30. Oktober 2014   | Neuer Kommentar

Irak: Atempause

Der voranschreitende Winter lässt Caritas-Mitarbeiter Thomas Hoerz und seinem Team kaum eine freie Minute. Beim Wettkampf gegen die Zeit muss Hoerz seine engagierten Kollegen deshalb zu Verschnaufpausen regelrecht „zwingen“: Aber auch die sind notwendig, denn anders wird die Energie für die Arbeit in den kommenden Monaten nicht ausreichen.

Registrierung Sharanish3

21 Dörfer im Gebiet um Zakho werden durch die Caritas international auf den Winter vorbereitet. (Foto: Thomas Hoerz)

Seit fünf Wochen arbeitet das Caritas Team nun ohne Pause – Sieben Tage die Woche, mit selten weniger als zehn Stunden am Tag. Wir haben fast 2,000 Familien registriert, mit Details wie dem Alter der Kinder, dem Ort und Datum der Vertreibung und den Ausweisnummern. Wegen der häufigen Ortswechsel der Vertriebenen machen wir das kurz vor einer Verteilung noch einmal. In einigen Dörfern wurden ganze Gruppen zunächst nicht aufgenommen, weil nicht klar war, welches Dorf für das improvisierte Camp zuständig war: Auf einmal haben wir in Feshkaboor zum Beispiel 120 Familien mehr zu versorgen. Jeden Abend müssen Tausende von Gutscheinen für Kleidung gestempelt werden. Wechselnde Stempel sollen Fälschungen schwieriger machen. Genau nach Familiengröße werden die Gutscheine abgezählt und in Kuverts mit dem Namen der Familie gesteckt. Brauchten wir am Anfang noch fünf Stunden für einen Vorbereitungsdurchgang, sind es jetzt nur noch drei.

Die Verteilung der Gutscheine beschäftigt vier Mitarbeiter den ganzen Vormittag. Ein anderes Team fährt mit Lastwagen in die Dörfer und verteilt Teppiche – Abschnitte 3 x 4 m von dicker Auslegeware. Eine Standard Intervention für die Winterfestigkeit der Behausungen. Die ersten fünf von 21 Dörfern haben wir damit in der letzten Woche erreicht. Nächste Woche sollen es sieben werden, wenn alles klappt.

Teamfoto zum Wochenende

Sieben Tage die Woche haben Thomas Hoerz und sein Team gearbeitet. Jetzt gab es nach fünf Wochen den ersten freien Sonntag – zum Energie tanken. (Foto: Thomas Hoerz)

Vor Tagen haben Zuhair – der Chef – und ich beschlossen: Heute, am Sonntag, machen wir das Büro zu. Die Mitarbeiter protestierten, es gäbe so viel zu tun, das würde unser Tempo reduzieren. Wir wissen aber auch aus Erfahrung, dass gerade in extremen Situationen die engagiertesten Mitarbeiter eine Pause zum Luftholen brauchen, um Zeit für ihre Familie zu haben. Auf Nachfragen, am Montag in der Teambesprechung, da bin ich mir jetzt schon sicher, werden die meisten lachen: „Wir haben den ganzen Sonntag geschlafen“ – eine ganz normale Art, in humanitären Krisen Stress abzubauen.

Als Überraschung – und mit voriger ‚Erlaubnis’ von Father Johnny, unserem Gastgeber – gebe ich Samstagabend, kurz vor Büroschluss, eine Runde Drinks und Süßigkeiten aus. „Ein Bier pro Person, nicht mehr!“ schärft er mir ein. „Die Pfarrei muss auf ihren guten Ruf achten!“ Es wird eine kurze Party, aber von durchdringender Fröhlichkeit. Manchen wird jetzt bewusst, wie sehr sie sich auf diesen freien Sonntag gefreut haben.


Archiv, Flucht und Migration, Konflikte und Krisen, Naher Osten / Nördliches Afrika

Über Thomas Hoerz

Thomas Hoerz Thomas Hoerz ist derzeit für Caritas international in Erbil und Umgebung unterwegs. Gemeinsam mit Kollegen koordiniert er die zukünftigen Schritte der Caritas im Irak. Wie sieht die Lage vor Ort aus? Was brauchen die Menschen an Unterstützung? In unserem Blog erzählt uns Hoerz von seiner Arbeit.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: