12. Dezember 2014   | Neuer Kommentar

Irak: Eine Fluchtgeschichte

Bei seiner Arbeit im Nordirak lernt Caritas-Mitarbeiter Thomas Hoerz auch immer wieder die Schicksale betroffener Familien kennen. Zum Beispiel die Geschichte von Ban und ihrem Mann Samer, die mit ihren fünf Kindern im August diesen Jahres von dem IS vertrieben wurden. Im Exil erzählt das Ehepaar dem Mitarbeiter vor Ort von ihrer Flucht und ihrer Hoffnung auf einen Neuanfang.

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Ban und ihr Mann Samer mussten diesen Sommer gemeinsam mit ihren fünf Kindern vor dem IS fliehen. (Foto: Thomas Hoerz)

Ban Behnan Yakub, Anfang vierzig, schart ihre fünf Kinder um sich und reiht sie auf wie die Orgelpfeifen: David (15), Valentina (14), Dina (11), Stefanie (9) und Nesthäkchen Christian (2). „Der Beschuss mit Granaten von Seiten der Extremisten begann so plötzlich, dass wir in einer Stunde alles zusammenrafften, was in unser kleines Auto passte. Ich erinnere mich an jede Minute des 6. August 2014. Es wird das Datum zum Trauern sein in vielen Familien, die alles verloren haben, was sie und ihre Mütter und Väter sich vor ihnen erarbeiteten. Die Kinder waren vollkommen verstört, sie verstanden ja nicht, was genau passierte, aber spürten, dass große Gefahr bestand.“

„Für eine Strecke, die sonst zwei Stunden benötigt, waren wir wir zehn Stunden unterwegs“, fügt Samer, ihr Mann, hinzu. „Ich kenne die Schwachpunkte meines Autos genau und betete zu Gott, dass es uns nicht im Stich lässt. Dazu kam der Beschuss, in den wir gerieten. Die Peshmerga kämpften verzweifelt, um die Extremisten zu stoppen. Oft mussten wir auf Feldwege ausweichen. Aber irgendwie haben wir es zu unseren Verwandten nach Zakho geschafft und dann hierher in den Bischofssitz.“

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Gemeinsam mit 43 weiteren Flüchtlingsfamilien leben die Vertriebenen im Katechismus Zentrum des Bistums Zakho. (Foto: Thomas Hoerz)

Ban und ihre Familie leben in einem Katechismus Zentrum des Bistums Zakho unter der Leitung von Father Johnny. Er beherbergt hier 44 Familien in zwölf Klassenzimmern und einem Versammlungsraum. Die Überfüllung ist spürbar, aber ebenso eine gemeinsame Disziplin, die Ordnung und Zusammenarbeit schafft. „Jede Mutter hat sich auf den Gängen oder in den Klassenzimmern eine kleine Küche eingerichtet. Für uns Frauen ist es wichtig, dass es ein kleines Eck gibt, in dem wir unseren ‚eigenen Haushalt’ haben“, erklärt Ban und lacht.

Samer hingegen blickt düster, wenn er auf das ‚Leben davor’ zurückblickt: „Wir hatten einen kleinen, aber gut laufenden Laden für Computerzubehör aufgebaut und ein gemietetes Haus möbliert. Meine muslimischen Nachbarn berichten per Telefon, dass Laden und Haus vollständig geplündert sind. Wir werden Jahre brauchen, um das wieder aufzubauen“.

„Ein Neuanfang wird schwer, aber wir haben Glück im Unglück gehabt,“ gibt Ban zu bedenken, „am wichtigsten: Es ist hier sicher und trocken, wir haben Toiletten und Waschräume und wenn es Strom gibt, können wir heizen. Uns als Familie geht es noch etwas besser als den anderen, denn Samer hat bei der Caritas Arbeit gefunden. Ich sehe ihn oft, wie er Verteilungen gleich hier um die Ecke durchführt.“ Sie schaut lächelnd zu ihm: „…und ich bin dann auch stolz auf ihn, denn er hilft nicht nur uns, sondern auch vielen anderen.“

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Arbeitsfelder, Archiv, Flucht und Migration, Konflikte und Krisen, Naher Osten / Nördliches Afrika

Über Thomas Hoerz

Thomas Hoerz Thomas Hoerz ist derzeit für Caritas international in Erbil und Umgebung unterwegs. Gemeinsam mit Kollegen koordiniert er die zukünftigen Schritte der Caritas im Irak. Wie sieht die Lage vor Ort aus? Was brauchen die Menschen an Unterstützung? In unserem Blog erzählt uns Hoerz von seiner Arbeit.

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