppe in Georgien ins Leben gerufen: Zehn Kinder mit und ohne Behinderung aus schwierigsten sozialen Verhältnissen leben hier in einem Haus zusammen und werden von Sozialarbeiter(inne)n in einer familienähnlichen Atmosphäre betreut und begleitet.

Martkopi. Hier haben Anfang des Jahres zehn Kinder mit und ohne Behinderung ein neues Zuhause gefunden.
Martkopi. Hier haben Anfang des Jahres zehn Kinder mit und ohne Behinderung ein neues Zuhause gefunden.

Das Haus in Martkopi wurde mit Spendengeldern aus Italien gekauft, mit Unterstützung von Caritas international, dem Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, renoviert und dank der Hilfe aus Polen für den Einbau eines Aufzuges behindertengerecht umgebaut. Im Laufe des Tages stellen wir* in den Gesprächen mit unseren georgischen Kolleg(inn)en fest: Dieses „Joint Venture“ ist nur eines von vielen, das in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass es heute in Georgien ein umfangreiches Netz an Hilfsangeboten für Kinder und Jugendliche gibt, die in extremer Armut und unter schwierigsten Bedingungen heranwachsen.

In Georgien haben sich alle Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe zusammengetan, um die Interessen ihrer Klienten auf politischer Ebene durchzusetzen.
In Georgien haben sich alle Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe zusammengetan, um die Interessen ihrer jungen Klienten auf politischer Ebene durchzusetzen. Mit Erfolg!
Christine Streich-Karas, Tamar Sharashidze, Taraneh Ghazemi und Michael Bader tauschen ihre Erfahrungen aus. Sie stellen fest: Es gibt viele Gemeinsamkeiten in der Caritas Jugendhilfe in Georgien und Deutschland.
Christine Streich-Karas, Tamar Sharashidze, Taraneh Ghasemi und Michael Bader tauschen ihre Erfahrungen aus. Sie stellen fest: Es gibt viele Gemeinsamkeiten in der Caritas Jugendhilfe in Georgien und Deutschland.

„Unter den nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, die sich in Georgien in der Kinder- und Jugendhilfe engagieren, gilt die Caritas als die Organisation für die schwierigsten Fälle“, berichtet uns Tamar Sharashidze, die Leiterin der Caritas Jugendhilfe. In Martkopi begrüßen uns fünf fröhliche Kinder, die zu dieser Gruppe gezählt wurden. Einer von ihnen ist der 14-jährige Iovan, der mit einer schweren körperlichen Behinderung geboren wurde. Seine Eltern fühlten sich überfordert und gaben ihn schon gleich nach der Geburt in ein staatliches Heim. Dort wurde der aufgeweckte und ansonsten völlig gesunde Junge als nicht therapierbar eingestuft. Als er Anfang dieses Jahres in Martkopi einzog, konnte er nur ein Knie bewegen und war ansonsten völlig auf fremde Hilfe angewiesen. Inzwischen hat Iovan gelernt, seinen Rollstuhl mit den Füßen zu steuern und bewegt sich flink durch das Haus. Er besucht eine inklusive Klasse. „Sein Traum ist, etwas nützliches im Leben zu tun“, sagt Tamar etwas zweifelnd und fragt die deutschen Kolleg(inn)en, ob sie diesen Traum für realistisch halten. „Ja, natürlich“, antworten Michael Bader und Taraneh Ghasemi wie aus einem Mund. Und in den nächsten zehn Minuten entwickeln sie gemeinsam mit Tamar mehrere konkrete Ideen, die Iovan in kleinen Schritten seinem Ziel näher bringen werden.

Iovan, ist trotz seiner Behinderung eines der problemlosesten Kinder in Martkopi. Die anderen Kinder benötigen sehr viel mehr Betreuung und zum Teil auch intensive psychologische Begleitung. Da sind zum Beispiel die zwei 14 und 15 Jahre alten Schwestern, die im Alter von vier und fünf Jahren in ein Heim gegeben wurden, weil sie in der Familie von ihrem Großvater und Bruder sexuell missbraucht worden waren. In dem Heim, das ihnen Schutz bieten sollte, wurden sie erneut Opfer sexuellen Missbrauchs. Für unsere Kolleg(inn)en ist das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern in der Familie Neuland und bisher ein trauriger Einzelfall. Ihre deutschen Kolleg(inn)en schütteln den Kopf und berichten von den Erfahrungen in ihrem Berufsalltag: Es handelt sich hier nur um ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Erst wenn dieses Tabu gebrochen wird, zeigt sich, dass sexueller Missbrauch von Kindern sehr viel häufiger vorkommt, als man wahrhaben möchte.

