Indien: Mehr Rechte für Kinder

Die Rechte junger Menschen werden in vielen Teilen der Welt verletzt. Umso wichtiger ist es sie zu stärken: Caritas international setzt sich in vielen Teilen der Erde für Kinderrechte ein. Zum Beispiel in Indien. Dort hat die Journalistin Bettina Taraki die Geschwister Doma und Gyatso getroffen.

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Großmutter Rajkumari in ihrem Garten. (Foto: Bettina Taraki)

Der Garten ist voller Blumen: Orchideen, Linien, Rhododendron. Eine Katze streunt umher. „Ein kleines Paradies“, denke ich. Rajkumari empfängt uns vor ihrer Holzhütte. Die Augen der Sechzigjährigen strahlen, obwohl sie doch, an westlichen Maßstäben gemessen, ein Leben führt, dass man in unseren Breiten in die Kategorie „Altersarmut“ einordnen würde. Der Garten ist alles was sie hat; mit dem Gemüse, das sie anbaut, kommt sie nur knapp über die Runden. Seit dem Tod ihres Mannes lebt die mehrfache Mutter und Großmutter hier allein. Sie würde gerne die drei Kinder ihrer Tochter aufnehmen, aber es reicht nur für eines der drei. Die Versorgung der beiden anderen, die auch ein Zuhause brauchen, ist ihr nicht möglich. „Der Vater ist schon lange über alle Berge und meine Tochter hat keinen festen Wohnsitz. Sie taucht nur noch selten hier auf. Beide hat der Alkohol zerstört“, erzählt sie. Als ihre Tochter, die Mutter von Doma und Gyatso verschwand, übergab sie die beiden einem Ladenbesitzer. „Sie hatte viele Schulden bei dem Mann und war nicht in der Lage, sie zurück zu zahlen“. So hat sie ihm die beiden Kinder überlassen, sozusagen als Pfand im Tausch gegen die Schulden.

Die beiden mussten waschen, putzen, leere Bierflaschen wegräumen. Ihr Arbeitstag begann um vier Uhr morgens und zu essen bekamen sie kaum etwas. Häufig wurden sie geschlagen, wenn sie beispielsweise Ihre Arbeit nicht pünktlich erledigten oder etwas kaputt gemacht hatten. An einen Schulbesuch war nicht zu denken.

Geschwisterpaar
Das Geschwisterpaar musste so viel arbeiten, das keine Zeit für die Schule blieb. (Foto: Bettina Taraki)

„Die beiden waren in einem Laden in Pedong beschäftigt“, ergänzt Tej Kumar Tapavom vom Kinderrettungsteam, das von der Caritas unterstützt wird. „Nachdem uns die Nachbarn des Ladenbesitzers informiert hatten, dass dort zwei Kinder beschäftig seien, bin ich hingegangen, habe erst mal ganz freundlich mit dem Ladenbesitzer gesprochen. Doch der hat sehr wütend reagiert, und behauptet, er kenne seine Rechte und würde die Kinder nicht frei geben. Es gebe einen Vertrag zwischen der Mutter und ihm, die ihm immerhin 80.000 Rupien schuldet. Er würde die Kinder erst dann freilassen, wenn wir ihm das Geld (umgerechnet 1.000 €) zurückzahlen“. Beim zweiten Versuch hat Tej Kumar zur Verstärkung einige Mitglieder des Bürgerhilfevereins mitgenommen und erst als sie mit der Polizei drohten, lenkte der Mann ein. „Er hat verstanden, dass es illegal ist, was er hier macht und hat die Kinder freigegeben“. Das Geld hat er nicht mehr eingefordert. Es war sowieso schon längst “abgearbeitet”.

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Projektmitarbeiterin Mary im Gespräch. (Foto: Bettina Taraki)

Damit sie die Chance haben, ab und zu ihre Großmutter zu sehen, wurden die Geschwister erst einmal in einem einfachen „Shelter“ in der Nähe untergebracht. Die Straße führt in ein kleines Waldstück. Irgendwann muss der Fahrer stoppen, da die Straße unpassierbar wird. Die letzten Meter gehen wir zu Fuß. Die Kommunikation mit den Kindern ist nicht einfach: Sie verstehen kein Englisch, ich kein Nepali. Mary, die Projektmitarbeiterin übersetzt und erklärt den beiden Kindern, wer wir sind, warum wir hier sind und was wir von ihnen wollen.

Doma antwortet nur sehr leise auf meine Fragen, kaum hörbar. Das zarte Wesen ist ängstlich und verunsichert. Die elf Jahre nimmt man ihr nicht ab – sie ist viel zu klein für ihr Alter. Womöglich ein Zeichen von Mangelernährung. Und dann stehe ich da mit meiner großen Kamera und dem Mikrofon und fühle mich schrecklich, weil ich nichts tun kann. Was die beiden wohl von mir denken?

 

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