10. Juli 2015   | Neuer Kommentar

Ukraine: Neue Aufgabe für bewährtes Caritas-Team

Eigentlich sollte der Besuch von Christian Scharf von der Caritas Fulda bei den Kollegen der Caritas Iwano-Frankiwsk vor allem dem fachlichen Austausch in der Behindertenhilfe dienen. Doch was sich bei seiner Ankunft bereits andeutete, wurde in den Folgetagen augenscheinlich. Die hiesige Caritas sieht sich seit einiger Zeit einer ganz neuen Herausforderung konfrontiert.

Lagerräume der Caritas Iwano-Frankiwsk

Aus Büroräumen werden Lager für Hilfsgüter

Wer hätte Anfang 2014 gedacht, dass sich für die Caritas in der Ukraine zwangsweise immer mehr ein ganz neues Arbeitsfeld in den Vordergrund schieben würde? Flüchtlingshilfe – oder Vertriebenenhilfe? Denn die Flüchtlinge kommen alle aus demselben Land und binden seit einem Jahr stark die Kräfte auch der Caritas in Iwano-Frankiwsk. Rund 1.700 Personen betreut sie momentan – Menschen, die von der Krim oder aus den umkämpften Gebieten in der Ostukraine geflohen sind, um den Kämpfen auszuweichen und nun im Westen des Landes gestrandet sind. Oft kommen sie völlig ohne Hab und Gut an und versuchen nun einen Neuanfang. Die Caritas verteilt Hilfsgüter zur Erstausstattung, hilft bei der Suche nach Wohnraum und betreut die oft gänzlich verunsicherten Menschen durch Beratung und therapeutische Maßnahmen. Nebenbei versucht man das Team durch Fortbildungen auf die neuen Herausforderungen einzustellen, doch das Motto ist in erster Linie „learning by doing“, denn der Hilfebedarf ist permanent groß. Der Fokus der Betreuung liegt, so erzählt man uns, auf den Schwangeren, Alleinstehenden, Witwen, Waisen sowie alten Menschen, Menschen mit Handicap und kinderreichen Familien. Männer lassen sich nur selten als Flüchtlinge registrieren, denn niemand will als Feigling und Drückeberger identifiziert werden. Dabei ist Angst vor den Schüssen und dem Raketenbeschuss doch nur menschlich.

Kinder leiden am meisten
Hilfsgüter sind bei der Caritas Iwano-Frankiwsk ständige Mangelware, obwohl viele Räume im Caritashaus inzwischen wie Warenlager anmuten. Gebraucht werden Hygieneartikel, Medikamente, Verpflegung, Kleidung, Schuhe, Wäsche sowie Artikel des täglichen Bedarfs. Ein besonderes Thema sind die Flüchtlingskinder. Derzeit befinden sich etwas mehr 600 in Betreuung der Caritas, davon etwa 250 unter sechs Jahren. Viele von ihnen sind von den Erlebnissen im Krisengebiet traumatisiert. Bemerkbar macht sich dies durch Unruhe, Ängste, aber auch durch aggressives Verhalten gegenüber anderen und gegen sich selbst. Die Caritas Iwano-Frankiwsk bietet ihnen therapeutische Maßnahmen. In Gruppensitzungen sollen Stress abgebaut und die Gefühle und Emotionen positiv beeinflusst werden. Für die Arbeit mit den Minderjährigen wurde extra auch ein gemütlicher Rückzugsraum eingerichtet, in dem mit den betroffenen Kindern in entspannter Atmosphäre besser Gespräche geführt werden können. In der zweiten Julihälfte geht es mit einer größeren Gruppe der Kinder in ein Ferienlager in die Karpaten. Hoffen wir, dass die Freizeit in den Bergen ihnen hilft, den Krieg und die Gewalt zu vergessen.

Die Flüchtlingshilfe der Caritas in der Ukraine wird von Caritas international unterstützt. Nähere Infos finden Sie auf www.caritas-international.de/Ukraine.


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Über Christian Scharf

Christian Scharf Dr. Christian Scharf ist Pressereferent vom Caritasverband der Diözese Fulda. Er schrieb für den Blog bereits von Dialog- und Pressereisen aus Kambodscha, Jordanien und dem Libanon. Regelmäßig ist Christian Scharf in der Ukraine unterwegs, denn hier hat Caritas Fulda einen Schwesterverband in der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk, und von dort berichtet Christian Scharf immer wieder über den Fortgang gemeinsamer Hilfsprojekte.

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