Philippinen: Eine lange Reise in das Land der Hoffnung

Im November 2013 machte der Taifun Haiyan etwa 4 Millionen Menschen obdachlos. Seitdem ist Caritas international vor Ort und unterstützt die Betroffenen bei ihrer Rückkehr in den Alltag. Caritas-Mitarbeiter Ingmar Neumann wollte wissen, wie sich der Wiederaufbau und das Leben nach der Katastrophe gestaltet – und flog zu den Projekten auf die Insel Samar.

IMG_7105
Wie geht es den Menschen mittlerweile auf Samar? Das wollte Ingmar Neumann auf Samar in Erfahrung bringen. (Foto: Sherwin Aquino)

Fast ein Jahr nachdem der Tropensturm Haiyan über die Philippinen fegte, mache ich mich auf den Weg nach Samar. Auf dieser Insel arbeitet Caritas international eng mit den Diözesen Borongan und Calbayog zusammen und unterstützt die Mitarbeiter vor Ort beim Wiederaufbau. Ich will mir anschauen, wie die Projekte laufen, will in Erfahrung bringen, wie es den Betroffenen in den vergangenen Monaten ergangen ist.

Doch nach Samar ist es ein langer Weg. Von Frankfurt aus geht es zunächst nach Cebu. 16 Stunden sind wir in der Luft, bevor ich philippinischen Boden betrete. Den Zwischenstopp nutze ich, um mir einen ersten Eindruck von dem Land zu verschaffen, das mir bislang fremd ist. Umso erstaunlicher ist das, was mir hier im Oktober begegnet: Ist das nicht „Jingle Bells“, was mir da aus dem Taxi-Radio entgegenklingt? Tatsächlich: Ein niederländisches Einkaufzentrum macht lautstark für die „anstehenden Festtage“ Werbung. Im riesigen Shopping- und Freizeit-Tempel „Ayala Mall“ erinnert ein Spielwarengeschäft an den Weihnachtscountdown und plötzlich trällern auch hier weihnachtliche Weisen aus der Lautsprecheranlage. Zu stören scheint das Niemanden.

Von Cebu sehe ich nicht viel. Den Weg vom Flughafen ins Hotel und vom Hotel zur Ayala Mall. Aber ich fühle mich wohl. Die Menschen wirken freundlich und aufgeschlossen. Das Publikum der Mall ist jung und scheint sich den westlichen Lebensstil leisten zu können. Cebu ist eine Metropole, ein asiatischer Schmelztiegel. Als Europäer falle ich auf.

Haiyan bleibt unvergessen

IMG_7878
Martin Grütters ist für Caritas international derzeit auf Samar, um den Wiederaufbau zu koordinieren. (Foto: Sherwin Aquino)

Am nächsten Morgen geht es weiter auf die Insel Samar. Ich bin mir sicher, dass ich hier eine andere Facette dieses Landes kennenlernen werde. Ländlich geprägt,  vom Taifun Haiyan in weiten Teilen zerstört. Ich bin gespannt. Diese Spannung muss ich eine Weile aushalten, denn erst ist mein Flug überbucht, dann gibt es technische Probleme mit der Maschine. Mit sechs Stunden Verspätung machen wir uns dann schließlich auf nach Tacloban. Caritas international-Mitarbeiter vor Ort, Martin Grütters, und seine Kollegen erwarten mich bereits und gemeinsam fahren wir zur Geburtstagsfeier von Dr. Omega. Er ist der ärztliche Leiter des „Mother of Mercy Hospital“. Am Buffet werden lokale Köstlichkeiten gereicht. Die Menschen hier sitzen zusammen, lachen, reden, singen gemeinsam aktuelle Popsongs und Evergreens.  „Das gibt es bei jeder Geburtstagsfeier,“  sagt Janjan, der bei Caritas Germany als Fahrer angestellt ist. „Und hast du die Nudeln probiert? Die gehören ebenso zu einem guten Geburtstag. Sie sind besonders lang und Symbol für ein langes Leben.“

So überschwänglich die Atmosphäre an den Tischen ist, keiner hat den Taifun Haiyan von vergangenem Jahr vergessen. 20 bis 30 Wirbelstürme pro Jahr sind hier normal, berichten die Partygäste. „Aber damit müssen wir hier eben Leben“ meint Sherwin. Fast beiläufig berichtet er von seinem Bürokollegen: Anfang 30, zwei Kinder, Frau gerade schwanger – den Taifun Haiyan hat nur eines der Kinder überlebt. Schweigen. Sherwin verdrückt eine Träne. Er lächelt mich an und fragt wie der Sommer in Deutschland ist.

We have hope – that’s our problem

IMG_6318
Fotograf Sherwin begleitet Ingmar Neumann bei seinem Besuch. Regelmäßig wird seine Heimat von Taifunen heimgesucht – doch das Ausmaß der Zerstörung von Haiyan übertrifft bei weitem das, was Sherwin bisher erlebt hat. (Foto: Sherwin Aquino)

Sherwin begleitet mich mit seiner Kamera die nächsten Tage von Ort zu Ort. Ich will wissen, wie er mit einem Taifun „umgeht“, wie er Yolanda (Haiyan) erlebt hat. „Na ja, das gehört hier eben dazu“, meint er und setzt nach: „We have hope – that‘s the problem on the Philippines.“ Hoffnung haben, darauf vertrauen, dass es nicht so schlimm wird – das ist für Sherwin scheinbar ein Problem.  „Keine Hoffnung zu haben“, scheint für ihn unvorstellbar. Wie unterschiedlich das Leben in unseren Ländern doch ist.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.