15. Juni 2015   | Neuer Kommentar

Bolivien: Die Kaffee-Produktion schafft bessere Perspektiven

Nach unserem Besuch in der Gemeinde San Concepción fuhren wir* in Begleitung des Bischofs weiter nach San Felix. Die Landstraßen außerhalb von Coroico sind bis auf wenige Ausnahmen staubige Pisten. Sie bieten einen grandiosen Blick auf eine bewaldete Bergwelt, an deren Steilhängen fast alles gedeiht: Zitrusfrüchte, Bananenstauden, Kaffee- und auch Coca-Pflanzen.

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Kaffee-Bäuerin in San Felix, Diözese Coroico

In San Felix begrüßte uns Catalina Poma als Vertreterin des lokalen Verbandes der Kaffeeproduzentinnen. Sie erzählte uns, dass ihr Verband, dem inzwischen 60 aktive Mitglieder angehören, vor zwölf Jahren von nur fünf Frauen gegründet wurde. Damals mussten sie ihre Kaffee-Ernte zu Schleuderpreisen verkaufen, obwohl die klimatischen Bedingungen hier Kaffee der Spitzenklasse gedeihen lassen. Erst nachdem die Caritas Coroico

Nach der Ernte werden die weniger guten Kaffeebohnen aussortiert.

Nach der Ernte werden die weniger guten Kaffeebohnen aussortiert.

eine Kaffee-Röstmaschine angeschafft hatte, konnten die Frauen ihre Kaffee-Ernte weiterverarbeiten und erzielen seither beim Verkauf das Dreifache. Die Kaffee-Rösterei, ein Pilotprojekt der Caritas Coroico, hatte das Ziel die Lebensgrundlage der Familien in den Landgemeinden zu verbessern. Gleichzeitig suchten die Caritas-Mitarbeitenden nach Alternativen zum großflächigen Coca-Anbau, der unweit von Coroico nach wie vor betrieben wird. Für die Menschen in den Hochanden ist Coca eine Heilpflanze, die Höhenkrankheit und Hunger bekämpft. Im industriellen Maßstab angebaut laugen die Coca-Pflanzen jedoch die Böden aus, tragen zur Bodenerosion bei und fördern die Ausbreitung bisher unbekannter Parasiten.

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Die Kaffeebohnen werden geerntet, hier mit menschlicher Muskelkraft geschält und dann getrocknet. Erst dann sind sie fertig für die Rösterei.

 

Alles unter einem Dach
Heute nach zwölf Jahren läuft das Pilotprojekt der Caritas langsam aus. Die Frauen lernen eifrig, den Kaffee selbst zu rösten und – noch wichtiger – zu vermarkten. Sie haben sich für das kleine Marktsegment der Spitzenkaffees entschieden, denn ein großflächiger Kaffee-Anbau ist auf den Steilhängen unmöglich. Sie können somit nur geringe Mengen produzieren, aber dafür erstklassige Qualität bieten. Und das haben sie sich für die Zukunft vorgenommen. Der Wehrmutstropfen für die Caritas-Kolleg(inn)en bleibt, dass bisher noch viel zu wenige Coca-Bauern auf die Kaffee-Produktion umgestiegen sind.

Für die Caritas-Kolleg(inn)en aus Deutschland blieb der Besuch bei der Caritas Coroico ein unvergessliches Erlebnis. Im ganzheitlichen Ansatz der Arbeit entdeckten die bolivianischen und deutschen Kolleg(inn)en viele Gemeinsamkeiten. Der Pragmatismus in der Hilfeleistung war den Deutschen dagegen erst einmal fremd. „In Deutschland wäre es zum Beispiel völlig undenkbar, dass ein Diözesan-Caritasverband im Keller seines Bürogebäudes eine Kaffee-Rösterei und auf dem Dach eine Radio-Station betreibt“, brachte es Ludwig Stangl, Geschäftsführer des Caritasverbandes Landshut, auf den Punkt. Sein Kollege Ferdi Lenze, Geschäftsführer des Caritasverbandes Meschede und selbst Chef des lokalen „Radio Hochsauerland“ gab derweil den bolivianischen Kollegen ein ausführliches Life-Interview. Hier in Coroico, das wurde den Deutschen schnell klar, macht alles zusammen unter einem Dach erstaunlich viel Sinn.

Bei der Caritas Coroico lernen die Frauen das Einmaleins der Weiterverarbeitung: den Kaffee zu rösten, zu mahlen, zu verpacken und zu verkaufen.

Bei der Caritas Coroico lernen die Frauen das Einmaleins der Weiterverarbeitung: den Kaffee zu rösten, zu mahlen, zu verpacken und zu verkaufen.

*Zur Reisegruppe gehörten: Anette Bacher, Caritasverband Offenbach; Ilona Besha, Caritasverband Rhein-Hunsrück-Nahe; Karl Buser, Caritasverband Gießen; Christine Decker, Caritas international, Andrea Emde, Caritas Werkstätten Niederrhein; Heinrich Griep, Diözesancaritasverband Mainz; Hermann Krieger, Deutscher Caritasverband; Ferdi Lenze, Caritasverband Meschede; Renate Loth, Caritasverband Gießen; Franz Josef Meyer, Diözesancaritasverband Fulda; Tina Rosenhammer, Caritasverband Kehlheim; Ludwig Stangl, Caritasverband Landshut; Andreas Stehula, Caritasverband Gießen

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Über Christine Decker

Christine Decker Christine Decker ist Referentin in der Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international. Als Verantwortliche für verbandsinterne Kommunikation leitet sie die fachlichen Austauschreisen von Kolleg/innen aus dem In- und Ausland.

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