Georgien: Im Haus der Caritas – die zwei Gesichter der Armut

Der vierte Tag unserer Reise hat uns am meisten bewegt und erschüttert. Auf einem Gelände, auf dem zu Sowjetzeiten eine Metallfabrik und ein Wohnheim für 400 Arbeiter standen, sind heute eine Suppenküche, eine Tagesstätte für 200 Kinder und Jugendliche, eine Wohngruppe für zehn Kinder aus schwierigsten sozialen Verhältnissen und eine Tagesstätte für 40 ältere Menschen untergebracht.

Im Puppentheater. Die Kinder haben ihre Marionetten selbst gebastelt.
Im Puppentheater. Die Kinder haben ihre Marionetten selbst gebastelt.

In der Tagesstätte für 200 Kinder und Jugendliche aus extrem armen Familien treffen wir* uns wieder mit Tamar Sharashidze, der Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe der Caritas Georgien. Sie nimmt uns mit in eine andere Welt. Sie führt uns lange Gänge entlang von Werkraum zu Werkraum. Vor jeder Tür hängt ein kunstvoll gestaltetes Schild, das zeigt, welches Handwerk dahinter gelehrt und gelernt wird. Und überall tauchen wir ein in ein geschäftiges Tun. Wir finden sechs bis 18-Jährige, Jungen wie Mädchen, die mit konzentriertem Gesichtsausdruck bei der Sache sind: Vier proben im Puppentheater mit selbst gebastelten Marionetten. In der Schreinerei schnitzen sechs Jungen im Alter zwischen acht und 15 Jahren an ihren Kunstwerken. Sie lassen sich nicht einmal ablenken, als wir ihnen dabei mit der Kamera über die Schulter schauen. Wir unterhalten uns kurz mit ihrem Lehrer, einem Absolventen der Meisterklasse der Kunstakademie, der uns stolz die Arbeiten seiner Schüler zeigt, darunter viele Holzreliefs mit religiösen Motiven.

Der hl. Georg. An diesem Holzrelief, das kurz vor seiner Vollendung steht, arbeitet ein Jugendlicher schon seit etlichen Wochen.
Der hl. Georg. An diesem Holzrelief, das kurz vor seiner Vollendung steht, arbeitet ein Jugendlicher schon seit etlichen Wochen.
Hier geht's zum Friseur.
Hier geht’s zum Friseur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im nächsten Werkraum herrscht das gleiche geschäftige Treiben. Hier sind die Jungen und ein Mädchen mit Metallarbeiten beschäftigt. Sie hämmern, löten und klopfen. Das nächste Türschild zeigt einen Fön, Kamm und Schere und weist uns den Weg in den Friseursalon. Als uns Tamar so von Werkraum zu Werkraum führt, beobachte ich meine deutschen Kolleg(inn)en, die immer stiller werden. Während ich mich frage, ob sie denn nicht ebenso beeindruckt und begeistert sind wie ich, merke ich, dass sie sichtlich um Fassung ringen. „Wir sind in Deutschland doch schon total verkopft“, bricht es schließlich aus Taraneh Ghasemi heraus. „Wir machen Pläne, dokumentieren jede Minute, füllen Formulare aus und was nicht alles!“ Und diese Kinder hier arbeiten an Schnitzereien, Keramiken, Email-Schmuckstücken, Webereien oder Teppichen mit ebenso großer Geduld, Ausdauer wie Perfektion. Von der Planung über die ersten Skizzen bis hin zur Fertigstellung ihrer Objekte brauchen sie oft Tage, Wochen, ja sogar Monate.

Das Emaillieren erfordert von den Jugendlichen höchste Konzentration und Präzision.
Das Emaillieren erfordert von den Jugendlichen höchste Konzentration und Präzision.

„Die Kinder hier werden alle vom Sozialamt hergeschickt“, erklärt uns Tamar. Sie müssen einen Nachweis von den Behörden vorlegen, der ihnen nach einem Punktesystem bestätigt, dass ihre Eltern unterhalb der Armutsgrenze leben. Je geringer die Punktzahl, desto größer die Armut. „Manchmal schaue ich zweimal auf das Papier und frage mich, ob da nicht ein Schreibfehler vorliegt“, erzählt sie weiter. Gemeinsam mit Anna, die im Tageszentrum Englisch unterrichtet und jetzt für uns übersetzen wird, dürfen wir nachmittags einige ihrer Schützlinge nach Hause begleiten.

Einer von ihnen ist der 13-jährige Giorgi. Wir hatten ihn vorher im Puppentheater getroffen, wo er mit großem Geschick seine selbst gebastelte Marionette über die Bühne tanzen ließ. Mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder Nika und seiner Mutter Keth (32) bewohnt er ein vielleicht gerade mal zehn Quadratmeter großes Hinterhofzimmer mit Küche. Beide Räume sind ohne Tageslicht und werden von einer Energiesparbirne nur spärlich beleuchtet. Die drei leben von rund 200 Lari Sozialhilfe im Monat. Das sind umgerechnet knapp 85 Euro. Die Miete für die beiden Räume und das „Bad“, das sie sich mit vier weiteren Familien teilen, kostet sie 150 Lari (etwa 62 Euro). Zum Leben bleibt nicht viel übrig. Wenn da nicht die Caritas-Suppenküche wäre, würden die drei hungern. Nach ihren Träumen für die Zukunft befragt sagt Keth, dass sie sich eine gute Ausbildung für ihre beiden Söhne wünscht und für sich selbst hofft, bald Arbeit zu finden.

