2. Juni 2015   | 2 Kommentare

Bolivien: Angekommen in einer anderen Welt

Gemeinsam reisen 13 Kolleginnen und Kollegen aus 13 unterschiedlichen Caritasverbänden durch Bolivien. Ziel sind Projekte, unterstützt von Caritas international. Christine Decker berichtet von den ersten Eindrücken, von der kargen Landschaft in den Anden und einer reichen Kultur.

Nach einer langen Reise kamen wir – eine Gruppe von 13 Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen der deutschen Caritas * – am Samstagmorgen um halb sieben auf dem internationalen Flughafen von El Alto/La Paz in Bolivien an. Die Hauptstadt Boliviens liegt auf 4.000 Metern Höhe. Schon beim Verlassen des Flugzeugs merkt man, dass die Luft hier oben sehr dünn ist. Die Beine werden schwer und schwerer und man fühlt sich von jetzt auf nachher um mindestens 30 Jahre gealtert.

Trotz der frühen Morgenstunde erwartete uns am Flughafen eine IMG_5172-Koopiekleine Delegation der Caritas Bolivien, angeführt von ihrem Generalsekretär Juan Carlos Velasquez. Wir wurden herzlich umarmt und begrüßt – und gleich mit warmem Coca-Tee, der gegen die Höhenkrankheit hilft, versorgt.

Obwohl wir den Samstag eigentlich als Ruhetag im Hotel vorgesehen hatten, waren wir dann doch alle viel zu aufgeregt und beeindruckt von der neuen Umgebung, um den verpassten Schlaf nachzuholen. Außerdem fand an diesem Samstag das Fest „Del Gran Poder“ (Der großen Macht des Herrn) statt, dem wir uns kaum entziehen konnten. Denn unsere Ankunft im Hotel und der Start des Festes fielen zeitlich praktisch zusammen. Den ganzen Tag über bis nachts um 3 Uhr zogen 41.000 Tänzerinnen und Tänzer in farbenprächtigen und aufwendigen Kostümen begleitet von Musikgruppen und lautem Getöse in einer endlosen Prozession durch die Stadt – und direkt an unserem Hotel vorbei. Es war also beim besten Willen auch gar nicht an Schlaf zu denken. Für uns für hiesige Begriffe doch eher unterkühlte Deutsche war das Fest ein echtes Erlebnis und eine erste Begegnung mit der reichen bolivianischen Kultur und Folklore.

La Paz, Fest "Del Gran Poder" (Der großen Macht des Herrn).

La Paz, Fest „Del Gran Poder“ (Der großen Macht des Herrn).

Den gestrigen Sonntag nutzten wir für eine Fahrt über Land zum berühmten Titicaca-See, der der größte und höchst gelegene Süßwasser-See der Welt ist. Die Fahrt dorthin führt über El Alto, die durch Landflucht entstandene Trabantenstadt von La Paz. Das wenige, was wir auf der Durchfahrt sahen, hat uns ein Stück weit sprachlos gemacht. Ein Wildwuchs unterschiedlichster Baustile auf engstem Raum, Paläste, die einen an Las Vegas erinnern, für die das zahlungskräftige Publikum hier aber fehlt. Gebäude, die höchstwahrscheinlich schon zu Ruinen verkommen, bevor sie je fertiggestellt werden. Und dieser architektonische Wildwuchs erstreckt sich auf Kilometer um Kilometer und scheint schier kein Ende nehmen zu wollen. Wir werden uns die Realitäten der Menschen, die hinter dieser unbeschreiblichen Kulisse leben, in den nächsten Tagen noch genauer anschauen.

Blick auf den Titicaca-See

Blick auf den Titicaca-See

Als wir dann endlich El Alto hinter uns gelassen hatten, beeindruckte uns die karge Landschaft der Hochanden. „Wenn man dort ein Foto macht, sieht man gleich drei verschiedene Klimazonen drauf“, stellte Ludwig Stangl rückblickend fest. Man sieht darauf die trockene Hochebene, den See mit seinen fruchtbaren Uferzonen und dahinter die Sechstausender mit ihren von Schnee und ewigem Eis bedeckten Gipfeln.  Es ist eine Landschaft der Kontraste. Auf der Fahrt durch die endlose Weite der Hochebene der Anden zum Titicaca-See fangen wir an zu verstehen, wie eine Stadt von den Ausmaßen El Altos entstehen kann. Es kostet die Menschen hier unendliche Kraft und Arbeit, dem kargen Boden das Lebensnotwendige abzuringen. Die Natur ist lebensfeindlich und gleicht so weit das Auge reicht einer Mondlandschaft. Wir wundern uns immer wieder, wie es trotzdem einzelnen Bäumen gelingt, dem rauhen Wind standzuhalten und ihre Kronen in den Himmel zu strecken.

Nach diesen beiden Tagen der langsamen Eingewöhnung in eine für uns so ganz andere und neue Welt, haben wir heute das Team unserer Kolleginnen und Kollegen der Caritas Bolivien kennengelernt. Wir freuen uns auf die kommenden Tage, in denen wir Gelegenheit haben werden, auch ihre Arbeit näher kennenzulernen. Die Gespräche – das hat sich heute schon gezeigt – sind für die Deutschen ebenso wie für die Bolivianer(innen) wie ein Spiegel, in dem jede und jeder für sich durch die Fragen der anderen die eigene Arbeit für sich aus einer ganz neuen und anderen Perspektive betrachtet und reflektiert.

*Zur Reisegruppe gehören: Anette Bacher, Caritasverband Offenbach; Ilona Besha, Caritasverband Rhein-Hunsrück-Nahe; Karl Buser, Caritasverband Gießen; Christine Decker, Caritas international, Andrea Emde, Caritasverband Moers-Xanten; Heinrich Griep, Diözesancaritasverband Mainz; Hermann Krieger, Deutscher Caritasverband; Ferdi Lenze, Caritasverband Meschede; Renate Loth, Caritasverband Gießen; Franz Josef Meyer, Diözesancaritasverband Fulda; Tina Rosenhammer, Caritasverband Kehlheim; Ludwig Stangl, Caritasverband Landshut; Andreas Stehula, Caritasverband Gießen


Arbeitsfelder, Archiv, Lateinamerika

Über Christine Decker

Christine Decker Christine Decker ist Referentin in der Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international. Als Verantwortliche für verbandsinterne Kommunikation leitet sie die fachlichen Austauschreisen von Kolleg/innen aus dem In- und Ausland.

2 Antworten auf Bolivien: Angekommen in einer anderen Welt

  1. Taraneh Ghasemi sagt:

    Liebe Christine,
    vielen Dank für den interessanten Beitrag. Hört sich echt spannend an…
    Letztes Jahr um die Zeit waren wir in Georgien. War auch super!
    Lasst es Euch gut gehen! Bin sehr auf die nächsten Bloggs gespannt…
    Viele Grüße an meinen lieben Kollegen Karl Buser & vielleicht ist er ja im nächsten Blogg auf ein Foto zu sehen;-)
    VLG aus dem frühsommerlichen Deutschland

  2. Michael Brücker sagt:

    Schöner Blog. Man bekommt Fernweh nach der weiten Caritas-Welt! Buen viaje!

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