29. Juni 2015   | Neuer Kommentar

El Salvador: „Wir sind zwar verletzt, aber nicht besiegt“

Unser Kollege Michael „Paco“ Kleutgens leitet in El Salvador ein Projekt für Menschen mit Behinderungen. In seinem zweiten Blog-Beitrag berichtet er über die Zeit nach dem Bürgerkrieg und von den Problemen der im Krieg verwundeten Menschen.

Foto: Michael Kleutgens

Die bergige Region Chalatenango. Foto: Michael Kleutgens

Als der Krieg zu Ende war, siedelten sich viele der ehemaligen Kämpfer der Befreiungsbewegung – darunter auch viele Kriegsbehinderte – in der nordöstlich gelegenen Region von Chalatenango an, einer der 14 Provinzen von El Salvador, die während des Bürgerkrieges eine der Hochburgen der Guerilla war. Das große Problem: Praktisch alle Kämpfer – und damit auch die Kriegsbehinderten –  waren ursprünglich Bauern oder Landarbeiter, aber auf Grund ihrer Verletzungen nicht mehr in der Lage, die schwere Landarbeit zu verrichten. Chalatenango ist in diesem Teil bergig und zerklüftet, was gleichzeitig bedeutet, dass die Mais- und Bohnenfelder sich an zum Teil steilen Abhängen befinden, wo es der vollen physischen Leistungsfähigkeit bedarf, dort arbeiten zu können.

Foto: Michael Kleutgens

Foto: Michael Kleutgens

Wir standen gleichzeitig vor mehreren Problemen, die wir irgendwie lösen mussten: Zum einen brauchte ein Teil der Kriegsbehinderten physiotherapeutische Behandlung, die es aber auf dem Land nicht gab. Zum anderen führten der Verlust der körperlichen Integrität und Leistungsfähigkeit,  die Kriegserlebnisse selbst, aber auch das Ende des Krieges und damit die Auflösung der gewohnten Sozialstruktur zu ernsthaften psychischen Problemen. Die Guerilla war eine Parallelgesellschaft, welche die in Kriegszeiten nicht existierenden Familienstrukturen ersetzte. Ihr Verlust führte zu großen Zukunftssorgen: “Wovon soll ich leben?“ bei einigen der kriegsbehinderten Menschen. Die Probleme drückten sich auf unterschiedlichste Weise aus: Alkoholismus, familiäre Gewalt, Abrutschen in die Kriminalität oder manifeste psychiatrische Erkrankungen.

Die wichtigste und unmittelbare Antwort auf all diese Probleme war, die Leute zu organisieren. Es ging vor allem darum, ihr Selbstwertgefühl zu erhalten oder unter den neuen Bedingungen zu verstärken. Zu erreichen, dass die ehemaligen Kämpfer sich auch in Zukunft als handelnde und gestaltende Subjekte begreifen. Organisation als erster und wichtigster Schritt für die Rehabilitation und Integration (damals war der Begriff und  das Konzept der “Inklusion” noch weitgehend unbekannt). In dieser Zeit entstand das Motto: “Estamos heridos pero no vencidos” (zu deutsch: Wir sind zwar verletzt, aber nicht besiegt”).

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Foto: Michael Kleutgens

Aber es ging auch darum, auf die ganz konkreten Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Menschen mit Behinderung eine ganz konkrete Antwort zu geben. So entstand mit Hilfe von PRODERE (Hilfsprogramm der Vereinten Nationen für Flüchtlinge) das erste dörfliche  Rehazentrum in Guarjila – einem kleinen Ort sieben Kilometer von der Provinzhauptstadt entfernt – und wir konnten die erste Physiotherapeutin, den ersten Psychologen und die ersten Betreuer/-innen für gemeindegestützte Rehabilitation unter Vertrag nehmen. Das Neue an dieser Arbeit: Sie fand von Anfang an unter der absoluten Selbstverwaltung der organisierten Kriegsbehinderten statt.

Dementsprechend war es auch eine Entscheidung der Kriegsbehindertenorganisation, die Arbeit beziehungsweise das “Dienstleistungsangebot” von Physiotherapeutin, Psychologen und Rehabilitationsbetreuer/-innen nicht auf das Kollektiv der Kriegsbehinderten zu beschränken, sondern für die gesamte Bevölkerung im Einzugsgebiet zugänglich zu machen. Die Überlegungen,  die hinter dieser Entscheidung standen: Zum einen ist die ganze Bevölkerung hier auf irgendeine Form “kriegsbehindert”, alle haben den Krieg erlebt, erlitten, daran teilgenommen.,Zum anderen beweisen wir auf diese Weise,  dass wir nicht nur eine “Last” sind für die Gemeinde, sondern auch aktiv zur Verbesserung der Lebensbedingungen aller weiterhin beitragen können.
Nur der Zugang zum beruflichen Ausbildungsprogramm (Kurse für Schreiner, Elektriker, Schweißer, Maurer, Schneider, Friseure,  Automechaniker u. a. ), das wir in dieser Zeit gemeinsam mit einer staatlichen Ausbildungseinrichtung organisierten, und die materiellen Hilfen zur Existenzgründung, wie Schweißgeräte, Nähmaschinen und Werkzeugkästen, war auf die Gruppe der Menschen mit Kriegsbehinderungen begrenzt. Für mehr reichte das Geld, was ausschließlich über die internationale Kooperation – und ab 1996 auch von Caritas international – kam, nicht.

Die Öffnung  der Arbeit auch für Menschen, die keine direkte Kriegsbehinderung hatten, hatte auf die Dauer Konsequenzen. Davon erzähle ich euch dann in meinem nächsten Beitrag.


Archiv, Lateinamerika, Teilhabe bei Behinderung

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