Der Weg zu Maris Wohnung im 6. Stock der ehemaligen Radiologischen Klinik in Tiflis führt über dieses
Der Weg zu Maris Wohnung im 6. Stock der ehemaligen Radiologischen Klinik in Tiflis führt über dieses Treppenhaus. Im Bild: Gudrun Schemel, Geschäftsführerin des Caritasverbandes Lörrach.

Unsere nächste Station ist das Zuhause der siebenjährigen Mari. Das aufgeweckte Mädchen mit dem braunen Pferdeschwanz und der großen Zahnlücke kommt seit eineinhalb Jahren täglich in die Caritas-Kindertagesstätte. Mari ist eine eifrige Schülerin. Im Zentrum geht sie in die Englisch-, Keramik-, Musik- und auch noch in die Tanzgruppe. Das Tanzen mache ihr am meisten Spaß erzählt sie uns stolz. Als wir vor ihrem Zuhause ankommen, verschlägt es uns die Sprache. Vor uns steht die Ruine der ehemaligen Radiologischen Klinik von Tiflis, jetzt praktisch nur noch ein Rohbau. Dort wo Fenster und Türen waren, gähnen große Löcher. Vor dem Eingang, der von mehreren Polizisten bewacht wird, sitzen ein paar ältere Leute. Mari läuft vorneweg, um uns den Weg zu zeigen. „Wir müssen hoch in den 6. Stock!“, sagt sie. Mari und ihre verwitwete Mutter leben seit zwei Jahren in dieser Ruine – mietfrei. Es gibt hier weder fließendes Wasser, noch Toiletten oder Strom. Und nur wenige Türen. Glücklicherweise haben die beiden Räume, die Mari und ihre Mutter bewohnen noch Fenster. Denn im Winter wird es auch in Tiflis empfindlich kalt. Bis wir den Weg über das ungeschützte Treppenhaus in den 6. Stock geschafft haben, steht uns der Angstschweiß auf der Stirn. Auf dieser Etage wohnen noch fünf andere Familien. Maris Mutter kann uns nicht sagen, wie viele Menschen insgesamt in der siebenstöckigen Ruine hausen. Wir wagen es nicht, uns auszumalen, wie der Alltag von Mutter und Tochter hier aussieht. Und noch weniger, was sich hinter den beiden einzigen edlen Wohnungstüren mit Guckloch und Sicherheitsschloss verbirgt, an denen wir auf dem zweiten Stock vorbeikommen. Es seien Privatwohnungen sagt Maris Mutter und zuckt ebenso hilflos mit den Schultern wie sie es tat, als wir sie nach den Wünschen für ihre eigene Zukunft fragten.

Generalprobe. Die Tanzgruppe geht am nächsten Tag auf Tournee nach Polen.
Generalprobe. Die Tanzgruppe geht am nächsten Tag auf Tournee nach Polen.

Als wir zurück zum Haus der Caritas fahren, kämpft auch unsere georgische Kollegin Anna mit den Tränen. Sie habe keine Vorstellung davon gehabt, wo und wie ihre Schülerinnen und Schüler leben, sagt sie. Auch in ihren schlimmsten Phantasien hätte sie sich das nicht vorgestellt. Im Zentrum gehen wir noch einmal die langen Gänge mit den bunten Türschildern, Bildern und Fotos entlang. Wir sehen die Kunstwerke der Kinder, die hier ausgestellt sind, jetzt mit ganz anderen Augen. Wir denken an die 17-jährige Elena aus der Malklasse, die seit neun Jahren ins Zentrum kommt. Sie hat bereits alle Werkklassen durchlaufen und dabei ihre Liebe und Gabe für die Malerei entdeckt. Am Tag vor unserem Besuch hat sie die Nachricht erhalten, dass sie die Aufnahmeprüfung in die Kunstakademie bestanden hat. Für sie beginnt nach den Sommerferien ein neues Leben. Und wir denken an die Tanzaufführung, die wir vormittags hier erlebt haben. Die Tanzgruppe, die Maris ganzer Traum ist, besteht aus etwa dreißig Kindern und Jugendlichen. Ihre Kunst sind traditionelle georgische Tänze, die eine sehr hohe Körperbeherrschung verlangen. Wir durften der Generalprobe beiwohnen. Denn die Gruppe ging am nächsten Tag auf Tournee nach Polen. In Italien und Frankreich sind sie auch schon aufgetreten. „Und wir kommen auch gerne nach Deutschland!“, rufen uns die Kids fröhlich zu. Wir wünschen uns für die kleine Mari, dass sie schon bald mit ihnen reisen darf.

* Die Mitglieder unserer Reisegruppe sind: Michael Bader, Stiftung St. Zeno in Kirchseeon; Taraneh Ghasemi, Caritasverband Gießen; Gudrun Schemel, Caritasverband Lörrach; Christine Streich-Karas, Caritasverband Gießen und Irmgard Wirthmüller, Caritas-Zentrum Dachau.

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