12. Januar 2016   | Neuer Kommentar

Haiti: Erinnerungen sechs Jahre nach dem Erdbeben

In den schwersten Zeiten erkennen Menschen oft die Notwendigkeit, zu handeln und packen mit an. So auch nach dem Erdbeben in Haiti am 12. Januar 2010. In der Hauptstadt und der Region um Port-au-Prince waren alle Menschen in irgendeiner Weise von dem schweren Beben betroffen. Die Verluste waren schmerzlich. Manche waren direkt durch den Tod eines Familienmitglieds betroffen. Andere verloren all ihren Besitz und ihre Lebensgrundlage.

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Caritas Helfer nach dem Erbeben im Januar 2010 in Haiti. Foto: Caritas international

Wenn man sich an die Nachrichtenberichterstattung während des Erdbebens erinnert, kommen einem zahlreiche Geschichten über die enorme Zerstörung und das Leid ins Gedächtnis, die die Katastrophe ausgelöst hat. Über die selbstlosen Individuen, die trotz eigener Betroffenheit und traumatischer Erfahrungen, Katastrophenhilfe geleistet haben, wurde in den Medien wenig berichtet.

Wenn eine Katastrophe eintrifft, haben die Mitarbeiter der lokalen Kirchenorganisationen und des Caritas-Netzwerkes, die humanitäre und Entwicklungshilfe leisten, oft nicht den Luxus, innezuhalten, um zu trauern oder ihr eigenes Trauma zu begreifen.

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Ken Hackett, zu diesem Zeitpunkt Präsident des Catholic Relief Services (CRS), besucht ein kirchliches Kinderheim wenige Tage nach dem Erdbeben im Januar 2010. Foto: CRS

Dafür habe ich selbst zahlreiche Beispiele gesehen, als ich Haiti unmittelbar nach dem Erdbeben besucht habe, um mir ein Bild von der Hilfeleistung des Catholic Relief Services (CRS), der Caritas und der Kirche vor Ort zu machen.

Am Morgen des 13. Januars, weniger als 12 Stunden, nach dem die ersten Erschütterungen verzeichnet wurden, entschied sich der Direktor des CRS-Büros in der südlichen Stadt Les Cayes Jude Marie Banatte zusammen mit seinen Mitarbeitern, ein dutzend Lastwagen mit Essensvorräten zu beladen.

Sein Konvoi machte sich auf den Weg nach Port-au-Prince – wohlwissend, dass der Bedarf nach Hilfsgütern dort besonders hoch und die Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit traumatisiert sein würden. Inmitten des morgendlichen Chaos am 13. Januar machten Banatte und sein Team Menschen Hoffnung in einer trostlosen Situation. Der vom Erbeben aufgewühlte Staub hatte sich noch nicht wieder gesetzt und Nachbeben waren noch den ganzen Tag über zu spüren.

Selbstlosen Einsatz bewies auch der Apostolische Nuntius, Erzbischof Bernardito Auza. Als die Dämmerung am Abend des 12. Januars in Port au Prince einsetzte, machte er sich auf die Suche nach dem Erzbischof von Port Au Prince und anderen Kirchenmitgliedern, die er zu diesem Zeitpunkt nicht erreichen konnte. Irgendwann am frühen Morgen entdeckte er, zwischen den bröckelnden Wänden der Kathedrale und der Residenz des Erbischofs, die leblosen Körper des Erzbischofs Miot und seines Generalvikars.

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Das Lager des Catholic Relief Services im Januar 2010. Foto: Katie Orlinsky / Caritas international

Im Lager des CRS waren unmittelbar nach dem Beben alle im Einsatz. Freiwillige spendeten Sardinen, Säfte und andere Lebensmittel und sortierten sie in weißen Plastikeimer. Studenten, lokale Jugendgruppen, ehemalige Straßenkindern und Mitarbeitern des CRS und der Caritas arbeiteten zusammen, um dringend benötigte Essens- und Hygiene-Pakete für Überlebende zusammenzustellen.

In der Welt der Caritas gibt es viele unbesungene Helden. Viele gehen ihrer Arbeit ohne Applaus, ohne Fernsehinterviews oder andere Anerkennungen nach. Diese Menschen dürfen wir wahrhaftig großherzig nennen. Es sind die Menschen, an die wir uns sechs Jahre nach der Zerstörung in Haiti erinnern.

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Arbeitsfelder, Archiv, Katastrophenhilfe und -vorsorge, Konflikte und Krisen

Über Ken Hackett

Ken Hackett Ken Hackett ist US-amerikanischer Botschafter beim Heiligen Stuhl. Davor war er 18 Jahre lang Direktor des Catholic Relief Services. Hackett besuchte Haiti im Januar 2010 unmittelbar nach dem schweren Erbeben. Er verschaffte sich vor Ort einen Einblick in die Katrastrophenhilfe des Catholic Relief Services, der Caritas und anderen kirchlichen Organisationen. Seine Eindrücke von damals beschreibt er in einem Blogeintrag zum sechsten Jahrestag des verheerenden Erdbebens.

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