15. Juni 2015   | Neuer Kommentar

Bolivien und Deutschland: Stadt – Land – Zukunft für ältere Menschen?

Am Dienstag, den 2. Juni 2015, machten wir* uns auf den Weg nach Coroico, einem etwa 90 Kilometer von La Paz entfernten Städtchen. Es liegt malerisch auf etwa 2.000 Metern Höhe und hat ein subtropisches Klima. Schon die Fahrt nach Coroico war ein Erlebnis.

 

Passhöhe. Nur 90 Kilometer aber zweitausend Höhenmeter trennen La Paz von Coroico.

Passhöhe. Nur 90 Kilometer aber zweitausend Höhenmeter trennen La Paz von Coroico.

Wir fuhren über eine Passstraße, die uns erst von 4.000 bis auf eine Höhe von 5.200 Metern führte und dann in Windeseile nach unten. Die Vegetation änderte sich ebenso schnell. Es wurde grüner und grüner. Als wir, bereits mitten im Grünen, wegen einer Straßensperrung – ein Erdrutsch hatte die Straße verschüttet – anhalten und zwanzig Minuten warten mussten, kreisten zwei Adler über unseren Köpfen.

Gebäude sind keine Lösung
Die Fahrt nach Coroico nutzten Elizabeth Calizaya, Leiterin der Altenhilfe der Caritas Bolivien, und Andreas Stehula, Bereichsleiter Altenhilfe beim Caritasverband Gießen, für einen kollegialen Austausch. Die Bolivianerin interessierte sich vor allem dafür, wie in Deutschland Altenhilfe auf dem Land geleistet wird. Denn infolge der Landflucht bestehe die Bevölkerung in den ländlichen Gemeinden Boliviens zu 80 bis 90 Prozent aus älteren Menschen, die 60 Jahre und älter sind. Andreas Stehula erzählte ihr von den Angeboten der Caritas im Wetterau-Kreis, vom Alten- und Pflegeheim für 94 Menschen über das Betreute Wohnen für 30 Senior(inn)en bis hin zur ambulanten Pflege. „Wer bezahlt das alles?“, wollte Calizaya wissen. „In Deutschland haben wir seit 1993 eine Pflegeversicherung“, antwortete Stehula. Er erklärte, wie diese Versicherung funktioniert, und von den zusätzlichen Hilfen der Caritas wie Beratungsangeboten, Hilfestellungen beim Ausfüllen von Antragsformularen, Haushaltshilfen oder Freizeitangeboten, um der Vereinsamung älterer Menschen vorzubeugen.

Elizabeth Calizaya, Leiterin der Altenhilfe der Caritas Bolivien

Elizabeth Calizaya, Leiterin der Altenhilfe der Caritas Bolivien

Ob es derartige Einrichtungen und Angebote auch anderswo in Deutschland gäbe, wollte Elizabeth Calizaya staunend wissen. Allerdings sei sie persönlich gegen den Bau von Altenhilfe-Einrichtungen. In Bolivien gelte noch das Prinzip der Solidarität. Konkret bedeute das, dass die Familie und die Gemeinde aufgefordert seien, die Verantwortung für ihre älteren Mitglieder zu übernehmen. Viele ältere Menschen forderten heute den Bau derartiger Einrichtungen gerade für diejenigen, die keine Familienangehörigen mehr hätten oder deren Kinder weggezogen seien. „Aber wie halten es die Familie, die Nachbarschaft und Gemeinde mit ihrer Verantwortung? Wir müssen sie stärken, damit sie ihre Verantwortung übernehmen können“, forderte Elizabeth Calizaya.

Beispiele aus dem Arbeitsalltag

Calizaya zitierte einen Fall aus ihrer Praxis, wo die Nachbarn Alarm schlugen, weil eine ältere Frau von ihrer Tochter misshandelt wurde. Sie habe daraufhin das Gespräch mit der Tochter und den anderen Kindern der älteren Frau gesucht. Es habe nicht viel gefehlt und die Kinder hätten ihr ihre Mutter vor die Bürotüre gesetzt. Schon allein aus diesem Grunde sehe sie es sehr kritisch, dass man Einrichtungen für ältere Menschen baue. Es würde den nächsten Angehörigen damit zu leicht gemacht, ältere Menschen abzuschieben und sich vor der Verantwortung zu drücken. Sie berichtete von der kommunalen Gesetzgebung in Coroico, die dank der Caritas – und ihres persönlichen Einsatzes – zugunsten älterer Menschen geändert wurde. Dieses Kommunalgesetz gehe von der Einheit der Familie aus, die ihre älteren und schwächeren Mitglieder solidarisch unterstützen und ihnen helfen muss.

Die Seniorengruppe in San Concepción lud uns zum Mittagessen ein.

Die Seniorengruppe in San Concepción lud uns zum Mittagessen ein.

Ihr deutscher Kollege Andreas Stehula erzählte ebenfalls von einem Beispiel aus seinem Berufsalltag: von einer Investorengruppe, die im Wetterau-Kreis ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Bedarf eine Altenwohnanlage bauen wolle, die möglichst nahe an einer Autobahnauffahrt liegen solle. Damit die älteren Menschen für ihre Angehörigen schneller und einfacher zu erreichen seien. In Deutschland gebe es längst einen „Altenhilfe-Markt“, dessen Angebote dazu führten, dass ältere Menschen aus ihrem gewohnten Umfeld wegziehen. Auf diese Weise würden die älteren Menschen von sich aus ihre nächsten Angehörigen und Freunde aus der Verantwortung nehmen und auch aus der moralischen Pflicht, für sie zu sorgen.

