11. April 2016   | Neuer Kommentar

Äthiopien: Das große Drängeln an der Wasserstelle

Die Gegend um die Stadt Afdem, rund 80 Kilometer nordöstlich von Asebe Teferi, gilt als eine grüne Region, in der die Vieh- und Milchwirtschaft Äthiopiens beste Bedingungen vorfinden. Eigentlich. Doch davon kann ich an diesem zweiten Tag meiner Äthiopien-Recherchereise nichts entdecken. Im Gegenteil: Staub senkt sich auf die vertrocknete Landschaft und auf die Viehherden, die sich auf dem Weg zur einzigen Wasserstelle dieser Gegend befinden. Aufgewirbelt wird dieser von der nahen Großbaustelle der Eisenbahnlinie, die die Hauptstadt Addis Abeba künftig mit Djibouti und dem Roten Meer verbinden soll.

Am Bahnübergang ist erst einmal Schluss. Nichts geht mehr. Arbeiter sind damit beschäftigt, schwere Betonplatten zwischen die Schienenstränge zu wuchten, um die Überfahrt für Fahrzeuge zu erleichtern.

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Chinesische Vorabeiter haben bei den Bauarbeiten an der Bahnstrecke das Sagen. Foto: C. Gödan / Caritas international

Mit einfachsten Mitteln: Sie setzen lange Holzstangen an und bewegen damit die Platten Zentimeter für Zentimeter weiter in ihre Endposition. Doch das dauert.

2010 begannen die Arbeiten an diesem Bauvorhaben, das die aus dem letzten Jahrhundert stammende alte Strecke von 1917 bis zum Herbst 2016 ersetzen soll. Jetzt komplett modern, elektrifiziert sollen dann Hochgeschwindigkeitszüge zwischen den Metropolen Addis Abeba und Djibouti verkehren.

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Der lange Treck zur Wasserstelle Dalabi. Foto: rf / Caritas international

Den Viehbauern, die am Rande der Strecke ihr Vieh zur nahen Tränke Dalabi treiben, sind diese Aussichten ziemlich egal. Sie werden von ihnen so oder so nichts haben. Ihr Interesse zielt gegenwärtig einzig und allein darauf, sich und ihre Tiere in dieser schweren Dürreperiode durchzubringen.

Als der Bahnübergang wieder frei ist, setzen wir die Fahrt fort. Doch nur kurz: Schon einige hundert Meter weiter sind wir inmitten unzähliger Tiere. Fast wie gefangen. Schritttempo. Der Geländewagen kommt nur schwer voran, weil die Tiere kaum Anstalten machen, uns passieren zu lassen.

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Das Tragen von Waffen ist Teil der Tradition in Somali- Region. Foto: rf / Caritas international

Die Viehbauern, vielfach junge Männer, schultern lässig eine Kalaschnikow. Für mich ein verstörendes Bild. Doch sie sind freundlich, lächeln uns zu als sie uns sehen. Die Männer stammen aus der Somali-Region im Osten Äthiopiens an der Grenze zu Somalia. Das tragen einer Waffe sei für sie eine Selbstverständlichkeit, wie ich erfahre. Zum Erwachsenwerden gehört eine Waffe und die Bereitschaft, sich und die Tierherde stets zu verteidigen.

Nach über einer Stunde quälend langsamer Fahrt erreichen wir endlich Dalabi, die große Wasserstelle. Von weitem ist bereits ein lärmendes Spektakel. Tiere brüllen, unzählige Hörner recken sich in die Höhe. Dazwischen schaukeln gemächlich Gruppen von Kamelen durch die Szenerie.

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„Eine große, große Katastrophe,“ Madane Gulet. Foto: rf / Caritas international

Dort in diesem Getümmel von Tieren treffe ich auch Madane Gulet. Freundlich lächelnd steht er zwischen seinen 20 Rindern. 20 von ehemals 200. Nur diese seien ihm noch geblieben, den Rest habe die Dürre dahingerafft. „Eine große, große Katastrophe“, erzählt er. Jetzt aber sei er hier an der Wasserstelle von Dalabi. Zusammen mit den vielen anderen Viehbauern der näheren und auch weiteren Umgebung. Diese Wasserstelle ist die letzte, verbliebene Oase inmitten dieser Dürrelandschaft. Hunderte von Rindern, Herden von Kamelen und unzählige Ziegen finden in Dalabi eine Tränke.

