26. Mai 2015   | Neuer Kommentar

Jordanien: Viel dazu gelernt

Vier Wochen verstärkte der Kaplan Stefan Mispagel das Team der Caritas Jordanien. In seinem Abschlussbericht resümiert er über seine Zeit mit den Flüchtlingen und stellt kritische Fragen Richtung Europa.

„English lesson today?“ Mit erwartungsvollen Augen und mit einem breiten Lächeln wird mir diese Frage von den Kindern im Flüchtlingscamp immer wieder gestellt.

Jordanien_ Kinder

Damit die Bildungslücke nicht zu groß wird: Englischunterricht im Flüchtlingslager. Foto: Stefan Mispagel

Inzwischen habe ich eine Aufgabe gefunden, die ich hier tun kann, nämlich die Kinder aus den irakischen Flüchtlingsfamilien zu unterrichten. Seit ihrer Flucht aus dem Irak Ende Juli 2014 haben sie keine Schule mehr besucht. Zusammen mit einigen Ehrenamtlichen aus der Pfarrei in Madaba haben wir einen Unterrichtsplan aufgestellt und versuchen noch weitere Lehrer zu finden, die hier als Ehrenamtliche am Nachmittag mithelfen, damit die Bildungslücke der Kinder nicht allzu groß wird.

Zu unserer Pfarrei gehören zwei katholische Schulen. Der Pfarrer ist sehr bemüht, die Flüchtlingskinder mit Beginn des neuen Schuljahrs in diesen Schulen unterzubringen. Aber als Flüchtlinge werden sie vermutlich auch dann nur Zuhörer in den jeweiligen Schulklassen sein dürfen. Denn an den offiziellen Schulprüfungen können sie nicht teilnehmen.

Eine besondere Freude ist für mich, dass ich beim Unterrichten Unterstützung aus dem Camp bekomme. Zwei Jugendliche helfen mir bei der Übersetzung ins Arabische sowie bei der Betreuung der Vorschulkinder. Natürlich können die wenigen Unterrichtsstunden, die wir hier auch noch über mehrere Altersstufen hinweg gemeinsam erteilen, längst nicht den eigentlichen Schulbesuch ersetzen. Es mag eine Hilfe sein, das Lernen nicht ganz zu vergessen. Es erscheint wie der Tropfen auf den heißen Stein, und dennoch sind die vielen ehrenamtlichen Helfer hier eine wichtige Stütze für die Menschen im Lager. Alle sind bemüht, ihren Alltag etwas erträglicher zu gestalten. Vielleicht dienen unsere Bemühungen zumindest dazu, um von der Perspektivlosigkeit abzulenken und nicht in die Verzweiflung gezogen zu werden.

(Keine) Hoffnung auf ein Leben in Europa

Ich persönlich hatte gewisse Hoffnungen in den EU-Flüchtlingsgipfel vor einigen Tagen gesetzt. Die Hoffnung, dass auch nur ein kleines Signal davon ausgehen könnte, wie ein nächster Schritt für die mehreren hunderttausend Flüchtlinge, die in Jordanien festsitzen, aussehen könnte. Stattdessen aber wird geklärt, wie die Grenzen nach Europa besser gesichert werden können. Es wird die Idee diskutiert, ob man illegale Schlepperboote nicht besser durch europäische Kriegsschiffe zerstören sollte, damit sie gar nicht erst menschliche Fracht aufnehmen können. Zur Situation der irakischen Flüchtlinge äußerte sich die deutsche Innenministerkonferenz im vergangenen Dezember lediglich dahingehend, dass die „Bundesregierung sich bereits verstärkt in der Krisenregion im Nahen und Mittleren Osten humanitär engagiert und die Lage im Irak weiter aufmerksam im Hinblick darauf beobachtet, ob sich ein über die bisherigen Maßnahmen hinausgehender Unterstützungsbedarf ergibt.”

„Sie wollen uns nicht haben“, höre ich hier von den Bewohnern im Camp. Das ist die Botschaft, die aus Deutschland und aus Europa bei ihnen angekommen ist. Ich habe mich in meinem ganzem Leben noch nie so geschämt, Deutscher zu sein, wie hier – sowohl vor den Flüchtlingen aus dem Irak als auch vor den Menschen aus Jordanien, deren Land mit nur knapp sieben Millionen Einwohnern bislang etwa zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat. Es fühlt sich seltsam an, auf der einen Seite sein Mitgefühl zu zeigen und seine Enttäuschung und Unverständnis für die Politik Deutschlands und Europas zum Ausdruck zu bringen, wenn man auf der anderen Seite weiß, dass man sich selbst in einer sehr privilegierten Situation befindet. Denn anders als die Flüchtlinge werde ich in wenigen Tagen das tun können, wovon hier alle träumen: ins Flugzeug steigen und in ein sicheres Zuhause fliegen.

Neben vielen neuen Eindrücken, die ich mitnehmen werde, habe auch ich einiges von den Menschen hier im Flüchtlingscamp lernen dürfen. Denn trotz der Perspektivlosigkeit dringt immer wieder auch ihre Fröhlichkeit durch, insbesondere bei den Kindern. Egal ob beim Kartenspielen, Fußball und Volleyballspielen. Und all das funktioniert trotz der wenigen englischen Wörter, die die Kinder sprechen, und trotz des rudimentären Arabisch, das ich mir in den letzten Wochen habe aneignen können.


Archiv, Naher Osten / Nördliches Afrika

Über Stefan Mispagel

Stefan Mispagel Stefan Mispagel ist ein Kaplan aus Hannover, der für vier Wochen das Freiwilligenteam der Caritas Jordanien verstärkt. Vor Ort wird er irakische und syrische Flüchtlinge in zwei Sammelunterkünften betreuen und weitere Nothilfeprogramme im Caritas-Zentrum in Madaba unterstützen.

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