Das Tageszentrum für Straßenkinder in Tiflis ist täglich Anlaufstelle für 15 bis 20 Kinder und Jugendliche. Sie finden hier ein Bad, können ihre Kleidung waschen, bekommen zu Essen und finden hier bei den Betreuern immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte. Übrigens steht auf jeder Zahnbürste hier der Name ihres Besitzers.
Das Tageszentrum für Straßenkinder in Tiflis ist täglich Anlaufstelle für 15 bis 20 Kinder und Jugendliche. Sie finden hier ein Bad, können ihre Kleidung waschen, bekommen zu Essen und finden bei den Betreuer(inne)n immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte. Übrigens steht auf jeder Zahnbürste hier der Name ihres Besitzers.

Unsere Gespräche am Kaffeetisch dauern zwei Stunden und setzen sich nachmittags im Tageszentrum für Straßenkinder in Tiflis fort. Hier tauschen sich die georgischen und deutschen Kolleg(inn)en über die staatliche Unterstützung für die Jugendarbeit aus. Tamar und ihre Kollegin Irina, die das Tageszentrum leitet, erzählen uns, dass die Regierung noch vor drei Jahren die Existenz von Straßenkindern in Georgien geleugnet habe. Inzwischen werden die sechs Wohngruppen und das Tageszentrum für Kinder und Jugendliche der Caritas Georgien zu über 60 Prozent vom Staat finanziert. „Was“, fragen wir erstaunt, „hat diesen Wandel bewirkt?“. „Wir haben alle gemeinsam an einem Strang gezogen“, antwortet Tamar. Die in der Kinder- und Jugendhilfe engagierten lokalen und internationalen Hilfsorganisationen in Georgien haben – unterstützt durch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef – flächendeckend Zahlen über Kinder, die auf und von der Straße leben, erhoben. Als sie das Ergebnis der Regierung präsentierten, wonach landesweit mindestens 1.500 bis 1.700 Kinder obdachlos sind, führte dies zu einem politischen Kurswechsel. Heute sind allen Wohngruppen ebenso wie dem Tageszentrum der Caritas staatliche Sozialarbeiter(innen) zur Seite gestellt, die sich ihrerseits sehr oft gegenüber den Behörden für die jungen Klienten stark machen.

Die Kinder, die ins Tageszentrum kommen, lernen hier einfache Dinge des Alltags, wie Hände waschen oder Zähne putzen. Für viele Ehemalige, die heute Beruf und Familie haben, steht das Zentrum für den Wendepunkt in ihrem Leben.
Die Kinder, die ins Tageszentrum kommen, lernen hier einfache Dinge des Alltags, wie Hände waschen oder Zähne putzen. Für viele Ehemalige, die heute Beruf und Familie haben, steht das Zentrum für den Wendepunkt in ihrem Leben.

Als wir uns abends über die Eindrücke des Tages austauschen, steht für uns alle fest: Was uns heute am meisten beeindruckt hat, ist, dass erfolgreiche Lobby-Arbeit sehr wohl möglich ist. Vor allem dann, wenn alle Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen. Aber auch das wäre undenkbar, ohne das mutige und ebenso beeindruckende Engagement der georgischen Kolleg(inn)en für das Wohl ihrer Klienten.

* Die Mitglieder unserer Reisegruppe sind: Michael Bader, Stiftung St. Zeno in Kirchseeon; Taraneh Ghasemi, Caritasverband Gießen; Gudrun Schemel, Caritasverband Lörrach; Christine Streich-Karas, Caritasverband Gießen und Irmgard Wirthmüller, Caritas-Zentrum Dachau.

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Autor: Christine Decker

Christine Decker ist Referentin in der Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international. Als Verantwortliche für verbandsinterne Kommunikation leitet sie die fachlichen Austauschreisen von Kolleg/innen aus dem In- und Ausland.

Ein Gedanke zu „Georgien: Gemeinsam Unmögliches möglich machen“

  1. Gruess Gott Michael Bader und Kolleginnen !
    Vielen herzlichen Dank fuer alles das ihr gemacht habt und weiterhin macht.Ich habe mir alles auf
    deeinem Link ueber Euere Arbeit und die Zustaende bezueglich Strassenkinder und behinderte
    Kinder angesehen und zu Gemuete gefuehrt. Allen vielen,vielen Dank und mein Wunsch :::
    Bitte weiter so !!!!!!!!
    Viele Gruesse D.Geisler

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