Irak: 29 vergessene Familien in Feshkaboor

Der Winter hat endgültig seinen Einzug im Nordirak gehalten. Deshalb sind Caritas-Mitarbeiter Thomas Hoerz und sein Team tagtäglich unterwegs, um die Flüchtlinge mit Winter-Hilfsmitteln auszurüsten. Wie sie dabei auf eine ganze Gruppe vergessener Vertriebener stoßen, berichtet er uns im heutigen Blogeintrag.

Zuhair und der Mukhtar im Gespraech
Inzwischen hat das Team um Thomas Hoerz Routine bei der Verteilung von Hilfsgüter. (Foto: Thomas Hoerz)

Eine unserer Verteilungen von Decken, Bettlaken und Kerosin-Heizgeräten fand am Freitag in Feshkaboor statt. Mit 221 hierher geflüchteten Familien ist das Dorf an der Tigris – und damit direkt an der syrischen Grenze – auch eines der größten dörflichen Zentren für Vertriebene im Zakho Distrikt, den Caritas international, zusammen mit Caritas Irak‚ ‚adoptiert’ hat. Die warmen Plüschdecken kommen aus China, die Heizgeräte aus Südkorea und die Mittel dazu vom Auswärtigen Amt.

Die Gemeinde gilt als fast wohlhabend, einige Familien besitzen über hundert Hektar fruchtbaren Landes. Der Tigris ermöglicht zudem ganzjährig Bewässerung zu geringen Kosten. Viele Bewohner sehen sich selbst als Vertriebene, sie wurden erst nach 2003 von der kurdischen Administration hier angesiedelt, nachdem sich die Situation für Christen in Baghdad zunehmend verschlechtert hatte. In den letzten zehn Jahren sind viele von ihnen ins Ausland weitergezogen. Jeder der Bewohner mit denen wir ins Gespräch kommen, hat Verwandte in Amerika, Australien oder Deutschland. Die vielen leerstehenden Häuser sind ein Glücksfall für die ‚neuen’ Vertriebenen. Auch wenn es in den ‚besetzten’ Häusern manchmal qualvoll eng ist – keine Familie verfügt über mehr als ein Zimmer – alle verfügen über fließendes Wasser und Elektrizität. Der Schulbetrieb hat wieder begonnen, nachdem in den großen Lagern der Regierung Platz für diejenigen Vertriebenen geschaffen wurde, denen man sämtliche Schulen des Landes für Monate zur Verfügung gestellt hatte.

Eine provisorische Unterkunft dank Dorfbewohner

Die Gemeinde von Feshkaboor hat uns ihren Versammlungssaal als provisorisches Lager zur Verfügung gestellt. Freiwillige aus dem Dorf helfen tatkräftig mit und wuchten die schweren Kartons durchs Lager oder disziplinieren drängelnde Menschen in der Schlange. Insgesamt läuft der Prozeß aber geordnet und routiniert ab. Unser Team ist mittlerweile gut eingespielt, weiß genau wie die Abfolge von Identitätsprüfung und Zuteilung am besten zu bewerkstelligen ist. Das gilt auch für diejenigen, die versuchen, mit Ausweiskopien zweimal zum Zuge zu kommen. Normalerweise setzt eine kurze hitzige Diskussion ein – nur lautstark wird man im Irak wirklich ernst genommen – bis man den Versuch augenzwinkernd aufgibt. Allerdings manchmal erst, nachdem der Mukhtar (Dorfvorsteher) mit streng erhobenem Zeigefinger eingeschritten ist.

nicht registriert
Wie geht man mit nicht registrierten Flüchtlingen um? Die Dialogbereitschaft von Mitarbeitern und Betroffenen ist wichtig. (Foto: Thomas Hoerz)

Bei einer Gruppe von Yessidi Männern ist das diesmal anders. Ihr Verhalten ist hartnäckig und hat verzweifelte Züge. Sie fallen durch dünne und abgetragene Kleidung auf, ihre Armut ist augenscheinlich. Sie sind alle nicht auf unseren Listen registriert. Wir vermuten, dass sie anderswo registriert sind und versuchen, bei einer zweiten Verteilungen etwas abzubekommen. Unser Projektleiter Daniel Zuhair und der Mukhtar nehmen die Gruppe beiseite und fragen nach. Wir erfahren von einer Gruppe von 29 Familien, die in den letzten Wochen, wenige Kilometer von Feshkaboor entfernt, eine Reihe von Grenzbefestigungen bezogen hat, die wir zuvor nicht wahrgenommen hatten.

Vergessenen helfen

Bunker an der Grenze
In diesen sporadischen Unterkünften hausen die “vergessenen” Familien. (Foto: Thomas Hoerz)

Unser Team hat die Verteilung ‚im Griff’, so können wir mit dem Pickup des Mukhtars zu den Bunkeranlagen hoch über den Tigris fahren und die dort lebenden Familien besuchen. Abseits unserer normalen Fahrstrecke leben tatsächlich 29 Familien in bunkerähnlichen Unterständen, im Abstand von 500 Metern in einer Reihe zur Verteidigung der Grenze angelegt. Alle 29 Familien hatten noch keinerlei Hilfe bekommen. Die Unterstände haben weder Fenster noch Türen. Bis auf die Türöffnung hat man alles notdürftig zugemauert, um Wind und Kälte abzuhalten. Es gibt weder Toiletten, noch Wasser oder gar Strom.

Wir können noch am selben Nachmittag alle Familien registrieren, und ihnen die Teilnahme an der Verteilung am nächsten Tag zusagen. Unser Bauingenieur wird die Unterstände besuchen und sehen, wie wir mit einfachen Mitteln etwas mehr Wohnlichkeit und Wärme herstellen können. Einen Teppich pro Familie werden wir gleich nächste Woche vorbeibringen können. Und dann kommen ja bald die Hygienepakete mit Seife, Waschpulver und anderem.

Ihr Zuhause- ein leerer Bunker
Endlich erreicht die Winterhilfe der Caritas auch diese Flüchtlingskinder. (Foto: Thomas Hoerz)

Eine kleine Gruppe im Verhältnis zu den über 2.000 Familien, die jetzt auf unseren Listen stehen. Aber eine große Freude im Team, dass wir diesen versteckten Vertriebenen helfen können. Wir werden noch genauer hinschauen müssen. Vor allem Yessidis, die sich nicht in die Nähe von Verwandten oder Freunden flüchten konnten, nutzen alles, was ihnen ein Dach über dem Kopf verspricht, auch wenn sie dadurch ‚unsichtbar’ werden. Wir müssen noch besser werden. Trotzdem, Daniel Zuhair und ich sind uns einig: das war ein guter Tag heute.

 

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