Südsudan: Der vergessene Konflikt

Auf dem Flug von Äthiopien in die südsudanesische Hauptstadt Juba fällt mir die endlos weite Landschaft auf, die ganz offensichtlich schon lange Zeit keinen Regen mehr gesehen hat. Aus der Vogelsicht betrachtet wirkt der Südsudan relativ karg – vereinzelt sind Bäume zu erkennen, Dörfer und Städte sehe ich weit und breit jedoch keine. Ich komme nicht umhin mir die Frage zu stellen, warum in diesem Land, das offensichtlich genug Platz für alle zwölf Millionen Einwohner bietet, ein Bürgerkrieg tobt.

Die südsudanesische Hauptstadt Juba aus der Vogelperspektive. Foto: Caritas international / Philipp Spalek

Der 2013, nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung ausgebrochene Konflikt, hat bisher rund zwei Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Die Ernährungslage für rund vier Millionen Männer, Frauen und Kinder ist unsicher. Als unser Flugzeug auf südsudanesischem Boden aufsetzt, habe ich ein mulmiges Gefühl. Was wird uns in den nächsten Tagen erwarten? Beim Verlassen des Flugzeugs empfängt uns zunächst einmal eine drückende Hitzewand. Auf dem Flughafengelände fallen vor allem die vielen NGO-Flugzeuge und UN Fahrzeuge auf. Im Kontrast dazu beobachten wir auf der Fahrt in die Hauptstadt Juba ein relativ lebendiges Straßenbild. Die Menschen sind zu Fuß unterwegs und gehen scheinbar ungestört ihren Beschäftigungen nach.

Unterricht in der, von den DMI Schwestern geführten Schule im Flüchtlingslager in Juba. Foto: Caritas international / Philipp Spalek

Am nächsten Tag besuchen wir das UN-Camp für Vertriebene in Juba. Die indische Schwesternkongregation DMI (Daughters of Mary Immaculate), der lokale Partner der Caritas, betreibt hier unter anderem eine Schule für geflüchtete Kinder. Auch der fünfzehnjährige John Ruol, der mit mit seiner Schwester im Lager lebt, kann hier endlich wieder zur Schule gehen. Nachdem die Mutter der beiden vor ihren Augen von Rebellen getötet wurde, sind sie nach Juba geflohen. Hier fühlen sie sich zumindest sicher.

Nyakuma mit ihrer kleinen Tochter im Arm. Foto: Caritas international / Philipp Spalek

In der Schule interessiert sich John vor allem für Religion und Naturwissenschaften. Sein Wunsch ist es, Ingenieur zu werden. Nach dem Unterricht macht er seine Hausaufgaben und spielt anschließend mit seinen Freunden Fußball. Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten gibt es im völlig überfüllten Camp kaum für Jungs wie ihn. Seine Schwester Nyakuma , die ein junges Baby hat, nimmt an dem DMI Programm für stillende Mütter teil. Sie bekommt zweimal im Monat Essenspakete, um sich und ihr Baby mit ausreichend Nährstoffen versorgen zu können. Theoretisch könnte sie für sich selber sorgen. Sie kennt sich mit Anbaumethoden gut aus. Leider gibt es im Vertriebenen-Camp dafür weder Platz noch Ressourcen.

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Juma zeigt stolz seine Schulhefte. Foto: Caritas international/ Ingo Steidl

Unser Übersetzer, ein junger Student, der selbst im UN-Lager lebt, kennt die Probleme vor Ort nur zu gut. Er studiert Humanitäre Hilfe an der Universität und schreibt gerade seine Abschlussarbeit über die Probleme im Camp. Große Sorge bereiten ihm vor allem die schlechte Wasserinfrastruktur sowie die unzureichenden hygienischen Bedingungen und die schlechte medizinische Versorgung. Doch auch an Bildungsangeboten mangelt es. Längst nicht alle Kinder hier haben einen Schulplatz. Koat Nyang Lam, der an der von DMI geführten Schule unterrichtet, beschreibt die Lage der Kinder als besonders dramatisch. “Viele von ihnen sind traumatisiert und können sich nicht konzentrieren, obwohl sie sehr wissensdurstig sind,” erzählt er. Juma, der mittlerweile in die vierte Klasse geht, lernt fleißig. Er wünscht sich, dass die Schule besser ausgestattet wird – mit Tischen und Stühlen. Seine Hefte hütet er wie einen wertvollen Schatz.

Fußball spielen ist eine willkommene Abwechslung im Alltag der Kinder im Flüchtlingslager. Foto: Caritas international / Philipp Spalek

Nach der Schule geht auch er, wie John Ruol und viele andere Jungen, seiner großen Leidenschaft nach – Fußball. Juma kann sich noch gut an das Halbfinale der Fußball WM 2014 erinnern, dass er im Camp gesehen hat. Deutschland besiegte Brasilien 7:1, Das Ergebnis hat ihn beeindruckt – obwohl er eigentlich Fan von Neymar ist, wie er mir gesteht. Überhaupt macht der Junge einen äußerst aufgeweckten Eindruck und stellt trotz seines gebrochenen Englisch ungeniert Fragen. Die Schule scheint für ihn ein wichtiger Anker zu sein, gerade jetzt, wo seine Familie so weit weg ist. Sie leben in einem anderen Camp in Bentiu, doch seine Eltern haben ihn mit seinem Onkel nach Juba geschickt, damit er hier kostenlos zur Schule gehen kann. Als ich Juma am Ende frage, was er sich denn wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, kommt die Antwort ohne eine Sekunde zu überlegen: “Schick mich zurück zu meiner Mutter.”

 

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Autor: Ingo Dominik Steidl

Ingo Steidl ist seit 2012 im Referat Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international tätig und für das Online-Fundraising zuständig.

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