23. März 2016   | Neuer Kommentar

Griechenland: Die vielen Gesichter von Idomeni

Ich sitze in der Abflughalle am Flughafen Thessaloniki und versuche, meine Eindrücke von 12 intensiven Tagen in Idomeni einzuordnen. Es ist viel geschrieben worden in den vergangenen Wochen über die furchtbaren Bedingungen in dem Flüchtlingslager das, wenn es nach den Regierungen Europas ginge, keines sein sollte.

Meine Kolleginnen und ich haben hautnah miterlebt unter welchen Umständen die Flüchtlinge in Idomeni ausharren. Am schlimmsten war es während des Regens. Wir gingen an Zelten vorbei, in denen Familien zusammengekauert ein Ende des Dauerregens abwarteten. Der Rauch der notdürftig vom Regen abgeschirmten Lagerfeuern brannte uns in den Augen. Wir hörten Babys schreien.

Die Bilder von Flüchtlingen, die eine gefährliche Flussüberquerung wagten, um durch ein Loch im Grenzzaun zu gelangen, gingen um die Welt. Die Frage, wer den Handzettel mit der Karte geschrieben und verteilt hat, ist für mich persönlich müßig. Vor allem im Angesicht dessen, dass diese Menschen in ihrer Verzweiflung bereit waren, ihr Leben einem Fetzen Papier anzuvertrauen.

9d580847-1159-4598-9e50-89d880e0e1acEine unserer Aufgaben in Idomeni war die Verteilung von Brennholz. Schon nach kurzer Zeit verbanden viele Flüchtlinge unsere Caritas Jacken mit Brennholzlieferungen. Uns wurde sehr oft zugelächelt. Überhaupt blickte ich während meines Aufenthalts in Idomeni in viele freundliche und dankbare Gesichter. Auch wenn wir auf die drängendste Frage der Flüchtlinge, wann sie endlich weiter können, keine Antwort geben konnten.

Am 21. März, der für uns den Frühlingsbeginn einläutet, feierten die vielen Kurden in Idomeni das Neujahrsfest. Gemeinsam mit meiner Kollegin Michaela koordinierte ich auch an diesem Tag eine Brennholzlieferung. Trotz der widrigen Umstände schienen sich die Menschen vor Ort im stillen Einverständnis entschieden zuhaben, ihre verzweifelte Situation für einen Nachmittag auszublenden und sich frei zu nehmen, von den bedrückenden Sorgen um ihre Zukunft. Immerhin gibt es inzwischen so etwas wie eine Gemeinschaft, nachdem viele der Menschen bereits seit zwei, drei oder vier Wochen vor Ort ausharren. Man kennt sich – und uns.

Auch wenn es diese Woche wieder regnen soll, zeigte sich der Frühling zumindest am 21. März von seiner guten Seite: Die tiefstehende Nachmittagssonne hatte das gesamte Areal in ein beruhigendes Licht mit langen Schatten getaucht. Überall saßen und standen die Menschen zusammen. Sie sangen, klatschten und lachten. Die vielen Freiwilligen, die seit Wochen ihr Bestes geben, um den Menschen vor Ort zu helfen, wurden eingeladen mitzutanzen und nahmen das Angebot bereitwillig an. Kinder spielten auf den Feldern Fußball. Ein Flüchtling hatte Jonglierbälle dabei und demonstrierte seine Fingerfertigkeit.

Idomeni Maedchen 2Die Atmosphäre war für diesen kurzen Nachmittag so liebevoll und einladend, dass auch wir nicht anders konnten, als uns zu den Menschen dazuzusetzen und trotz sprachlicher Barrieren, an diesem urmenschlichsten Gefühl von Gemeinschaft und Musik teilzuhaben. Was wir manchmal zu vergessen scheinen ist, dass es sich auch in Idomeni um Menschen handelt die unabhängig von Herkunft und Religion genauso fühlen, leben und lieben wie wir alle. Keiner, der diesen Nachmittag miterlebt hat, könnte sich danach ernsthaft vor diesen Menschen fürchten. Dennoch, noch während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Nachricht von Protesten im Camp und dass sich Hilfsorganisationen zur Sicherheit fürs Erste zurückgezogen haben.

Behandle Menschen als solche und sie werden sich so verhalten. Unter den gegebenen Umständen kann sich jedoch keiner darüber wundern, dass die Menschen in Idomeni sich mit diesen menschenunwürdigen Bedingungen nicht abfinden wollen und werden.

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Arbeitsfelder, Archiv, Europa, Flucht und Migration

Über Jan Schulz-Weiling

Jan Schulz-Weiling Der Freiburger Jan Schulz-Weiling war im März für die Caritas an der griechisch-mazedonischen Grenze. Er verbrachte mehrere Tage in Idomeni und machte sich ein Bild der Situation vor Ort.

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