Philippinen: Das magische Wort „Bayanihan“

In dem Küstenort Bacao ist die Zerstörung durch den Taifun besonders groß.  160 Familien haben ihr Zuhause verloren. Caritas ist seit Januar in dem Ort tätig und konnte durch die Verteilung von Hilfsgütern und beim Errichten von provisorischen Unterkünften helfen. Auch Fischerboote aus Glasfasern sind inzwischen im Einsatz. Doch was genau ist dem kleinen Dorf im vergangenen November widerfahren?

Ich treffe eine der Bewohnerinnen von Bacao, Carmelita, eine 45-jährige Philippina. Sie erzählt mir, dass die Bevölkerung ihres Dorfes komplett evakuiert wurde und die Familien Schutz in verschiedenen öffentlichen Gebäuden und auch  bei Familien im Landesinneren fanden. Carmelita und ihr Mann Joan fuhren mit ihren 6 Kindern zu den Schwiegereltern, die ein paar Kilometer weit weg von der Küste in einem massiven Steinhaus wohnen. Der Taifun war so stark, dass nach kurzer Zeit das Dach abgerissen wurde und der Wind nun auch im Haus tobte. Joan forderte seine Familie auf, Schutz unter einem Bett zu suchen – der vermeintlich einzige sichere Platz in dem Haus. Er versuchte Vorkehrungen zu treffen, um ein drohendes Chaos abzuwenden. Ein tragender Pfeiler stürzte auf ihn und er starb vor den Augen seiner Familie.

Joan ist das einzige Todesopfer in der Gemeinde von Bacao. Der Tod von Joan ist ein großer Verlust für die siebenköpfige Familie wie auch für die gesamte Gemeinde. Die Grundschullehrerin Marylou berichtet, dass Joan sehr beliebt und geschätzt war bei den Menschen von Bacao. Er besaß  ein Sammel-Motorrad Taxi und fuhr morgens die Oberschüler in den nahegelegenen Ort und brachte die Lehrerin vom Nachbarort nach Bacao. Neben dem Taxiservice war er noch als Hauswart in der Grundschule tätig. Außerdem ging er fischen und bestellte ein kleines Grundstück mit Gemüse. Joan half auch der örtlichen Gemeinde die Evakuierung für den Taifun zu organisieren – ältere und gebrechliche Menschen wurden bereits drei Tagen vor der Katastrophe aus Küstenorten evakuiert.

 „Bayanihan“ – Wir helfen einander!

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Die Dorfbewohner halfen Carmelita beim Erbauen einer provisorischen Unterkunft. (Foto: Karin Uckrow)

Nun ist  seine Ehefrau Carmelita auf sich alleine gestellt. Das relativ solide Steinhaus in ihrem Heimatort ist komplett zerstört. Nach drei Tagen kehrte Carmelita mit ihren Kindern zurück nach Bacao. Sie schliefen die ersten Tage in einem Zelt. Dann half die Gemeinde der Familie, eine bescheidene Unterkunft aus den übrig gebliebenen Materialien wiederaufzubauen.

 

Ein Wort fällt oft in diesen Tagen. „Bayanihan“ –  der Filipino-Ausdruck beschreibt eine ganze Lebenshaltung. „Es ist die Eigenschaft der Philippinas sich untereinander zu helfen und Solidarität für jeden in der Gemeinschaft auszudrücken – ist bei uns sehr wichtig“ ergänzt Marylou, die Grundschullehrerin, die für mich übersetzt.  Diese Haltung der Solidarität untereinander kann man hier überall beobachten und sie hilft individuell wie kollektiv die Katastrophe zu meistern.

Alles auf Null

In ihrem provisorischen Haus betreibt Carmelita auch wieder einen bescheidenen Kiosk. Das Startkapital dafür hat sie sich von ihrer Schwägerin geliehen. Von ihren sechs Kindern haben zwei bereits die Oberschule verlassen und müssen nun verstärkt im Haushalt und zum Erwerb des Lebensunterhalts beitragen, damit die jüngeren Kinder alle die Schule beenden können.

Der Verlust des Hauses sowie der Mittel, um ein Einkommen zu erwirtschaften ist ein großer Schicksalsschlag. Das zusätzliche Leid, den Ehemann, Vater und Haupternährer der Familie zu verlieren, ist fast unbeschreiblich. Während Carmelita ihre Geschichte erzählt, kämpft sie mit den Tränen. Sie schaut auf zwei ihrer Kinder und spricht leise:  „Aber es muss doch weitergehen.“

Und es geht für die tapfere Frau weiter – im Gemüsegarten hinter dem provisorischen Haus. Caritas unterstützt die Familien dabei, wieder selber ein gesichertes Einkommen erwirtschaften zu können. Carmelita erzählt, dass die Familie ein größeres Grundstück etwas von der Küste entfernt hat, aber Gartenwerkzeuge und das Saatgut zerstört wurden. Caritas arbeitet derzeit mit dem Gemeinderat und der Kirchengemeinde vor Ort zusammen, um den am meisten vom Taifun betroffenen Familien die Sicherung der Existenzgrundlage zu ermöglichen – Carmelita und ihrer Familie werden schon bald davon profitieren und so hoffentlich den materiellen Verlust schneller zu überwinden.

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