15. Juli 2015   | Neuer Kommentar

Ukraine: Inklusion gemeinsam gestalten

Der letzte Exkurs der Delegation um Christian Scharf führte die Fuldaer Besucher zu einer von mittlerweile vier im Bezirk Iwano-Frankiwsk entstandenen Selbsthilfeinitiativen von Familien mit Menschen mit Behinderung.

Selbsthilfegruppe

Mitglieder der Selbsthilfegruppe „Dovirja“ in Burschtyn (Foto: Christian Scharf, Caritas Fulda)

Ziel unseres letzten Besuchs war die Selbsthilfegruppe „Dovirja“ (Deutsch: “Vertrauen”) in Burschtyn, einer Industriestadt rund 50 Kilometer nördlich von Iwano-Frankiwsk. Hier haben Betroffene, Eltern, Angehörige und Engagierte auf Anregung von und in Kooperation mit der Caritas Iwano-Frankiwsk Strukturen aufgebaut, um mit eigenen Kräften die Betreuung der Menschen mit Behinderung zu gewährleisten und sich vor allem gegenseitig dabei zu unterstützen. Im kleinen Rahmen gibt es auch Arbeitsangebote. Die Menschen mit Handicap arbeiten zum Beispiel mit Papier, Holz und Stoffen. Aber auch Sport und Bewegung spielen eine wichtige Rolle. Bei all diesen Aktivitäten unterstützen sich die Eltern gegenseitig in der Betreuung und können so gemeinsam die Freizeit ihrer Kinder möglichst abwechslungsreich gestalten.

Die Caritas Iwano-Frankiwsk sorgt für Beratung und logistische Unterstützung. Begleitet wird das Projekt außerdem von einem Kaplan, der die Selbsthilfegruppe regelmäßig besucht. Er ist Ansprechpartner für Krisengespräche und bietet seelsorgerische Hilfe, wenn die Initiatoren der Selbsthilfe angesichts der Fülle an Aufgaben und Zielen zu verzweifeln drohen. Ein Fahrzeug mit Chauffeur wird von der Caritas auf Abruf zur Verfügung gestellt, um die Mobilität der Menschen mit Behinderung im Rahmen der unterschiedlichen Aktivitäten zu gewährleisten. Lediglich das Benzingeld muss von der Gruppe selbst aufgebracht werden, was allerdings angesichts der Inflation und der knappen Mittel immer wieder eine echte Hürde darstellt.

Deutscher Partner im Projekt ist die Caritas des Bistum Fulda, die zudem Drittmittel von Aktion Mensch für das Selbsthilfe-Projekt eingeworben hat. Darüber hinaus konnte die Initiative kommunale Politiker und einen örtlichen Sponsor dafür gewinnen, die Betreuungsarbeit des Selbsthilfevereins zu unterstützen. Unsere kleine Fuldaer Delegation wurde bei ihrem Besuch in Burschtyn herzlich empfangen. Zunächst wurden uns die Werkstattprodukte präsentiert und natürlich gab es auch ein paar Erinnerungsgeschenke für die Gäste aus Deutschland. Anschließend, bei einem ausführlichen “Runden Tisch”-Gespräch, fanden die Besucher aus Deutschland viele anerkennende Worte für die ukrainische Initiative. Zwar sei man in Deutschland in Fragen der Inklusion vielleicht schon etwas weiter, doch gäbe es auch in Fulda noch viel zu tun, um Menschen mit Behinderung tatsächlich vollständige Teilhabe zu ermöglichen. Und – auf die Frage einer der engagierten Mutter hin – auch die Caritas Fulda hat leider keinen Oligarchen, der mit einem Handstreich alles regelt und jegliche finanziellen Sorgen von uns nimmt.

Wir haben den Kollegen der Caritas Iwano-Frankiwsk zugesichert, das Projekt weiter zu begleiten. Später sollte die Delegation sogar beschließen, in angemessenem Rahmen finanzielle Mittel für die Ausstattung der Räume der Initiative bereitzustellen, ohne damit aber das Grundkonzept der Aktivierung eigener Ressourcen zu kippen. Denn das Ziel muss es sein, dass sich die Initiative aus eigener Kraft am Leben halten kann. Nach einigen Interviews mit den lokalen Medien und einem Gruppenfoto mit Eltern, Angehörigen und Menschen mit Behinderung ging es zurück nach Iwano-Frankiwsk. Denn am nächsten Tag stand bereits die Rückreise nach Deutschland an. Unsere Partnerschaft wurde jedoch weiter gefestigt und eines steht jetzt schon fest: Wir werden wieder kommen!

Print Friendly, PDF & Email

Archiv, Europa, Teilhabe bei Behinderung

Über Christian Scharf

Christian Scharf Dr. Christian Scharf ist Pressereferent vom Caritasverband der Diözese Fulda. Er schrieb für den Blog bereits von Dialog- und Pressereisen aus Kambodscha, Jordanien und dem Libanon. Regelmäßig ist Christian Scharf in der Ukraine unterwegs, denn hier hat Caritas Fulda einen Schwesterverband in der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk, und von dort berichtet Christian Scharf immer wieder über den Fortgang gemeinsamer Hilfsprojekte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.