Philippinen: Von Nähmaschinen und perfekten Geschäftsideen

Nach einer langen Reise ist Caritas-Mitarbeiter Ingmar Neumann endlich auf Samar angekommen. Bei seinen Projektbesuchen gibt es Erstaunliches zu entdecken: In seinem neuen Bericht erfahrt ihr, welchen Zweck Nähmaschinen in der Ortskirche erfüllen und wie eine Großmutter mit Erfindertum ihre Enkelkinder unterstützt.

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Die Versorgung mit Gütern wird von den freiwilligen Helfern organisiert und dokumentiert. (Foto: Sherwin Aquino)

Durch Taifun Jolanda wurde das massive Gotteshaus in Balangiga stark beschädigt. Das Dach abgedeckt, die Fenster eingedrückt. Diese Kirche ist eine Ruine und dennoch ist sie für mich im wahrsten Sinne des Wortes intakter als manch schön herausgeputztes Barockkirchlein.  Die Kirche in Balangiga ist mitten im Leben. Das Leben findet mitten in der Kirche statt.  Heute um 14 Uhr kommen etwa 100 Personen zusammen. Die Caritas-Volunteers tragen Fahrradreifen, Sägen, Bohrmaschinen und drei Singer-Nähmaschinen herein und stapeln sie im Altarraum. Nach und nach werden einzelne Personen nach vorne gerufen, in der Liste markiert und mit den bereitgestellten Gütern versorgt.

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Reifen, Sägen, Bohrmaschinen – für den Neubeginn sind diese Gerätschaften für den Haushalt dringend notwendig. (Foto: Sherwin Aquino)

Die Freude ist den Menschen ins Gesicht geschrieben. Die meisten halten sich mit verschiedenen Jobs über Wasser. Durch die Folgen des Taifuns haben viele ihre Gerätschaften verloren und damit auch die Möglichkeit Gehalt zu erwirtschaften. In einem transparenten Verfahren wurde festgestellt, welche Familien besonders bedürftig sind und durch welche Unterstützung am schnellsten wieder Einkommen möglich ist. Auch die Volunteers haben Freude daran Hilfe zu verteilen. Danach berichtet mir Caritas-Mitarbeiterin Marie-Louise aber auch von den Spannungen und Beschimpfungen der Familien, die keine Unterstützung erhalten haben. Verfahren können noch so transparent sein. Es braucht immer eine Entscheidung. Und damit entsteht immer auch Enttäuschung.

Eine Großmutter und ihre Geschäftsidee von der perfekten Hochzeit

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Ihre Geschäftsidee hilft Sharina die Enkelkinder beim Schulbesuch zu unterstützen. (Foto: Sherwin Aquino)

Die Volunteers begleiten mich in die Bank-Houses. Notunterkünfte der Kommunalverwaltung für alle die, die ohne Alles sind. Etliche alleinstehende Mütter oder kleine Familien, die kein Land haben, auf das sie zurückziehen können. Sharina erwartet uns schon. Ihre Ausstrahlung nimmt mich gefangen. Mit einem beinahe zahnlosen Unterkiefer strahlt sie mich an. Trotz der fehlende Zähne, trotz der faltigen Haut. Die 60jährige ist hübsch – auf ihre eigene Art.

Und Sharina ist erfinderisch. Mit dem 5.000 Peso (etwa 90 Euro) Caritas-Startkapital hat sie ihre eigene Geschäftsidee entwickelt. Sharina laminiert Bilder und bastelt im Auftrag Ihrer Kunden Fotocollagen. Stolz zeigt sie uns mehrere Hochzeitsbilder. Die Brautpaare stehen immer in derselben Kirche, sind identisch gekleidet und aus derselben Perspektive aufgenommen. Wer genau hinsieht, entdeckt, dass lediglich die Köpfe der Brautleute ausgetauscht wurden. Sharina verwandelt so Passbilder zum perfekten Brautpaar. Dazu wirkt die Braut auch auffällig jünger als auf dem Passbild. Es scheint einen Markt zu geben für diese Geschäftsidee.

Regelmäßig fährt die Seniorin mehr als zwei Stunden nach Tacloban, um dort die Bilder auszudrucken. Zurück in Balangiga sägt Sie Holzplatten zurecht, zieht den Ausdruck auf und laminiert das Bild. 300 Pesos zahlen die Kunden. Nach Abzug der Ausgaben hat Sie pro Bild 100 Pesos (1,80 Euro) Gewinn. Geld, das sie dringend benötigt. Sharina lebt zusammen mit sechs Enkelkindern in der Notunterkunft und arbeitet, um den Kindern den Schultransport zu finanzieren. Sie ist stolz auf ihre Geschäftsidee aber auch mit der Sorge um die Kinder manchmal überfordert. Unter Tränen sagt Sie: „Weißt du, ich bin Mutter, Vater und Großmutter in einem – manchmal ist das etwas viel.“

 

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