4. Mai 2015   | Neuer Kommentar

Nepal: Geschichten aus den Bergen

Mittlerweile ist Stefan Teplan in Gorkha, einer kleinen Stadt im Himalaya, angekommen. Dort zerstörte das Beben viele Wohnhäuser und er trifft auf Menschen und hört sich ihre Geschichten an.

Ich bin eingeteilt in das nach Gorkha reisende Team. Gorkha liegt rund 140 Kilometer westlich von Kathmandu und ist etwa 25 Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens entfernt. Das muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass die Schäden hier am größten sind.

Stein auf Stein richtet der 90-jährige Fathabahadur wieder auf, um sich eine Treppe zu dem Verschlag zu bauen, in dem er jetzt haust. Foto: Stefan Teplan, Caritas international

Stein auf Stein richtet der 90-jährige Fathabahadur wieder auf, um sich eine Treppe zu dem Verschlag zu bauen, in dem er jetzt haust. Foto: Stefan Teplan, Caritas international

Das erklärt mir mein inzwischen aus Deutschland eingetroffener Caritas-Kollege Thomas Hoerz, ein erfahrener Nothilfe-Sachverständiger, der unter anderem auch nach den Erdbeben in Kaschmir im Jahr 2005 oder dem in Haiti im Jahr 2010 im Einsatz war. Das zweite Beben in Nepal am 26. April und die täglichen Nachbeben waren in mehreren 100 bis 150 Kilometer vom Epizentrum  entfernten Gebieten in Frequenz und Schwingungsrichtung verheerender und haben dort bereits durch das erste Beben geschwächte Gebäude zusammenfallen lassen.

In den Bergdörfern oberhalb der Stadt Gorkha treffe ich überall auf verzweifelte Menschen, die Angehörige, ihre Häuser und all ihren Besitz verloren haben. Wie in Kathmandu leben die meisten von ihnen im Freien. Wie in Kathmandu auch viele, deren Häuser noch stehen. Von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sind die Dörfer zu einem Drittel bis vollständig zerstört. Die Menschen hier  fürchten nicht nur ein neues Beben. Sie sehen mit großer Angst dem im Juni einsetzenden Monsun entgegen, fürchten bei dann anhaltendem Dauerregen im Schlamm hausen zu müssen, wenn nicht rechtzeitig Planen oder Zelte für sie bereitgestellt werden. Unsere Besuche in den Dörfern dienen auch dazu, herauszufinden, welcher Bedarf besteht und zu ermitteln, wo die Not am größten ist. Allerdings ist es unmöglich, mit rein technischem Sachverstand zwischen den Trümmern herumzulaufen und Menschen zu befragen.

Jedes einzelne Menschenschicksal geht mir unter die Haut. Etwa die Geschichte von Ranjandra, dessen junges Familienglück mit einem einzigen Schlag zerstört wurde. Er konnte während des Erdbebens noch rechtzeitig aus dem Haus rennen; seine Frau und seine dreijährige Tochter wurden, kurz bevor sie die Haustüre erreichten, von den Trümmern erschlagen. Er kann kaum sprechen, jedes seiner Worte wird von Tränen erstickt.

Die Geschichte eines alten Mannes, der allein und bescheiden vom Milchertrag seiner fünf Kühe lebte und seine Existenz ruiniert sieht: „Haus weg, Stall weg, Kühe tot. Wovon soll ich jetzt leben? Ich bin zu alt, um mir eine neue Existenz aufzubauen. Helft mir!“

Aber ich erlebe auch Menschen mit für diese Situation ungewöhnlicher Kraft und ungewöhnlichem Optimismus:  Im Dorf Pukharidada treffe ich auf den bereits 90-jährigen Fathabahadur, der eifrig damit beschäftigt ist, aus den Trümmern seines völlig zusammengestürzten Hauses eine notdürftige Treppe zu einem etwas erhöht gelegenen Wellblechverschlag zu errichten, der auf seinem Grundstück stehengeblieben ist. „Dort leben jetzt meine Frau Tham Kumari Rama und ich“, erzählt er mir. Als das Erdbeben zuschlug, war seine Frau gerade draußen im Feld. Fathabahadur befand sich im Haus und konnte sich in letzter Sekunde ins Freie retten, bevor das Dach und alle vier Wände einstürzten. Nur zwei Meter vor den Trümmern wurde er ohnmächtig und von anderen Dorfbewohnern weggetragen. „Wenn ihr mir helfen wollt“, sagt er zu den Caritas-Helfern, „dann helft mir, mein Haus wieder aufzubauen. Ich bin erst 90 Jahre jung; ich will noch lange leben!“

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Über Stefan Teplan

Stefan Teplan Stefan Teplan ist Journalist und Öffentlichkeitsarbeiter für Caritas international. Seit 2007 begleitet er die jährlichen Begegnungsreisen mit Caritas-Mitarbeitenden aus aller Welt.

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