5. Mai 2015   | Neuer Kommentar

Jordanien: Angekommen in Madaba

Stefan Mispagel, ein Kaplan in Hannover, verstärkt zurzeit die Arbeit mit Flüchtlingen in einer jordanischen Gemeinde. In seinen ersten Eindrücken beschreibt er die Perspektivlosigkeit der Menschen, aber auch das tatkräftige Engagement der Gemeindemitglieder.

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Wohncontainer für Flüchtlinge aus dem Irak. Ein Minimum an Privatsphäre. „Wir sind dankbar, dass wir nicht mehr in Turnhallen untergebracht sind.“

32 Wohncontainer drängen sich auf dem kleinen Kirchengrundstück der Pfarrei in Madaba, circa 35 Kilometer von Jordaniens Hauptstadt Amman entfernt. Hier leben 28 Familien. Allesamt Christen, die ihre Heimat im Irak verlassen mussten. Ein weiteres Flüchtlingscamp ist nur fünf Autominuten entfernt, auf dem Gelände der griechisch-orthodoxen Kirche. Beide Camps werden wie etliche andere in ganz Jordanien von Caritas international betreut und versorgt.

Die Flüchtlinge sind in provisorischen Wohncontainern untergebracht. Jordaniens Regierung selbst und einige arabische Nachbarstaaten haben den Flüchtlingen aus Syrien und aus dem Irak statt Zelte Container zur Verfügung gestellt. Eine erhebliche Erleichterung für die Menschen, doch auch in den Containern hausen sechsköpfige Familien auf nur zwölf Quadratmetern.

Schlafen, Essen, Wohnen. Leben auf engstem Raum. Bis zu 6 Personen teilen sich einen Wohncontainer.

Schlafen, Essen, Wohnen. Leben auf engstem Raum. Bis zu 6 Personen teilen sich einen Wohncontainer.

„Wir haben alles verloren.“ Diesen Satz höre ich nicht nur einmal von den Menschen, mit denen ich mit meinen wenigen Brocken Arabisch versuche, ins Gespräch zu kommen. Die meisten von ihnen kommen aus der Nähe der irakischen Stadt Mossul. „Die IS-Kämpfer haben unsere Ortschaft überfallen“, berichtet mir ein Vater von vier Kindern. „Sie haben uns drei Möglichkeiten gelassen. Zum Islam zu konvertieren, auf der Stelle zu fliehen, oder getötet zu werden.“ Mit einer Reisetasche und mit dem bisschen Bargeld, was sie auf der Flucht noch abheben konnten, ist die Familie schließlich hier angekommen. Alles andere ist weg, verloren.

Was es bedeutet, alles für seinen Glauben hergeben zu müssen, das kenne ich bislang aus Biographien  von Heiligen und Legenden. Ich habe dafür in Deutschland immer wieder nach Übersetzungsversuchen ins Heute gesucht. Hier erfahre ich nun ganz unmittelbar, was das bedeutet.

„Inzwischen reden die Menschen über das, was sie erlebt haben. Das ist schon ein großer Fortschritt“, berichtet Claudine, die sich ehrenamtlich in der Gemeinde hier in Madaba engagiert. Mit ihr sind es 17 Gemeindemitglieder, die tägliche Ansprechpartner für die Bewohner im Camp einerseits und für die Mitarbeiter der Caritas andererseits sind.
Das Team der Helfer besteht aus drei Gruppen. Die einen kümmern sich um die Logistik im Camp. Lebensmitteleinkäufe, Kleiderkammer, Koordination mit den Sprechern des Camps. Finanziert werden die Lebensmittel von der Caritas, ebenso wie die medizinische Versorgung. Die Gemeindemitglieder helfen tatkräftig mit, damit das tägliche Leben hier funktionieren kann – den Umständen entsprechend.
Die zweite Gruppe der Ehrenamtlichen der Gemeinde sorgt sich im

Ein starkes Team von Ehrenamtlichen unterstützt die Caritas in der Sorge um die Flüchtlinge.

Ein starkes Team von Ehrenamtlichen unterstützt die Caritas in der Sorge um die Flüchtlinge.

Camp um die „spirituality“ – das geistliche Leben. Die dritte Gruppe schließlich ist verantwortlich für die „activities“, eine besondere Herausforderungen hier im Camp. Insbesondere die Männer wissen mit ihrer Zeit nicht wohin und wie sie den langen Tag gestalten sollen. In Jordanien ist es streng verboten, sich als Flüchtling Arbeit zu suchen.

Die größte Not der Menschen hier im Flüchtlingslager ist sicher die Perspektivlosigkeit. Niemand weiß, wie lange sie hier in diesen Containern leben werden müssen. Niemand kann ihnen sagen, wann, wie und wohin es einmal für sie weitergehen wird. Niemand weiß, wann sie vielleicht einmal ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können, wann und wo ihre Kinder wieder in die Schule gehen können. Flüchtlingskinder dürfen nicht am Schulunterricht in Jordanien teilnehmen.

Von Verwandten oder Freunden in Europa haben viele gehört, dass ein Neubeginn dort ein schwerer, oft ungewisser Weg ist und alles andere als den Einzug in „das gelobte Land“ bedeutet. Das letzte Treffen mit einem Vertreter der jordanischen Ausländerbehörde mit den Bewohnern unseres Camps brachte außer Enttäuschung nichts. Auch er konnte keinerlei Aussagen oder gar Zusagen machen über einen nächsten Schritt in Richtung Normalität.

„Wir bemühen uns mit allen Kräften gegen eine Lagerdepression zu kämpfen“, sagt mir Claudine aus der Pfarrei. Vor einigen Tagen erst hat die Gemeinde ein großes Fest für die Flüchtlinge organisiert. Zurzeit sammelt die Gemeinde Spenden, um einen Tagesausflug zu organisieren. Leider beobachte ich aber auch Szenen, in denen Frauen oder Männer aus dem Lager vor ihrem Container sitzen und vor Verzweiflung weinen.


Arbeitsfelder, Archiv, Flucht und Migration, Konflikte und Krisen, Naher Osten / Nördliches Afrika

Über Stefan Mispagel

Stefan Mispagel Stefan Mispagel ist ein Kaplan aus Hannover, der für vier Wochen das Freiwilligenteam der Caritas Jordanien verstärkt. Vor Ort wird er irakische und syrische Flüchtlinge in zwei Sammelunterkünften betreuen und weitere Nothilfeprogramme im Caritas-Zentrum in Madaba unterstützen.

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