Japan: Die Geisterstadt

Je näher man sich an die Geisterstadt Namie, nur wenige Kilometer vom Unglücksreaktor Fukushima Daiichi heranwagt, desto gespenstiger wirkt die Landschaft. Das Straßenbild ist geprägt  von Polizisten in Schutzanzügen und Dekontaminationstrupps. An den Tankstellen wird schon lange kein Benzin mehr verkauft und viele Häuser sind verbarrikadiert.

Wenn man sich dem Reaktor Fukushima Daiichi nähert, merkt man relativ bald, dass hier etwas nicht stimmt. Der in Japan traditionell dichte Verkehr dünnt immer mehr aus, bis man die Fahrbahn exklusiv für sich zu haben scheint. Immer wieder sieht man in dicke Schutzanzüge eigepackte Polizisten, die bestimmte Straßen absperren oder patrouillieren und die armen Tröpfe, die sich aus Mangel an Alternativen in der strukturschwachen Region des Landes den Dekontaminationstrupps angeschlossen haben – in noch dickere Schutzanzüge eingepackt. Jeden Tag sind sie der Radioaktivität ausgesetzt, während wir, die Kurzbesucher, sich nach der Reise wieder erholen können.

verlassene Tankstelle Fukushima
verlassene Tankstelle in Fukushima. Foto: Holger Vieth / Caritas international

In Namie treffen wir einen Arbeiter, der eine Deponie bewacht, auf der Säcke von verstrahlter Erde gelagert werden. Die Stadt ist nur wenige Kilometer von der Küste entfernt und nur ein paar Kilometer vom havarierten Reaktor – mit dem Erdbeben, dem Tsunami und der atomaren Katastrope vor fast genau fünf Jahren hat es sie gleich dreimal schwer getroffen. Inzwischen ist Namie eine Geisterstadt, die Zapfsäulen an der Tankstelle sind verhüllt, viele Häuser sind aus Angst vor Plünderern verbarrikadiert, die Innenstadt ist komplett abgesperrt. An der Küste wurden durch den Tsunami einige Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Mr. Fukushima, so lautet tatsächlich sein Name, nimmt seine Arbeit mit einer Mischung aus Galgenhumor und Pragmatismus. Um den Hals hat er einen Strahlungszähler, der die Belastung zusammenaddiert. Wenn er das Limit erreicht habe, müsse er ein paar Wochen Urlaub machen, sagt er und lacht.

Massage Fukushima
Massage-Stunde in den Containersiedlungen. Foto: Holger Vieth / Caritas international

An dem Tag, an dem ich die durch den Super-GAU vor fünf Jahren verstrahlte Region mit meinen Kollegen unseres Partners AAR besuche, hängt eine graue Wand über der Stadt und lässt das Szenario noch mehr so erscheinen, als habe man sich in einen Endzeit-Film verirrt. Die Bewohner Namies sind entweder in andere Landesteile gezogen oder in den Containersiedlungen in einigen Kilometern Entfernung untergekommen. In diesen Nothilfeunterkünften leben sie in einer kleinen Wohneinheit und können sich mit dem Nötigsten versorgen. Unser Partner AAR sorgt dafür, dass auch der Gemeinschaftssinn gestärkt wird. In den Zentren der Siedlungen bieten sie regelmäßig Massage-Stunden an, die auch dazu gedacht sind, dass sich die überwiegend älteren Bewohner einmal ihre Probleme von der Seele reden können. AAR fördert zudem auch Workshops für Handarbeiten – vor allem für die Frauen – damit diese zusammenkommen und wieder miteinander ins Gespräch kommen. Denn sie sind nach der Katastrophe schwer traumatisiert – viele hatten sich zuächst abgekapselt und ihre Wohnungen kaum verlassen. Um die Männer zu beschäftigen und zusammenzubringen, hat AAR “Urban Gardening”-Projekte gestartet. “Ich bin stolz, dass wir es geschafft haben, dass viele Hände mithelfen. Wir müssen dafür gar nicht mehr so viel tun, die Projekte haben ein Eigenleben entwickelt”, meint Shinjiro Ohara, Projektkoordinator von AAR in der Katastrophenregion.

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Autor: Holger Vieth

Der Politikwissenschaftler und ehemalige Agenturjournalist ist seit 2014 bei Caritas international. Als Pressereferent und Online-Redakteur kümmert er sich um Medienanfragen aller Art und versucht den Spendern die vielen Projekte mit viel Farbe näher zu bringen.

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