Irak: Hamams und Toiletten

Eines der schwierigsten Probleme für Menschen, die einen Winter in Zelten oder provisorischen Unterständen überstehen müssen ist: wo können wir uns waschen, wo unsere Kinder baden? Schutz vor Wind, Regen und den Blicken anderer gibt es nicht in einer improvisierten Siedlung kürzlich vertriebener Familien.

„Wir dürfen nie vergessen, dass es auch eine Frage der Würde ist: weil ich vertrieben bin, Kinder im Flüchtlingslagerheißt das noch lange nicht, daß ich schmutzig und übel riechend sein darf,“ erinnert mich Zuhair, unser Projektmanager. „ Auch ein Flüchtling schämt sich seiner Unsauberkeit.“ Ahlam fügt hinzu: „Vergesst nicht die Sorge der Mütter über die Gesundheit ihrer Kinder, und außerdem: für eine Frau ist es viel schwieriger, sich mit der mangelnden Privatsphäre zurechtzufinden“ Ahlam ist eine der beiden Sozialarbeiterinnen im Team und bringt immer wieder die Perspektive der Frauen zur Sprache.

Das Problem war klar: es fehlen geschützte Räume für die Körperhygiene. Eine ist Lösung weit schwieriger. Der Bau von Badehäusern, die wie überall in der arabischen Welt Hamam genannt werden, ist zu teuer, zu langwierig, zu wenig mobil. Badezelte würden in

Mann beim Schweißen
Die neuen Anlagen bekommen einen soliden Metallrahmen.

wenigen Wochen durch Schimmel unbrauchbar werden. Letztlich war die Lösung, wie so oft, lokal. Eine Metallwerkstatt in Bersivey, einem ‚unserer’ Dörfer hatte einige Prototypen eines Fertighäuschens hergestellt. Solider Metallrahmen, gut isolierende, sogenannte Sandwich Paneele, ein einfaches Fundament drunter, das war die Geschäftsidee für die wenigen wohlhabenderen Kunden unter den Vertriebenen. Hamams hatten sie noch keine gebaut, aber in wenigen Stunden war ein Plan gezeichnet, die Abmessungen der Standard Paneele und Eisenträger mit den Bedürfnissen eines Hamams abgestimmt und nur drei Tage später war der erste Prototyp zusammengeschweißt. Ein ähnliches Prozedere gab es für Toiletten, die ebenso dringend benötigt wurden.

Mittlerweile sind zehn Hamams mit je vier Badekabinen aufgestellt und werden von über 150 Familien benutzt. Auch die sanitäre Situation hat sich durch ein Dutzend Toiletten deutlich verbessert. Der lokale Handwerker ist auch zufrieden. Er konnte durch den Auftrag neue Arbeiter einstellen, die im Schnellverfahren das Schweißen lernen.

Zwei Männer vor neuer Hygieneanlage.
Was muss noch verbessert werden? Männer begutachten das neue Hamam.

Routinemäßig werden die neu aufgestellten Hamams und Toiletten besucht und abgenommen. Heute fahren wir zu einer Gruppe von Vertriebenen in Mersi, direkt an der türkischen Grenze. Sie haben letzte Woche ein Hamam und eine Toilette erhalten. Auf der Fahrt dorthin passieren wir drei „Checkpoints“ mit höflich grüßenden Peshmerga Soldaten, die die Grenze gegen unerwünschte Übertritte bewachen. Kurz darauf werden wir auf der abgelegenen Straße aufgehalten. Es stellt sich heraus, dass der Mukhtar von Bajidda, ein wichtiger Ansprechpartner von uns, hier seine Feldbearbeitung überwacht. Die Einladung zum Tee – mitten auf der Straße – können wir nicht ausschlagen.

Im provisorischen Camp der Yessidi Gruppe empfangen uns nur Frauen und Kinder. Die

Sechs Männer sitzen vor einem LKW.
Die Hamams sind mobil und können im Falle einer Umsiedelung mitgenommen werden.

Männer sind zu Fuß im 12 Kilometer entfernten Zakho auf Arbeitssuche. Von den zehn Männern konnte bisher einer eine kurzzeitige Anstellung ergattern. Wir sind zufrieden mit den Arbeiten. Die einfachen Fundamente sind – wenn auch nicht 100% – „im Wasser“, und die Frauen bestätigen uns die Nützlichkeit der Investition. Aber es gibt auch schlechte Nachrichten: „die Behörden sagen, wir müssen das Camp räumen, wir sollen nach Feshkaboor. Unsere Sachen und die Plastikplanen können wir mitnehmen, das passt alles auf drei Pickups, aber was passiert mit dem Hamam?“ fragt uns eine ältere Frau mit einem von Sorgenfalten zerfurchten Gesicht. Für die sieben Familien bedeutet Unsicherheit immer die drohende Nähe von noch größerem Elend. Je weniger ökonomischen „Puffer“ eine Gemeinschaft hat, desto wichtiger wird Stabilität. Zuhair kann die Gruppe beruhigen. Wir haben den „Puffer“ im Transportbudget und können einen der Lastwagen umleiten, die neuen Hamams ausliefern und mit ihrem Kran auf das Fundament stellen. Wenn die Gruppe umzieht, werden auch das mobile Hamam und die Toilette mit dabei sein.

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Autor: Thomas Hoerz

Thomas Hoerz ist derzeit für Caritas international in Erbil und Umgebung unterwegs. Gemeinsam mit Kollegen koordiniert er die zukünftigen Schritte der Caritas im Irak. Wie sieht die Lage vor Ort aus? Was brauchen die Menschen an Unterstützung? In unserem Blog erzählt uns Hoerz von seiner Arbeit.

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