Philippinen: Eine Reise ins Hinterland

In seinem letzten Blogbericht, nimmt Caritas-Mitarbeiter Ingmar Neumann uns mit auf eine Reise zu einem nur schwer erreichbaren Ort auf der Insel Samar. Nach dem Taifun Haiyan mussten die Dorfbewohner zunächst vergeblich auf Hilfe warten. Doch Caritas wurde auf das Schicksal der Menschen aufmerksam – was seitdem in dem abgelegenen Dorf passiert ist, erfahrt ihr hier.

Um 4 Uhr werde ich wach, die Hitze lässt mich heute schlecht schlafen. Ich schaue auf die Uhr und drehe mich wieder um. Draußen ist schon Leben zu hören. Leise Stimmen, schlurfende Schritte – das Leben auf den Philippinen beginnt früh. Um 4 Uhr lädt Father Jack zum Rosenkranz. Um 4:30 Uhr treffen sich die Gemeindemitglieder zum ersten Gottesdienst. Und wenn ich aus dem Fenster sehe, kann ich schon die ersten Jungs auf dem Basketballplatz entdecken.

Hilfe auch für schwer erreichbare Orte

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Das letzte Stück zum Dorf erreicht man nur zu Fuß. (Foto: Sherwin Aquino)

Balangiga besteht aus mehreren Siedlungen. Sogenannte Barangays. Zu jedem Barangay gehören um die 100 Häuser. Wie weitläufig Balangiga ist, wird mir heute bewusst. Um 7 Uhr brechen wir auf ins Hinterland. Um in den weitest entfernten Barangay zu gelangen haben wir eine Stunde Fahrt vor uns. Vorbei an Reisfeldern, Kokosnussplantagen und über abenteuerliche Brücken. Danach geht es nur noch zu Fuß weiter.

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Das Dorf Sitio wurde von Haiyan schwer getroffen – Schutz gab es nur noch in der etwas höher gelegenen Schule. (Foto: Sherwin Aquino)

Nach einer einstündigen Wanderung erreichen wir das Örtchen Sitio. Knapp 100 Häuser. Eine Schule. Die Hütten schmiegen sich an den Hang. Dass Hayian hier auch zugeschlagen hat, kann ich mir erst nicht vorstellen. Die Volunteers berichten wie sehr der Fluss über die Ufer getreten ist. Das Wasser stand Meter hoch. Die Hänge rutschten ab. Schutz gab es nur noch in der hochgelegenen Schule. Es ist den Caritas-Ehrenamtlichen zu verdanken, dass dieses Dörfchen nicht vergessen wurde. Seit Jahren sind die Jugendlichen aus Balangiga zusammen mit ihrem Pfarrer im Sommer hier oben und gestalten die Kommunionvorbereitung und ein Kinder- und Jugendprogramm.

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Derzeit warten die Bewohner noch auf den Bau von Wasserleitungen. (Foto: Sherwin Aquino)

Als wir ankommen, wird deutlich wie tief die Verbindung der Volunteers zu den Menschen ist. Man kennt sich seit Jahren und hat im vergangenen Jahr vieles gestemmt. Jede Familie hat Hilfsgüter zum Wiederaufbau der Hütten erhalten, dazu eine Basic-Ausstattung an Kochgeschirr und Hygieneartikeln. In einer Cash-for-Work Aktion wurden neue Wege angelegt und das Kirchlein wieder aufgebaut. Jetzt warten die Bewohner auf die neue Wasserleitung, die ihnen versprochen wurde und hoffen auf Unterstützung zum Erwerb neuer Lastenboote. Mit diesen können die Landwirtschaftsgüter in die benachbarten Barangays transportiert und auf den Märkten verkauft werden.

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Die meisten Dorfkinder besuchen lediglich die Grundschule. (Foto: Sherwin Aquino)

Für mich ist der heutige Tag eine geradezu traumhafte Adventure-Tour. Mildes Klima, grüne Umgebung, Wasserbüffel am Fluss, Bergreisfelder. Philippinen aus dem Bilderbuch. Die Einfachheit besticht und wirkt wildromantisch. Doch beim genauen Hinsehen wird klar, wie wenig dieser Ort ein Paradies ist. Der Weg zum Arzt dauert mehr als eine Stunde. Die Schulzeit endet für die meisten Kinder nach der Grundschule, Berufsperspektiven außerhalb der lokalen Landwirtschaft sind wenig bis null. Der Fluss ist Lebensader und Gefahr zugleich. Es gäbe hier noch viel zu tun. Vielleicht sind neue Boote ein Anfang.

Auf dem Fluss

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Im Einbau verlassen die Besucher das Dorf zurück nach Balangiga. (Foto: Sherwin Aquino)

Es gibt Tage, da wird mir bewusst wie besonders mein Job ist. Kollegen treffen in entlegenen Gegenden der Welt. Begegnungen mit faszinierenden Menschen. Die Möglichkeit fremde Länder abseits der Tourismusströme kennenzulernen. Heute ist ein solcher Tag. Der Besuch in Sitio macht mir dies überdeutlich. Der Barangaycaptain Freddy stochert uns nach dem Besuch über den Fluss zurück zum Auto. Ich sitze in einem Einbaum und werde durch eine beeindruckende Landschaft gerudert und geschoben. Ab und zu drohen wir zu kentern, aber Freddy hat alles im Griff. Als er Durst hat, halten wir am Ufer an, um ein paar grüne Kokosnüsse von der Palme zu schütteln und mit der Machete zu knacken. Ein besonderer Tag voller besonderer Augenblicke. … und über die Schlange im Fluss schreibe ich jetzt einfach nichts.

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