Als Antwort auf diese Entwicklung in Deutschland habe die Caritas ein sozialräumliches Projekt initiiert, berichtete Andreas Stehula weiter. Dort suche die Caritas Partner möglichst in demselben Stadtviertel oder in derselben Gemeinde, die bereit seien, ältere Menschen zu betreuen und zu unterstützen. Eine Gymnastikgruppe aus dem Altenheim habe sich für ältere Menschen aus der Gemeinde geöffnet. Viele ältere Menschen könnten so neue soziale Kontakte knüpfen und oft sogar Freundschaften aus früheren Zeiten wieder aufleben lassen. Berührungsängste und die Vereinsamung würden abgebaut. Im „Repair-Cafe“ der Caritas würden ältere Menschen mit ihren Berufserfahrungen und Kenntnissen kostenlos Dienste für junge Familien oder Sozialhilfe-Empfänger anbieten, die sich beispielsweise die Reparatur oder den Ersatz ihrer defekten Haushaltsgeräte oder Möbel nicht leisten können. So komme es gleichzeitig zum Austausch zwischen den Generationen.

„Wir reden über dieselbe Sache!“
Plötzlich sind sich Elizabeth Calizaya, die Bolivianerin, und ihr deutscher Caritas-Kollege Andreas Stehula ganz nah. „Wir arbeiten in unseren Gemeinden auch mit einem sozialräumlichen Ansatz“, entgegnete sie ihm. Diese Methode hätten sie auch angewandt im Falle der misshandelten älteren Frau in Coroico. Zum einen konnte die Caritas dort aufgrund des neuen Kommunalgesetzes einfordern, dass sich die Nachbarschaft um die ältere Frau kümmerte. Zum anderen lege dieses Gesetz fest, dass die Stadtverwaltung bedürftige ältere Menschen mit einem „Lebensmittelkorb“ versorgen müsse. Neben dem Beitrag der Gemeindeverwaltung wurde also auch ein Besuchsdienst von Freiwilligen eingerichtet, die sich seither um das Wohlergehen der älteren Frau kümmern.

Andreas Stehula griff das Beispiel auf und berichtete von den Seniorenbeiräten, die es in deutschen Städten und Kommunen gibt und die von den Bürgermeistern berufen werden müssen. „Ja, in dem neuen kommunalen Gesetz in Coroico gibt es auch einen solchen Artikel“, pflichtete ihm Elizabeth Calizaya sofort bei. „Wir haben den Beirat für ein würdiges Alter, der die Rechte älterer Menschen einfordert und dessen Mitglieder Vertreter(innen) verschiedener sozialer Gruppen und Organisationen sind.“ Als Vertreter der Caritas sei er auch Mitglied im kommunalen Seniorenbeirat, so Stehula. Calizaya berichtete ferner, dass die Caritas zurzeit ältere Menschen ausbilde, damit sie Führungsaufgaben in Selbsthilfe-Gruppen und Organisationen übernehmen können. Ziel sei es, dass sie sich und ihren Rechten besser Gehör verschaffen können. Die Abwanderung, die eine Überalterung der Bevölkerung auf dem Land nach sich zieht, werde zwangsläufig dazu führen, dass schon bald ältere Menschen in den Gemeinderäten sitzen und auch zu Bürgermeister(innen) gewählt werden würden, ist sich Elizabeth Calizaya sicher. Es gehe darum, sie rechtzeitig dazu zu befähigen.

San Concepción (Bezirk Coroico). Die Seniorengruppe des Ortes empfängt uns festlich. (In der Mitte: Msgr Juan Vargas, Bischof von Coroico)

San Concepción (Bezirk Coroico). Die Seniorengruppe des Ortes empfing uns festlich. (In der Mitte: Msgr Juan Vargas, Bischof von Coroico)

Als wir bei der Caritas Coroico eintrafen, hatten die dortigen Kolleg(inn)en bereits eine gute Stunde lang auf uns gewartet. Nachmittags besuchten wir gemeinsam mit Msgr. Juan Vargas, dem Bischof von Coroico, die Senioren-Gruppe in der Gemeinde San Concepción. Hier hat die Caritas den älteren Menschen geholfen, durch Kleintierzucht – Hühner, Hasen und Meerschweinchen – ein zusätzliches Einkommen zu ihrer mageren staatlichen Einheitsrente zu erwirtschaften. Und Andreas Stehula hatte einmal mehr Gelegenheit, den pragmatischen Hilfsansatz der bolivianischen Caritas zu bewundern.

*Zur Reisegruppe gehörten: Anette Bacher, Caritasverband Offenbach; Ilona Besha, Caritasverband Rhein-Hunsrück-Nahe; Karl Buser, Caritasverband Gießen; Christine Decker, Caritas international, Andrea Emde, Caritas Werkstätten Niederrhein; Heinrich Griep, Diözesancaritasverband Mainz; Hermann Krieger, Deutscher Caritasverband; Ferdi Lenze, Caritasverband Meschede; Renate Loth, Caritasverband Gießen; Franz Josef Meyer, Diözesancaritasverband Fulda; Tina Rosenhammer, Caritasverband Kehlheim; Ludwig Stangl, Caritasverband Landshut; Andreas Stehula, Caritasverband Gießen

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Über Christine Decker

Christine Decker Christine Decker ist Referentin in der Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international. Als Verantwortliche für verbandsinterne Kommunikation leitet sie die fachlichen Austauschreisen von Kolleg/innen aus dem In- und Ausland.

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