31. Mai 2016   | Neuer Kommentar

Marokko: Kirche und Caritas – „Wir müssen immer wieder neu anfangen“

„Jedes Jahr verliert unsere Erzdiözese ein Viertel ihrer Gläubigen durch Abwanderung. Und jedes Jahr kommen ebenso viele Gläubige als Migranten neu dazu. Wir müssen also immer wieder neu anfangen“, fasst Msgr. Vincent Landel, der Erzbischof von Rabat, die Lage seiner Minderheitenkirche zusammen. Tatsächlich stellen die etwas mehr als 30.000 katholischen Gläubigen weniger als 0,1 Prozent der marokkanischen Gesamtbevölkerung dar. Und sie stammen aus mehr als hundert Ländern.

Die Erzdiözese Rabat erstreckt sich auf ein riesiges Gebiet, das sich von Norden nach Süden über 2.000 Kilometer und von Osten nach Westen über 1.000 Kilometer erstreckt. Seit 15 Jahren steht Msgr. Landel, französischstämmiger Marokkaner, dieser Mammutdiözese vor mit ihren gerade mal 30 Pfarreien und 25 Priestern, die ebenfalls zehn verschiedenen Nationalitäten angehören. Auch die 150 in Marokko tätigen Ordensleute stammen aus 25 verschiedenen Ländern. Er selbst bezeichnet sich als afrikanischer Bischof und unabhängig von seiner weißen Hautfarbe als „Pied Noir“ (Schwarzfuß). Für Erzbischof Landel ist dies ebenso Standortbestimmung wie sein Programm. Er versteht seine Rolle als Mittler zwischen den Kulturen, als Brückenbauer zwischen Islam und Christentum, die Kirche als Vater und Mutter von rund 15.000 jungen Studentinnen und Studenten aus Schwarzafrika, die in Marokko ganz auf sich alleine gestellt sind und mit ihren Sorgen und Nöten ganz selbstverständlich zu ihm kommen.

Msgr. Landel stellt sich den Fragen der Caritas-Mitarbeitenden aus Deutschland. (v.l.n.r. Msgr. Landel, Dolmetscher, Guido Geiss vom Caritasverband Köln)

Msgr. Landel stellt sich den Fragen der Caritas-Mitarbeitenden aus Deutschland. (v.l.n.r. Msgr. Landel, Dolmetscher, Guido Geiss vom Caritasverband Köln)

„Papst Franziskus hat uns den Auftrag gegeben, an die Peripherie, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen“, sagt Msgr. Landel. Und diesen Auftrag erfüllt die katholische Kirche in Marokko in vielerlei Hinsicht. Zum einen weil die Katholiken hier eine verschwindend kleine Minderheit in einem islamischen Land sind. Als Erzbischof fördert Msgr. Landel „die Begegnung zwischen Muslimen und Christen im Leben“ und meint damit, dass es sich um keine religiöse Begegnung handelt. Beispielsweise studierten vor zwanzig Jahren nur muslimische Studenten an den marokkanischen Universitäten. Heute studieren dort auch 15.000 christliche Studenten. Zwangsläufig kommt es dadurch zur Begegnung und zum Austausch zwischen jungen Leuten, die verschiedenen Religionsgemeinschaften angehören. An den Rändern befinden sich auch die tausenden Migranten, die aus dem Süden gekommen sind und nach Norden streben. Bis vor wenigen Jahren konzentrierten sie sich auf die Städte Tanger, Rabat und Casablanca, um von dort nach Europa weiterzukommen. Seit die Grenzen praktisch geschlossen sind, verteilen sich die Migranten über das ganze Land, wo sie häufig in sehr prekären Verhältnissen leben. Ebenfalls an den Rändern bewegt sich die katholische Kirche in Marokko hinsichtlich der geopolitischen Lage: „Wenn es in einem afrikanischen Land kriselt, dauert es in der Regel nur einen Monat, bis die von dort stammenden Studenten hier nichts mehr zu essen haben“, erklärt der Erzbischof. Die meisten erhalten ein kleines Stipendium des marokkanischen Staates, sind aber letztlich auf die finanzielle Unterstützung ihrer Familien zu Hause angewiesen. Insofern wirkt sich jede Krise in Schwarzafrika unmittelbar auch auf die katholische Gemeinde in Marokko aus.

Msgr. Vincent Landel, Erzbischof von Rabat (3. v.r) mit den deutschen Caritas-Kolleginnen und Kollegen.

Msgr. Vincent Landel, Erzbischof von Rabat (3. v.r) mit den deutschen Caritas-Kolleginnen und Kollegen.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Caritas als der soziale Arm der katholischen Kirche Marokkos. Ihre wichtigsten Arbeitsfelder sind die Bereiche Migration und die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Zusammen mit einer Gruppe von 12 Kolleginnen und Kollegen aus Caritasverbänden in ganz Deutschland besuche ich in diesen Tagen die Caritas Marokko. Wir wollen erfahren, wie die Caritas hier diese großen Herausforderungen meistert. Der Erfahrungsaustausch unter den Caritas-Kolleg(inn)en steht ebenso auf unserem Programm, wie die Begegnung mit Vertretern lokaler Selbsthilfe-Initiativen, der Besuch in Migrationszentren sowie in den katholischen Pfarreien von Casablanca und Meknes.

Lesen Sie dazu auch den Blog von Marianne Jürgens, Pressesprecherin des Caritasverbandes für die Stadt Köln e.V.: www.blog-caritas-koeln.de

 

 


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Über Christine Decker

Christine Decker Christine Decker ist Referentin in der Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international. Als Verantwortliche für verbandsinterne Kommunikation leitet sie die fachlichen Austauschreisen von Kolleg/innen aus dem In- und Ausland.

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