Tansania: Dialogreise vom 28. November bis 6. Dezember

Tag 7 – Freitag, 4. Dezember 2015: Fluor ist das Problem. Wir geben es Kleinkindern in Tablettenform, weil wir zu wenig haben. In der Provinz Longidu am Mount Meru führt ein zu hoher Anteil an Flourid im Trinkwasser zu Behinderungen.

 

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In diese Gesundheitsstation kommt ein Vater mit seinem 19-jährigen Sohn. Der Befund, deformierte Beine wegen Knochenerweichung durch zu fluoridhaltiges Wasser, ist schnell gestellt, ein Termin zur weiteren Untersuchung wird vereinbart. Foto: Harald Westbeld

Deswegen kommt ein Vater heute mit seinem 19-jährigen Sohn in die Gesundheitsstation des kleinen Dorfes abseits der Hauptstraße von Arusha nach Nairobi. Ein kurzer geübter Blick der Pflegerinnen reicht: Die Beine sind deformiert. Fluor weicht die Knochen auf. Es wird ein Termin vereinbart in zwei Wochen in der Huduma ya Walemavu-Station, einem Projekt für Kinder mit Behinderungen, das wir am Mittwoch besucht haben.

Dort werden die Kinder und Jugendlichen aufgenommen, auf Operationen vorbereitet, anschließend dort gepflegt und durch Physiotherapie unterstützt. Sechs Wochen rechnet die tansanische Kollegin für die Nach-OP-Phase, dann die Kontrolluntersuchung, notfalls eine zweite Operation und Physiotherapie. Ein Routine-Fall. Aufgespürt hat den Jungen ein freiwilliger Gesundheitshelfer, der von Dorf zu Dorf geht und die Eltern versucht, davon zu überzeugen, sich Hilfe zu suchen.

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Vor der Hütte seiner Familie sitzt ein siebenjähriger Junge. Er benötigt eine zweite Operation, damit seine deformierten Beine korrigiert werden können. Sein Vater hat keine Mittel, die dafür nötigen 50 Euro zu zahlen oder er möchte sie nicht investieren. Foto: Harald Westbald

Der Siebenjährige, den wir im Dorf nebenan als nächsten Patienten besuchen, bräuchte auf jeden Fall eine zweite Operation. Die Beine sind deutlich gebogen, nur mühsam kann er sich auf einen Stock gestützt fortbewegen. Doch der Vater kann die 50 Euro, die er zur Operation beitragen müsste, nicht aufbringen. Oder er will es nicht, denn er hat keine Hoffnung mehr auf Heilung und muss weitere sechs Kinder ernähren.

Rätselhaft bleibt uns, warum es manche Kinder so hart trifft, aber wie in diesem Fall die Geschwister gar nicht. Obwohl sie natürlich das gleiche Wasser trinken. Erstaunlich klein und jung sehen die Patienten oft aus. Auch dem 19-Jährigen hätten wir höchstens 14 Jahre zugetraut und er wäre auch dafür noch recht klein. Die Grundbedingungen, auch die Ernährung, beeinträchtigen offensichtlich die Entwicklung deutlich.

Das Problem ist erkannt, aber die Lösung schwer. Für die Gesundheitsstation steht gesundes Wasser zur Verfügung, aber für das ganze Dorf reicht es nicht. Der Dorfvorsteher erklärt, dass einige Familien einfach fortgezogen sind.

Wir besuchen ein weiteres Dorf. Erst ist die Piste abseits der Hauptstraße staubig, auch wenn tiefe Rinnen von den Kräften jüngerer Fluten zeugen. Kurz darauf beginnt es zu regnen und die feine Vulkanerde wird zu Schmierseife. Eigentlich kein Problem für einen Landcruiser. Doch in den tiefen Rinnen bergauf stellt sich der erste Wagen plötzlich quer und bleibt stecken. Also die Räder vorne per Hand blockiert, den Viergangantrieb eingeschaltet – nach ein paar Versuchen geht es weiter. Unser Fahrer Joseph folgt seinem Beispiel, kommt wie die anderen im ersten Versuch durch, auch wenn es mächtig schüttelt.

Kurz darauf folgt ein steiler Hang. Der erste unserer fünf Wagen probiert es und muss nach 50 Metern aufgeben, hier ist kein Durchkommen. Auf dem Rückweg schleudert der erste Wagen an der gleichen Stelle und fährt sich fest. Erst nach mehreren Versuchen und nachdem alle beim Schieben geholfen haben, kommt er frei. Die anderen Fahrer haben sich die Stelle genau angesehen und schaffen es mit Schwung.

Wir brechen das Programm ab, die ersten Eindrücke vom Morgen waren schon heftig genug und die Bilder wirken nach: Ein einjähriges Mädchen war unter den Patienten, das nicht sitzen und seinen Kopf halten kann, außerdem hat es vermutlich eine Spastik und weitere unklare Symptome. Möglicherweise eine Komplikation in der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Auch diese junge Mutter bekommt einen Termin bei Huduma ya Walemavu, wo die Caritas Deutschland seit vielen Jahren stark engagiert ist.

Die Mitarbeiterinnen haben es sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Patienten zu behandeln, sondern auch das Bewusstsein für Behinderungen zu fördern und eine inklusive Gesellschaft zu erreichen. Ein weiter Weg, aber im Kleinen gelingt er. In der Station selbst sind einige Mitarbeiter mit Behinderungen beschäftigt, sie arbeiten als Gärtner oder hüten Kühe.

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Autor: Harald Westbeld

Harald Westbeld ist Pressereferent des Diözesancaritasverbands Münster. Im Rahmen der Dialogreise 2015 reist er nach Tansania. 2007 ging seine erste Dialogreise in den Niger - eine eindrückliche Erfahrung und Harald Westbelds erster Kontakt mit Afrika.

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