Japan: Neues aus Fukushima

Jeder der Bewohner der Region Fukushima kann seine ganz persönliche Geschichte zu den Ereignissen vom 11. März 2011 erzählen. Auch fünf Jahre nach dem Erdbeben, dem Tsunami und dem atomaren Super-Gau an Japans Küste benötigen viele der Betroffenen noch Unterstützung. 

Wo soll man zu erzählen anfangen, wenn man sich auf eine Reise nach Fukushima gemacht und den Menschen zugehört hat, deren Leben sich vor knapp fünf Jahren mit einem Schlag völlig veränderte? Soll man sich darauf konzentrieren, die schrecklichen Momente zu schildern, in denen die Erde bebte und das eigene Heim über dem Kopf zusammenbrach? Oder von dem Augenblick berichten, in dem eine Meter hohe Wand von Ozean sich vernichtend und unaufhaltsam durch große Teile der Region schob. Oder von den Auswirkungen des Super-GAUs im Kernkraftwerk Fukushima, der im Zusammenspiel mit den damaligen Wetterverhältnissen einen Schleier der Radioaktivität über die Gegend legte?

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Haru Migamoto in einer, von der Caritas unterstützen, Behinderteneinrichtung. Foto: Holger Vieth/Caritas international

Jeder Bewohner der Region hat eine andere Geschichte von den Ereignissen rund um den 11. März 2011 zu erzählen. Jede ist mit einem Schicksalsschlag verbunden. Und jede es wert, aufgeschrieben zu werden. Und doch bleiben manche besonders im Gedächtnis. So wie die von Haru Migamoto, einem Fischersjungen aus der Küstenregion, der in seiner Arbeitsstelle, einer von Caritas international unterstützten Behinderteneinrichtung, inzwischen wieder vor allem für seine ansteckend gute Laune bekannt ist. Vor fünf Jahren begannen sich seine Lippen allerdings für eine lange Zeit zu schließen, ein Lächeln war ihm kaum mehr zu entlocken. Migamoto, der unter einer geistigen Entwicklungsstörung leidet, hatte mit ansehen müssen, wie sein Großvater – ein Fischer – von der Tsunamiwelle getötet, das Haus an der Küste weggespült wurde. Er selbst überlebte. Seine Arbeit in der Werkstatt, in der kleine Souvenirs hergestellt werden, gab ihm schließlich wieder eine Struktur in seinem Tagesablauf und ein kleines Auskommen, der Kontakt mit seinen Kollegen und Kolleginnen neuen Halt.

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Tomeyo Watanabe vor einem Wohncontainer in Fukushima. Foto: Holger Vieth/Caritas international

Man könnte aber auch die Geschichte von Tomeyo Watanabe erzählen, einer resoluten 69-Jährigen, die sich noch detailiert an die furchterregende Gestalt des Tsunamis erinnern kann. Sie hatte Glück damals, denn ihr Heim steht auf dem Kopf eines Hügels – weit über den Dächern ihrer Gemeinde. “Es ist noch immer an Ort und Stelle”, sagt sie. “Doch ich habe gesehen, wie die Welle die Autos und Häuser unseres Ortes wie Spielzeug zerstört hat.” Auch wenn sich viele nach dem ersten Erdbeben in Sicherheit gebracht hatten, richtete der Tsunami immense Zerstörungen an und nahm den meisten dort die Lebensgrundlage. “Wie hätte ich noch dort bleiben sollen? Ganz alleine?”, fragt sie. Sie ist glücklich, jetzt mit den Bewohnern ihres Ortes in einem Übergangslager in Minamisoma wohnen zu können. Nachdem ihr Feld dekontaminiert wurde, baut sie wieder Gemüse an. Und kocht – gerne auch für die Gäste aus Deutschland. Ihre Hauptaufgabe versteht sie aber jetzt darin, sich um die Menschen zu kümmern, denen das Schicksal noch übler mitgespielt hat. “Vielen fällt es schwer, positiv zu bleiben”, sagt sie. “Für diese Menschen will ich da sein.”

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Autor: Holger Vieth

Der Politikwissenschaftler und ehemalige Agenturjournalist ist seit 2014 bei Caritas international. Als Pressereferent und Online-Redakteur kümmert er sich um Medienanfragen aller Art und versucht den Spendern die vielen Projekte mit viel Farbe näher zu bringen.

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