Auch Madane Gulet hat mit seinen letzten, ihm verbliebenen Rindern, den beschwerlichen Weg aus dem 80 Kilometer entfernten Dankarone Kebele auf sich genommen, um wenigstens diese Tiere durchzubringen. Seine drei Frauen und Kinder, bekennt er bedrückt, habe er in Dankarone zurücklassen müssen.

Der Grundwasserpegel sinkt. Foto: C. Gödan / Caritas international

Die Wasserstelle Dalabi liegt auf dem Weg zwischen den Städten Mieso und Afdem, in der Somali-Region. Dieser Landstrich gilt ganz offiziell als „Rote Zone.“ Die Situation für Mensch und Tier gilt in dieser Region als besonders kritisch. Seit nahezu drei Jahren fiel kein Regen und die Menschen hängen auch hier am seidenen Faden staatlicher und internationaler Hilfe.

Für einen kurzen Augenblick wird an der Wasserstelle Nothilfe sichtbar. Große LKWs passieren den Ort, beladen mit Tierfutter. Ihr Ziel ist das zentrale Lagerhaus in Afdem. Von dort wird das Futter weiter verteilt.

In Dalabi gibt es dagegen „nur“ Wasser, das in mehreren Brunnen noch zutage tritt. Doch das Niveau dieser Brunnen ist bereits so weit abgesunken, dass zwei oder sogar drei Menschen vonnöten sind, das Wasser nach oben zu schaffen. Allein durch Muskelkraft: eingespielt, behände und in einem harmonischen Rhythmus.

Während sich die Herden an den Tränken drängeln, versuchen einzelne Tiere ihren Magen mit vertrockneten Kakteen im Umfeld von Dalabi zu füllen. Gegen Abend, als sich die große Tränke langsam leert, verlassen auch wir den Ort.

Lebensmittelverteilung an Hilfsbedürftige auf dem Marktplatz in Mieso. Foto: C. Gödan / Caritas international

Auf unserer Rückfahrt nach Asebe Teferi passieren wir Mieso. Hier sind inmitten eines Platzes über 1.300 Menschen versammelt und warten darauf, aufgerufen zu werden. In Sichtweite vor ihnen stehen fein säuberlich aufgereiht Säcke mit Getreide und Linsen sowie große Dosen gefüllt mit Öl. Es sind Lebensmittelhilfen, die vom Staat und vom Welternährungsprogramm (WFP) bereitgestellt wurden.

„Die Haushalte müssen vorher bei den lokalen Hilfskomitees registriert haben“, erklärt mir ein Mitarbeiter, der die Verteilung genau beobachtet. Nur diejenigen, die auf der Liste stehen, bekommen Lebensmittel zugeteilt.

Quittierung mittels Daumen. Foto: C. Gödan / Caritas international

Als es endlich losgeht, gerät die Menschenmenge in Bewegung. Namen werden aufgerufen. Vor dem Tisch, wo die Registrierten mit Fingerabdrücken den Empfang der Hilfen „quittieren“ müssen, entsteht eine lange Schlange, die sich nur langsam auflöst.

Derweil schleppen andere bereits die Säcke beiseite und beginnen den Inhalt unter den Familien aufzuteilen. Ruhig. Penibel. Jedes Korn zählt. Es muss für die nächsten vier Wochen reichen.


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Über reiner fritz

Der Politiologe und Historiker ist seit Anfang 2016 bei Caritas international. "Entscheidend ist für mich, die Situation vor Ort persönlich kennenzulernen." Seine erste Reise für Caritas international führte ihn nach Äthiopien. Im Gepäck mit dabei: Erfahrungen aus zwei Jahren Dominikanischer Republik.

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