Indien: Lalita lernt für eine bessere Zukunft

Die Musahars sind Kastenlose und gehören demnach zum “Abschaum” der indischen Gesellschaft. Die meisten von ihnen haben noch nie eine Schule besucht: Über 99% der Musahar-Frauen können weder lesen noch schreiben. Caritas international unterstützt deshalb ihre Kinder wie das Mädchen Lalita. Sie hat es deshalb schon viel weiter geschafft als ihre Eltern, denn die 15-Jährige kann zur Schule gehen und hat große Zukunftspläne, auch wenn sie dafür immer noch hart arbeiten muss.

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Festlicher Empfang der Besucher des Dorfes. (Foto: Bettina Taraki)

Der Empfang am Dorfeingang von Kajra Musahari ist überschwänglich, als wäre dies ein Staatsbesuch. Aber vielleicht ist er das auch – schließlich verirrt sich hier nur selten ein Besucher aus Deutschland. Hier wohnen vor allem Musahars – die ehemals als „Rattenfänger“ bezeichnete Untergruppe der Kastenlosen.

Die gesamte Belegschaft steht bereit, der Dorfälteste überreicht mir einen blumenverzierten Teller mit einer Vase, die mit Wasser gefüllt ist. Meine Kollegin Shikka flüstert mir zu, was ich zu tun habe. So nehme ich also andächtig den Krug und lasse ein paar Tropfen des Wassers auf den Boden träufeln. Danach schneide ich mit der Schere, die ebenfalls auf dem Teller bereit liegt, ein rotes Band durch. Es folgt Applaus und wir dürfen eintreten. Neugierig aber nicht aufdringlich werden wir beäugt und auf die Ehrenplätze verwiesen, es gibt Tee und Kekse. Die Frauen singen zur Begrüßung und hängen uns Blumenketten um den Hals. Als ich gebeten werde, ein paar Worte zu sprechen, bin ich überrumpelt. Mir bleibt nicht viel Zeit zum Zögern, daher beginne ich, die Menschen in ihren Bemühungen zu ermutigen, ihre Kinder und vor allem die Mädchen zur Schule zu schicken um ihre eigene Lebenssituation und die der gesamten Gemeinde der Musahars zu verbessern.

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Hier unterrichtet Lalita ihre Schüler. (Foto: Bettina Taraki)

Während die Erwachsenen weiterhin neugierig die Ehrengäste begutachten, pauken die Kinder das Einmaleins mit Lalita. Frühmorgens, noch bevor sie selbst zur Schule geht, gibt die Fünfzehnjährige Nachhilfe für das gesamte Dorf, um die Lerndefizite der Kinder auszugleichen. Die Qualität der öffentlichen Schulen in dieser Region lässt zu Wünschen übrig und viele Kinder haben bisher die Schule gar nicht oder nur unregelmäßig besucht – schließlich wird hier jede Arbeitskraft gebraucht.

Portrait Lalita 1Blog
Lalita (Foto: Bettina Taraki)

Ich bin fasziniert von Lalita’s Erscheinung. Aufrecht und stolz steht sie da. Wie aus dem Ei gepellt – ihre Schuluniform ist frisch gebügelt und dazu der weiße Schal… wie macht sie das, wo sie doch in einer so einfachen Behausung wohnt, frage ich mich. Das „Haus“, eine Bambuskonstruktion, bestehend aus einem „Bett“ und einem Dach. Wohnfläche circa vier Quadratmeter für eine siebenköpfige Familie. Es gibt keinen Schrank, keine Küche, keine Toilette. Die wenigen Habseligkeiten in einer Plastiktüte. Wie es dort wohl in der Monsunzeit aussehen mag?

Eltern in ihrem Haus Blog
Lalitas Eltern in ihrem bescheidenen Zuhause. (Foto: Bettina Teraki)

Lalitas Wiedereinschulung hat im Dorf einen Stein ins Rollen gebracht. Viele Eltern ziehen nach und Lalita erhält durch ihre Arbeit als Nachhilfelehrerin Respekt und Anerkennung. Ihre Eltern sind stolz auf sie, auch wenn in ihren Augen Sorgen und Existenzängste stehen. Ihre Tochter geht zwar zur Schule und will Ingenieurin werden. Aber wovon sollen sie JETZT leben, womit die große Familie durchbringen?

 

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Im Mütterverein reden die Frauen über das, was sie im Dorfalltag bewegt. (Foto: Bettina Taraki)

Im Gespräch mit dem örtlichen Mütterverein interessiert mich, wie es um die Familienplanung bestellt sei. Es wird verlegen gekichert. Schließlich ergreift eine Frau das Wort und erklärt, dass sie sich nach dem fünften Kind einer Sterilisation unterzogen habe. Die Operation werde von der Regierung bezahlt. “Und was ist mit den Männern?”, hakt Shikka nach. Ungläubige Gesichter schauen uns an, gefolgt von heftigem Kopfschütteln. Nein, das ginge doch nicht! Schließlich würden die Männer mit einer Sterilisation ihre Kraft verlieren! Hier gibt es wohl noch viel Aufklärungsbedarf.

Auf dem Rückweg in die Bezirkshauptstadt stehen entlang der Zufahrtsstraße große Werbetafeln. Auf einem wirbt eine Fruchtbarkeitsklinik um die reiche indische Oberschicht: „Wir erfüllen auch Ihren Kinderwunsch!“

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