30. November 2015   | 2 Kommentare

Tansania: Dialogreise vom 28. November bis 6. Dezember

Tag 2 – Sonntag, 29. November 2015: Tansania ist ein Land der Businessmen. Unverkennbar, als wir am Morgen die Ausfallstraße in Daressalam Richtung Arusha herausfahren. Kilometer um Kilometer Verkaufsstände. Wir besuchen heute ein Projekt des indischen DMI-Ordens für misshandelte Mädchen.

An den Verkaufsständen wird alles angeboten. Bedarf gibt es offensichtlich vor allem auch an Betten, die uns immer wieder auffallen. Ein großes Angebot, aber immer das gleiche Modell. Erhältlich sind aber auch zum Beispiel massive Zaunelemente aus Beton, die gleich vor Ort von Hand gemischt und gegossen werden. Das Bild setzt sich in jeder Seitenstraße fort.

Auch in der langen Seitenstraße, durch die wir langsam mit unserem Kleinbus fahren. Businesswomen und -men zu werden, das wird wohl das Schicksal der meisten Kinder und Jugendlichen sein, die uns einheitlich gekleidet und in Reihen aufgestellt hinter dem Tor von DMI begeistert mit einem Tanz begrüßen. Immer wieder klingelte schon im Bus das Handy von Wolfgang Fritz, um unseren Fortschritt zu erkunden, der in der staugeplagten 4-Millionen-Metropole Daressalam recht gut war, weil es Sonntagmorgen war.

Die Schwestern des indischen Ordens finden als Projektpartner von Caritas international misshandelte Mädchen, nehmen sie für ein Jahr auf und versuchen, ihnen in diesen wenigen Monaten das Rüstzeug fürs Leben mitzugeben. Eine Chance auf einen dauerhaften sicheren Job werden trotzdem die wenigsten von ihnen haben. Weil es die nicht gibt. Sie müssen sich mit viel Eigeninitiative eine Nische suchen, um etwas anzubieten, was sich verkaufen lässt.

Ob es am Ende reicht, um nicht nur neue Ware zu kaufen, sondern auch noch ein wenig fürs Leben übrig zu behalten, muss sich jeden Tag neu zeigen. Deswegen sind auch alle Stände am Sonntag geöffnet, nur im Zentrum der Stadt haben die großen Geschäfte geschlossen.

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In einem Theaterstück verarbeiten die Mädchen ihre Geschichten. Foto: Harald Westbeld

Typisch ist die Geschichte von Jenny, die uns nach einer Messe auf Kisuaheli und Englisch vorgeführt wird. Von ihren Eltern in die große Stadt geschickt, um endlich in die Schule gehen zu können, wird sie stattdessen von der Tante als Haushaltshilfe den ganzen Tag eingespannt und schikaniert. Eine Nachbarin berichtet dies schließlich der Polizei, die Jenny den Schwestern vom DMI übergibt.

Etwas verkürzt und was die Rolle der Polizei angeht, nach unserem Gefühl möglicherweise auch ein wenig geschönt, finden die jungen Ordensschwestern so die Mädchen. Selbst in der nüchternen Powerpoint klingt durch, dass dieser Prozess offensichtlich nicht so einfach ist. Auch wird erst nach Beratungsgesprächen entschieden, wer aufgenommen werden kann. Der Alltag ist dann stramm organisiert.

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Gruppenbild Foto: Harald Westbeld

Selbstvertrauen sollen die Mädchen zurück gewinnen, Englisch lernen sie und je nach Neigung den Umgang mit Computer, das Schneidern oder einen Beauty-Salon zu führen. Damit, versichern die Schwestern, lasse sich gut Geld verdienen. Angesichts der kunstvoll geflochtenen Haare vieler Frauen, erscheint das sehr glaubhaft. Jedes Mädchen erhält auch ein kleines Stück Land im Garten und kann aus den zur Verfügung gestellten Samen entscheiden, was es anbauen will.

Versucht wird in dieser Zeit, Kontakt mit den Eltern aufzunehmen und eine Rückkehr vorzubereiten. Denn immer im Dezember endet das Jahr mit Prüfungen und einem Zeugnis und dann muss eine weitere Perspektive gefunden sein. Damit die nächste Gruppe starten kann.

Wir hinterlassen auf dem Missionsgelände etwas Bleibendes. Die Schwestern haben für jeden von uns einen Setzling besorgt und mit Namensfähnchen ausgestattet. Jeder pflanzt seinen Avocadobaum in die vier Ecken der grünen Beete vor den Häusern, in drei Jahren sollen sie gut herangewachsen sein. Ein ordentlicher Eimer Wasser zur harten Erde sorgt für einen guten Start.

Es sind immer nur 30 Kinder und keiner weiß, wie viele, die auf der Straße leben, wirklich missbraucht werden. Aber diese 30 bekommen eine Chance.

Wir machen uns auf den Rückweg in die Stadt, wollen noch eine kurze Pause am Gästehaus der Tansanian Episcopal Conference einlegen, aber stecken sofort im Stau. Es sind zwar noch fast drei Stunden bis zum reservierten Tisch in einem Restaurant, aber das kann knapp werden. Also stattdessen eine kleine Stadtrundfahrt ins Zentrum und Geschäftsviertel, in dem nur wenige historische Häuser aus der Kolonialzeit überlebt haben, die Kathedrale umfahren wir nur. Endlich das Meer. Um ein paar Minuten Seeluft zu schnuppern, reicht es. Fröhliches Strandleben, die Kinder plantschen im lauwarmen Wasser des Pazifik, in der Ferne liegen etliche Frachter auf Reede.

Dann treibt uns Wolfgang Fritz weiter, denn reservierte Tische werden hier nur wenige Minuten frei gehalten und tatsächlich ist das Restaurant voll. Er hat extra eine Stelle an einer Bucht ausgesucht, von der der Sonnenuntergang über dem Wasser beobachtet werden kann, obwohl Daressalam an der Ostküste liegt. Es schieben sich dann ein paar Wolken davor. Aber der schönen Abendstimmung schadet das nicht. In der Dämmerung werden Kerzen auf den Tisch gestellt – 1. Advent.


Afrika, Archiv, Rechte für Kinder

Über Harald Westbeld

Harald Westbeld Harald Westbeld ist Pressereferent des Diözesancaritasverbands Münster. Im Rahmen der Dialogreise 2015 reist er nach Tansania. 2007 ging seine erste Dialogreise in den Niger - eine eindrückliche Erfahrung und Harald Westbelds erster Kontakt mit Afrika.

2 Antworten auf Tansania: Dialogreise vom 28. November bis 6. Dezember

  1. Anne Stein sagt:

    Lieber Herr Westbeld,
    Ihre Information beeindruckt mich. Danke für die schnellen Detail-Informationen. Danke, dass es caritas international gibt. Bitte grüßen Sie unseren Caritasdirektor Wolfgang Schnörr von uns in der Geschäftsstelle.
    Eine gute Reise wünschen Ihnen mit Gottes Segen
    Anne Stein und Caritas-MitarbeiterInnen
    in der Geschäftsstelle des Caritasverandes Mainz e. V.

    • Harald Westbeld sagt:

      Hallo Frau Stein,
      danke für die Bestätigung dranzubleiben. Es drängt auch zum Schreiben bei all diesen Eindrücken. Ich werde die Grüße übermitteln. Und jetzt ist Empfang mit dem Bischof…
      Grüße aus Dar es Salaam
      Harald Westbeld

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