3. Dezember 2015   | Neuer Kommentar

Tansania: Dialogreise vom 28. November bis 6. Dezember

Tag 5 – Mittwochvormittag, 2. Dezember 2015: Tansania ist auf dem weiten Weg zur Inklusion: Beim ersten Mal erschrickt Lemomo und flüchtet sich schnell zu seiner Mutter. Aber die Neugier siegt, zögernd kommt er wieder näher. Wit besuchen Huduma ya Walemavu, eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung.

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Schild am Eingang Foto: Harald Westbeld

Ich habe ihm das Foto, das ich von ihm gemacht habe, auf dem Display der Kamera gezeigt. Er hat es berührt, erst zaghaft, dann etwas fester und die Kamera erneut mit einem Klicken ausgelöst. Er probiert es wieder und ist begeistert. Er will gar nicht mehr aufhören und die Kamera übernehmen.

Wir haben einen neuen Freund gewonnen, der uns in Huduma ya Walemavu, der Station für behinderte Kinder in Monduli, fortan kaum noch von der Seite weicht, sobald er eine Kamera sieht. Immer wieder muss er von seiner Mutter oder einer Betreuerin eingefangen werden. Wir ernennen ihn zu unserem Fotoassistenten.

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Lemomo aus der Einrichtung Huduma ya Walemavu ist vom Fotografieren ganz fasziniert. Foto: Harald Westbeld

Vom Alter her hätten wir Lemomo auf vier geschätzt und auch dafür wäre er eher klein geblieben. Tatsächlich ist er sieben oder acht Jahre alt, wie uns die Kollegin der Station versichert. Wie so viele der Kinder und Jugendlichen hier leidet er unter Knochenerweichung, die durch zuviel Fluor im Wasser verursacht wird. Ergebnis sind häufig Fehlstellungen der Beine und Füße, die Operationen zur Korrektur erfordern. Lemomo ist inzwischen wieder ziemlich flott unterwegs.

Wir bekommen beim Rundgang durch die Schlafräume aber auch Patienten zu sehen, bei denen eine vollständige Genesung nicht möglich sein wird. Nach Huduma ya Walemavu kommen die Kinder zur Voruntersuchung und bleiben, in der Regel begleitet von Eltern und Großeltern, mehrere Wochen nach der Operation. Manchmal wird eine zweite OP erforderlich, danach beginnt die Physiotherapie.

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Menschen mit Behinderung werden in Huduma ya Walemavu operiert und erhalten im Anschluss Physiotherapie. Foto: Harald Westbeld

100 freiwillige Gesundheitshelfer sind hier ausgebildet worden und in weitem Kreis um Monduli in den Dörfern unterwegs, um Kinder mit Behinderungen aufzuspüren und die Eltern über eine mögliche Behandlung zu informieren. In drei Teams fahren hauptamtliche Mitarbeiter manchmal bis zu einer Woche am Stück  für eine erste Voruntersuchung durch die Dörfer. Bestätigt sich der Verdacht, wird ein Termin für die Vorstellung in Monduli vereinbart.

Ein System, das offensichtlich funktioniert und uns beeindruckt. 2080 Kinder und Jugendliche sind so in den vergangenen drei Jahren erreicht worden. Die Initiative ergriff im Jahr 1990 Elfriede Steffen mit einer Stiftung. In der Mitte der 90-er Jahre begann Caritas international, sich vor Ort zu engagieren und unterstützte den Bau der Gebäude auf dem weitläufigen Gelände. Zwischen Schlafräumen, Versammlungsgebäude, Schule, Werkstätten und Therapieräumen laufen Kühe und Ziegen. Sie tragen ebenso zur Selbstversorgung bei wie der Gemüsegarten.

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Die Einrichtung setzt sich aber auch für mehr Verständnis für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft ein. Foto: Harald Westbeld

Mireile Kapilima und ihre Mitarbeiter wollen aber mehr als die aktuelle Behandlung ermöglichen. Das Verständnis der Bevölkerung für Menschen mit Behinderung soll gefördert werden. Bislang ist es so wie bei uns vor Jahrzehnten: Behinderte werden versteckt. Eine große Aufgabe, und natürlich können sie dies nur in einer begrenzten Region schaffen, aber zumindest dort. Die Gesamtzahl der Menschen mit Behinderung in Tansania wird auf über zwei Millionen geschätzt.

Erst einmal geht es in Huduma ya Walemavu weiter. 450.000 Euro kann Caritas international dank eines generösen Stifters für die kommenden drei Jahre zur Verfügung stellen.

Wir fahren zurück nach Arusha, um unweit unserer Lodge am Mittwochnachmittag Anna Mollel zu treffen, die die Station in Monduli aufgebaut hat und in ihrem „Ruhestand“ noch einmal richtig durchgestartet ist.

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Afrika, Archiv, Rechte für Kinder, Teilhabe bei Behinderung

Über Harald Westbeld

Harald Westbeld Harald Westbeld ist Pressereferent des Diözesancaritasverbands Münster. Im Rahmen der Dialogreise 2015 reist er nach Tansania. 2007 ging seine erste Dialogreise in den Niger - eine eindrückliche Erfahrung und Harald Westbelds erster Kontakt mit Afrika.

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